Die 86-jährige Stephanie Glaser startet derzeit im Film «Die Herbstzeitlosen» in der Rolle der Martha Jost noch einmal voll durch. Privat mag es die Schauspielerin gemütlicher. Sie fährt zwar jeden Morgen mit ihrem alten Mini ins Lieblingscafé, trinkt dort einen Espresso und liest Zeitung. Für weite Strecken nimmt sie aber lieber den Zug oder lässt sich chauffieren. «Ich fahre wohl erfahrener als früher, aber unbekannte oder weite Strecken und Fahrten bei Nacht sind mir mittlerweile viel zu anstrengend», sagt sie. «Vorbildlich», lobt die Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Verkehrspsychologie, Jacqueline Bächli-Biétry. «Stephanie Glaser ist sich bewusst, dass vieles nicht mehr so einfach geht wie in jungen Jahren. Viele wollen das nicht einsehen.» Dabei sei es gerade im Alter nötig, das Fahrverhalten und die Routen- und Zeitplanung den körperlichen Fähigkeiten anzupassen. «Damit können Beeinträchtigungen wettgemacht werden», so die Verkehrspsychologin.

Wer nicht zu einem rollenden Risiko werden will, muss sich bewusst sein, dass sich bei jedem Menschen mit zunehmendem Alter unvermeidliche Veränderungen einstellen, die auch die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen können: Sehvermögen und Konzentrationsfähigkeit nehmen ab, das Gehör wird schlechter, die Reaktionsfähigkeit vermindert sich. Auch die Beweglichkeit kann wegen Arthrose, Rheuma oder Durchblutungsstörungen eingeschränkt sein.

Ein deutlich erhöhtes Risiko
Obwohl der Bevölkerungsanteil der Senioren hierzulande nur etwas über elf Prozent beträgt, beläuft sich ihr Anteil an den Verkehrstoten auf überproportionale 19,4 Prozent. «Sie haben also ein deutlich erhöhtes Risiko, im Strassenverkehr ums Leben zu kommen als jüngere Personen», schreibt Uwe Ewert von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) in einer Studie. Setzt man die Anzahl Unfälle mit den gefahrenen Kilometern in Relation, stellt man fest, dass Senioren ebenso wie ganz junge Lenker in mehr Unfälle mit Todesopfern und Schwerverletzten verwickelt sind als Fahrer mittleren Alters. Allerdings unterscheiden sich Art und Ursache der Unfälle: Ältere Personen verunfallen im Gegensatz zu Jungen selten wegen Geschwindigkeitsübertretungen, Alkoholeinfluss oder Nichtbenutzen von Sicherheitsgurten. «Typisch für die Senioren sind hingegen Unfälle an Kreuzungen oder Einmündungen», bringt es Ewert auf den Punkt. Zudem sind sie häufiger schuld an Unfällen.

Wer über 70 ist, muss sich alle zwei Jahre vom Arzt die Fahrtüchtigkeit bescheinigen lassen. «Wenn er mir das Autofahren verbieten würde, würde mir das nicht das Herz brechen», sagt Stephanie Glaser. Die Grande Dame des Schweizer Films wäre sogar bereit, ihren Fahrausweis freiwillig abzugeben, sollte sie sich hinterm Steuer nicht mehr sicher fühlen (siehe «Wann wirds kritisch?»). Viele ältere Fahrer fürchten hingegen, mit dem Führerschein auch ihre Autonomie zu verlieren. Und gerade für ältere Männer ist das Auto nach wie vor ein Symbol der Freiheit.

Angehörige, die sich um ihre autofahrenden älteren Verwandten sorgen, sollten versuchen, diese für eine Fahrberatung zu gewinnen, wie sie in vielen Kantonen angeboten wird – insbesondere dann, wenn sich im Alltag Anzeichen einer möglichen Fahruntüchtigkeit mehren, etwa Orientierungslosigkeit, Trittunsicherheit, Verwirrtheit. Denn zwischen den ärztlichen Kontrollen liegen immerhin zwei Jahre – ein Zeitraum, in dem neue Gesundheitsprobleme auftreten können.

Angehörige können ihren betagten Verwandten das Autofahren nicht verbieten. Psychologin Bächli-Biétry empfiehlt aber, die Probleme offen anzusprechen und sich allenfalls zu weigern, mit dem unsicheren Lenker mitzufahren. Für ältere Familienmitglieder ist es wichtig, dass sie mit der Hilfe der Angehörigen rechnen können bei Transporten, Einkäufen und Ausflügen. Solche Hilfen können als Gegenleistung für einen freiwilligen Verzicht auf den Führerausweis angeboten werden.

Schliesslich gehts auch ohne Auto: Wer Amortisation, Service, Versicherung und Benzin rechnet, merkt, dass man mit einem Senioren-Generalabo billiger fährt - selbst inklusive Taxikosten für Einkäufe und anderes.

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Wann wirds kritisch?

Wenn eine oder mehrere der folgenden Aussagen auf Sie zutreffen, sollten Sie abklären, wo die Ursachen liegen:

  • Kreuzungen machen mich manchmal nervös, weil man gleichzeitig auf so vieles achten muss.
  • Im dichten Strassenverkehr fühle ich mich manchmal überfordert.
  • Ich stelle ab und zu fest, dass ich in kritischen Situationen langsamer reagiere als früher.
  • Ich sehe häufiger als früher einen Fussgänger oder ein anderes Fahrzeug erst im letzten Moment.
  • Ich habe manchmal das Gefühl, andere Verkehrsteilnehmer zu behindern.
  • Ich werde innerorts häufig überholt.
  • Angehörige machen sich vermehrt Sorgen, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin.

Weitere Infos

  • BfU-Broschüre «Mobil im Alter» (PDF, 171 kb)
  • Infos zu Fahrberatungen: Schweizerischer Fahrlehrerverband, Telefon 031 812 20 10, www.fahrlehrer.ch
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