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Selbstfahrende AutosMit Hightech in den Verkehrskollaps

Selbstfahrende Autos machen auch Kinder und Greise automobil. Die Folgen wären noch mehr Verkehr – ausser wir fangen an, Autos zu teilen.

Selbstfahrende Autos: Experten befürchten künftig noch mehr Verkehr.
von aktualisiert am 25. Oktober 2018

Der 12-jährige Martin braucht kein Eltern-Taxi mehr, wenn er ins Fussballtraining will. Mit einem selbstfahrenden Auto fährt er sicher zum Sportplatz – und während der Fahrt erledigt er gleich noch die Hausaufgaben. Die 89-jährige Frau Balmer besucht jede Woche ihren Sohn, der am anderen Ende der Stadt wohnt: Ein selbstfahrendes Auto holt sie jeweils vom Altersheim ab.

Autos ohne Fahrer werden die Welt verändern. So stark wie einst der Umstieg von der Postkutsche aufs Automobil. Seit zwei Jahren ist in Sion das erste Postauto ohne Chauffeur unterwegs. In zwei, drei Jahrzehnten gehören vollständig computergesteuerte Autos zum Alltag, sagt die Autoindustrie voraus.

Sicher, grün, intelligent

Die Erwartungen sind immens: «Selbstfahrende Autos werden die Welt massiv verbessern», verkündet der deutsche Verkehrswissenschaftler und Ökonom Ferdinand Dudenhöffer. Tatsächlich: Die Fahrzeuge ermöglichen nicht nur Kindern und Greisen sowie körperlich eingeschränkten und heute fahruntüchtigen Menschen eine individuelle, selbstbestimmte Mobilität. Sie können auch näher auffahren und bauen keine Unfälle. Sie wählen «intelligent» den schnellsten Weg und fahren ressourcenschonend. Der Autoverkehr der Zukunft werde «smart» sein, leise und grün, verspricht die Branche.

«Selbstfahrende Autos werden für mehr Verkehr sorgen», sagt hingegen Verkehrsplaner Patrick Bösch von der ETH Zürich. In seiner Doktorarbeit kommt er zum Schluss: «Wenn man die Entwicklung nicht steuert, werden selbstfahrende Autos die Strassen verstopfen und die Zersiedelung verstärken Zersiedelung Wie die Schweiz zubetoniert wird – und was dagegen hilft .» Denn wenn jeder eines nutzen kann, werden mehr Leute im Auto unterwegs sein Verstopfte Strassen und überfüllte Züge Der Verkehrskollaps droht – und das länger und häufiger, weil weite Strecken bequemer werden und Beschränkungen wegfallen. Eine Studie aus den USA prognostiziert: Die Anzahl zurückgelegter Kilometer pro Jahr und Person wird sich mit der neuen Technik um 14 Prozent erhöhen.

10 Prozent der heutigen Fahrzeuge würden genügen

Mehr Fahrten bedeuten aber noch nicht mehr Verkehr. Selbstfahrende Autos versprechen einen weiteren Vorteil: Es braucht viel weniger Fahrzeuge, um die gleiche Anzahl Passagiere zu transportieren, denn die Autos können ständig in Bewegung sein. «Bei den heutigen Fahrzeugen müsste man ja eigentlich von Stehzeugen reden, da sie 95 Prozent der Zeit parkiert sind», sagt Mobilitätsforscher Thomas Sauter-Servaes von der Winterthurer Hochschule ZHAW. Selbstfahrende Autos hingegen laden dazu ein, dass man sie sich teilt Sharing Economy Eine hippe Geldmaschine .
 

«Autos zu teilen wäre eine Umkehrung der Entwicklung der letzten hundert Jahre.»

Gisela Hürlimann, Technik-Historikerin


Statt dass jeder ein eigenes hat, nutzt man sie wie heute Uber-Taxis – nur dass man keinen Fahrer bezahlen muss. Studien haben gezeigt, dass in Grossstädten 10 Prozent der Fahrzeuge genügen würden, um alle Leute zu befördern, die heute mit dem Auto unterwegs sind.

In allen Zukunftsszenarien führen selbstfahrende Autos deshalb zu einer «Shared Mobility», in der man die Wagen gemeinsam nutzt. «Alle Autos werden gleich sein, nicht mehr im Privatbesitz und praktisch markenlos», sagt Bob Lutz, ehemaliger Topmanager bei mehreren grossen Automarken.

Uber statt U-Bahn

ETH-Verkehrsplaner Bösch hält dagegen: «Es besteht kein Zusammenhang zwischen der Entwicklung hin zu selbstfahrenden Autos und der Praxis, dass man sich diese Autos teilt.» Autonome Fahrzeuge ermöglichten zwar verschiedene Formen von «Car-Sharing», und die Computeranimationen von geräuschlosen, elektrobetriebenen Mini-Taxis wirkten attraktiv. Die bisherigen Erfahrungen liessen aber nicht darauf schliessen, dass solche Visionen Realität würden.

Denn bereits heute gibt es zahlreiche Car-Sharing-Angebote wie etwa Mobility. Allerdings machen Fahrten mit Mobility nicht mal 0,2 Prozent der Autofahrten in der Schweiz aus. Dafür bestätigt das Beispiel Uber Sharing Economy «Uber diktiert neue Arbeitsformen» Böschs Skepsis. Eine Erhebung in US-Grossstädten zeigt: Seit Uber aktiv ist, hat sich das Verkehrsaufkommen stark vergrössert. Die Leute nutzen Uber als Alternative zum öffentlichen Verkehr – auf ein eigenes Auto verzichten sie aber nicht. Und sie wollen die Taxis auch nicht mit anderen teilen, obwohl sich so Geld sparen liesse.

Extra-Spuren und Mobility-Pricing

«Autos mit Unbekannten zu teilen wäre eine Umkehrung der Entwicklung der letzten 100 Jahre», sagt Technikhistorikerin Gisela Hürlimann von der ETH. Bis in die achtziger Jahre nahm der Anteil des Auto-Individualverkehrs am Gesamtverkehr stetig zu. Erst enorme Investitionen in den öffentlichen Verkehr verlangsamten den Trend. Denn ein Autobesitzer kann selber bestimmen, wann er reist und mit wem. Die volle Automatisierung macht das Reisen mit dem Auto bald noch bequemer – es zu teilen würde jedoch eine Komforteinbusse bringen.
 

«Auch Car-Sharing ist letztlich ein Konzept der Auto-Stadt.»

Esther Arnet, Direktorin Dienstabteilung Verkehr Stadt Zürich


Die Mobilitätsexperten Bösch und Sauter-Servaes sind deshalb überzeugt, dass nur Regulierungen dazu führen, dass die Gewohnheiten sich ändern Breitere Strassen «Das setzt einen Teufelskreis in Gang» . Sie schlagen zum Beispiel Extra-Fahrspuren für Fahrgemeinschaften vor. In den USA gibt es das schon seit den siebziger Jahren. Die reservierten Spuren haben dazu geführt, dass die Leute sich etwas häufiger ein Auto teilen, um so dem Stau zu entkommen. In jüngster Zeit haben die Niederlande, Norwegen, Grossbritannien, Spanien und Österreich ähnliche Versuche gestartet. Auch in der Schweiz ist seit diesem Herbst erstmals eine Spur für Fahrgemeinschaften reserviert, an einem stark befahrenen Grenzübergang in Genf. Ein anderer Anreiz wäre Mobility-Pricing, eine Gebühr für die Nutzung von Strassen. Auch da würden diejenigen profitieren, die sich ein Auto teilen.

Der Mensch macht die Technik, nicht umgekehrt

«Die Gesellschaft formt die Technik mindestens so sehr wie die Technik die Gesellschaft», sagt Historikerin Hürlimann. Der Verbrennungsmotor wurde erfunden, als man bereits auf maschinenbetriebene Mobilität ausgerichtet war, auf die Eisenbahn. Das Auto schuf noch mehr Unabhängigkeit von Kutschern, Pferden und Ochsen – aber auch von der Bahn selbst. Die Technologie werde sich auch heute im Zusammenspiel mit den Gewohnheiten entwickeln, sagt Hürlimann. Mobilitätsforscher Sauter-Servaes empfiehlt deshalb: «Wir sollten uns überlegen, wie wir leben und wie wir uns bewegen wollen – auf diesen Grundlagen kann die Technologie dann bei der Umsetzung helfen.»

Was bringt Car-Sharing wirklich?

Diese Diskussionen sind bereits im Gang. In Zürich ist der Stadtrat zum Beispiel skeptisch gegenüber Car-Sharing-Angeboten, wie sie Basel und Genf kürzlich zugelassen haben. Dort dürfen Firmen ihre Flotten auf öffentlichen Parkplätzen abstellen, Kunden können sie per App öffnen und dann nutzen, ähnlich wie ein Publibike.

Zürich will mit einer Bewilligung noch zuwarten. Zuerst müsse man herausfinden, was solche Angebote bewirken, sagt Esther Arnet, Direktorin der Abteilung Verkehr. In vielen Städten besässen ohnehin immer weniger Leute ein Auto. Fördert Car-Sharing nun diese Entwicklung oder führt es dazu, dass Leute von Tram und Velo Kampf um Platz Velofahrer gegen Fussgänger gegen Autofahrer wieder aufs Auto umsteigen? Esther Arnet sagt: «Auch Car-Sharing ist letztlich ein Konzept der Autostadt.»

5 Zukunftsvisionen für den Verkehr

Welche Zukunftsvisionen gibt es für den Schienen- und Strassenverkehr? Eine Einschätzung der beiden Experten Thomas Sauter-Servaes von der ZHAW und Peter de Haan von der ETH.

Selbstfahrendes Auto
  1. Strasse und Schienen werden ein Team

    «Die Bahn wird nicht so schnell verschwinden», sagt Mobilitätsforscher Thomas Sauter-Servaes. «Gerade auf stark genutzten Verkehrsachsen ist sie zu Stosszeiten jeder Art von Individualverkehr in der Flächeneffizienz haushoch überlegen.» Die Bahn bewältigt viel Verkehr auf kleinstem Raum. Neue Angebote werden auf Nebengleisen entstehen. So testet man etwa in Sitten VS seit anderthalb Jahren selbstfahrende Postautos. Die Betreiber ziehen eine positive Zwischenbilanz.

     
  2. Ein Miniauto besitzen, grosse Wagen mit anderen teilen

    «Das Auto, das man für alles brauchen kann, das Stauraum hat, eine grosse Reichweite und Vierradantrieb, mit dem einzelne Leute dann täglich zur Arbeit pendeln, ist reine Ressourcenverschwendung», sagt Thomas Sauter-Servaes. Vielleicht werde man eines Tages ein Miniauto für den Alltag besitzen und grössere Fahrzeuge mit mehr Stauraum, grösserer Reichweite oder anderen Features teilen. Allerdings warnt Mobilitätsexperte Peter de Haan: «Nicht jeder soll ein Roboterauto kaufen können. Sonst gibt es für jedes Kind ein kleines Roboterauto. Für Buben ein blaues, für Mädchen ein pinkes. Und der Verkehr wird explodieren.»

     
  3. Das Taxi der Zukunft ist ein selbstfahrendes Elektromobil

    Via App kommt es zum Passagier und bringt ihn ans Ziel. Das ist sinnvoll mit Sammeltaxis, besonders wenn keine Leerfahrten verursacht werden. Mobilitätsexperte Peter de Haan warnt aber vor zu hohen Erwartungen: «Es wird auch mit einer App nicht so sein, dass innert 30 Sekunden ein Auto vor der Tür steht.»

     
  4. Langfristig wird sich der Frachtverkehr von der Schiene auf die Strasse verlagern

    Das glaubt Experte Thomas Sauter-Servaes. Denn die Strasse wird im Verhältnis zur Bahn immer günstiger. Daimler erforscht in den USA intensiv das Platooning. Ziel: Lastwagen fahren damit viel näher hintereinander – und das bei grösserer Sicherheit.

     
  5. Im autonom fahrenden Auto die Zeitung lesen oder arbeiten

    «Grössere Autos, die autonom fahren, sind ein weiteres Konzept mit Zukunft», sagt Experte Sauter-Servaes. «Solche Fahrzeuge werden nicht mehr von aussen nach innen geplant, sondern umgekehrt.» Damit werde das Auto zu einem Third Place, neben Zuhause und Arbeitsplatz –ähnlich wie es heute die Starbucks-Filiale ist. So könne man während der Fahrt lesen, relaxen und fernsehen. Oder arbeiten, falls der Arbeitgeber «Road-Office» erlaubt. Der Nachteil: Es sind noch mehr und noch grössere Autos auf der Strasse.

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Raphael Brunner, Online-Redaktor

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