Es gab eine Zeit, da packten Automobilisten gern den Tiger in den Tank. Ob das mit dem Tierschutzgedanken zu vereinbaren war, spielte keine grosse Rolle – dazu war die Begeisterung für die allgemeine Motorisierung zu gross und das Tigermaskottchen des Mineralölunternehmens Esso zu süss.

«V-Power» ist 20 Rappen teurer

Spätestens seit die Esso-Tankstellen in der Schweiz vor drei Jahren aber an Socar gingen, ist der Tiger im Tank selten geworden. Dafür sind die Ölkonzerne dazu übergegangen, nicht nur gewöhnliches Benzin herzustellen, sondern auch sogenannte Hochleistungstreibstoffe. «V-Power» heisst dieser etwa bei Shell. Ein Liter davon kostet gut 20 Rappen mehr als ein gewöhnlicher Liter Bleifrei – dafür, so das Versprechen, hilft das Edelbenzin dem Motor dabei, «sein Leistungs­potenzial auszuschöpfen».

Dieses Versprechen ist es auch, das im April den Lenker eines so gut wie neuen Maserati bei der Shell-Tank­stelle in Feldmeilen an der Zürcher Goldküste etliche Liter «V-Power» tanken lässt. Der Effekt indes entspricht – gelinde gesagt – nicht ganz den Erwartungen. Nach einigen hundert Metern mit der neuen Tankfüllung nämlich stellt der Motor ab und lässt sich nicht wieder starten. Er ist abgesoffen im wahrsten Sinn des Wortes: Wie sich später zeigt, ist der Tank zu zwei Dritteln mit Wasser gefüllt.

War der starke Regen schuld?

Woher das Wasser stammt, ist nicht ganz klar. Möglicherweise gelangte es nach starken Regenfällen in den «V-Power»-Bodentank der Tankstelle und von dort via Zapfsäule in den Tank des Maserati; Shell erhält in derselben Woche eine ähnliche Meldung einer Zürcher Tankstelle, vergleich­bare Fälle werden immer wieder auch in Deutschland bekannt.

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Hätten die Ölmultis in den vergangenen Jahrzehnten Geld in die Entwicklung von wasserbetriebenen Motoren gesteckt, würden solche Malheurs gar nicht weiter auffallen. Aber wer natürlich immer nur Benzin verkaufen will, muss mit einem Imageschaden rechnen, wenn aus Zapfsäulen mal was anderes fliesst. Denn auch wenn für die gut 2500 Franken teure Reparatur des Maserati die Garage aufkommt, die die Tankstelle betreibt: Der Besitzer der Karosse dürfte sich überlegen, ob er sie noch einmal mit dem edlen «V-Power» betanken soll.

Die Zweifel sind begründet. Laut TCS nämlich ist teures Spezialbenzin keinen Tropfen besser als herkömm­liches – seinen eigenen Wagenpark betankt der Touring-Club daher mit ganz normalem Bleifrei 95. Ohne Tiger drin, aber auch ohne Wasser.

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