Marianne Stauber aus Chur radelt an einem schönen Herbsttag letzten Jahres auf dem Veloweg nach Hause. Plötzlich kommen zwei jugendliche Velofahrer von links aus einem Fussweg, der durch ein Gebüsch verdeckt wird. Die 63-Jährige tritt voll auf die Bremse und stürzt aufs Pflaster. Sie erleidet Prellungen am Kopf, hat aber einen Zusammenstoss vermieden.

Einen Tag später verständigt ein unbeteiligter Dritter die Polizei. Gegen Stauber wird ein Verfahren wegen «Nicht-Beherrschens des Fahrzeugs» eröffnet. Im Januar 2008 erhält sie ein «Strafmandat» des Kreisamtes Chur, das sie auffordert, die Verfahrenskosten in Höhe von 545 Franken zu bezahlen. Für Stauber ist es ein schwacher Trost, dass ihr der zuständige Kreispräsident Werner Caviezel die Busse erlässt. «Ich komme mir wie eine Kriminelle vor», ärgert sich Marianne Stauber.

Edi Rölli von Pro Velo Graubünden erzürnt der Vorwurf, die Velofahrerin sei der «Vorsichtspflicht» nicht nachgekommen. Er weiss von vier ähnlichen Fällen in letzter Zeit: «Das scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein.»

«Diese Velofahrer haben halt das Pech gehabt, dass jemand die Polizei benachrichtigte und es zur Anzeige kam», meint Kreispräsident Caviezel. Dann müsse er das Recht anwenden. Und das sei klar: «Wer im Strassenverkehr einen Fehler macht, ist dafür verantwortlich und muss zahlen - ob Autofahrer, Mofafahrer oder eben Velofahrer.»

Stauber fragt sich, welchen Vorwurf sich stürzende Fussgänger einhandeln könnten: «Nichtbeherrschen der Beine?»

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