Beobachter: Herr Giezendanner, sind Sie oft mit dem Auto unterwegs?
Ulrich Giezendanner: Ja, sehr oft sogar.

Beobachter: Haben Sie sich auch schon über den Lastwagenverkehr geärgert?
Giezendanner: Ja, da bin ich ehrlich.

Beobachter: Was stört Sie besonders?
Giezendanner: Am meisten ärgern mich die «Elefantenrennen» auf der Autobahn. Wegen der eingebauten Tempobeschränker können die Lastwagen häufig nicht zügig überholen, sondern brauchen dazu fünf bis sieben Kilometer – das ist eine Sauerei. In unserem Betrieb gehen wir dagegen vor.

Beobachter: Heisst das, Sie haben Verständnis für die Kritiker des Lastwagenverkehrs?
Giezendanner: Zum Teil. Ich muss aber auch warnen. Die Stimmung gegen die Lastwagen wird in den Medien ständig aufgeheizt. Dabei spielen sie in unserer Volkswirtschaft eine zentrale Rolle. Es gibt zwar Chauffeure, die sich nicht richtig verhalten. Das gilt aber auch für die Autofahrer.

Beobachter: Die Lastwagen sind aber meist die stärkeren. Was soll man nach einem unerfreulichen Erlebnis tun?
Giezendanner: Sie sollen sich beim Transporteur melden. In meiner Firma werden solche Informationen in der internen Schulung aufgenommen, denn wir möchten «Ritter der Strasse» sein.

Beobachter: Ein Fünftel aller Lastwagen auf den Schweizer Strassen hält sich nicht an die Vorschriften. Das ist nicht sehr ritterlich.
Giezendanner: Bei den Schweizer Lastwagen ist es nie und nimmer ein Fünftel, sondern höchstens zwei Prozent. Der Zustand der Fahrzeuge und die Qualität der Chauffeure sind einzigartig in Europa.

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Beobachter: Sie schieben also den Schwarzen Peter der ausländischen Konkurrenz zu?
Giezendanner: Das ist leider so. Tatsache ist einfach, dass wir in der Schweiz viel strengere Vorschriften haben als die Transporteure im übrigen Europa.

Beobachter: Dann freut es Sie also, dass die Polizei die Kontrollen massiv verschärfen will?
Giezendanner: Mehr Polizei begrüsse ich nie. Aber die Schweizer Fahrer haben wenig zu befürchten.

Beobachter: Im nächsten Jahrtausend werden neu 40-Tönner zugelassen. Was heisst das für das Klima auf den Strassen?
Giezendanner: Das Rowdytum wird zunehmen, weil viel mehr ausländische Lastwagen unterwegs sein werden. Für uns aber ist klar: Wir wollen weiterhin korrekt fahren.

Beobachter: Sie erwarten also eine Zunahme des Güterverkehrs auf der Strasse?
Ganz klar. Mit der Zulassung der schweren Lastwagen werden Güter von der Bahn auf die Strasse verlagert.

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Beobachter: Die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) soll aber genau das Gegenteil bewirken.
Giezendanner: Das ist reine Augenwischerei. Beim 40-Tönner geht die Rechnung trotz LSVA auf, weil er viel mehr laden kann. Die Abgabe macht uns höchstens bei den leichteren Lastwagen Probleme. Davon profitiert die Bahn aber nicht.

Beobachter: Bringt Ihre Kooperation mit den SBB nichts?
Giezendanner: Die Chancen der Schiene stehen nicht gut, denn sie ist auf kurze Distanzen viel zu unbeweglich. Und die internationalen Güterwagen stehen bis zu drei Tage irgendwo in Chiasso auf einem Gleis herum.

Beobachter: Heisst das, es wird noch enger auf den Schweizer Strassen?
Giezendanner: Davon gehe ich aus. Wir müssen endlich zur Kenntnis nehmen, dass die Autobahn Bern–Zürich sechsspurig sein sollte und am Gotthard ein zweiter Strassentunnel gebaut werden muss.

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Beobachter: Noch bessere Autobahnen fördern aber auch den Zubringerverkehr auf Nebenstrassen und in den Dörfern.
Giezendanner: In der Feinverteilung von Waren wird der Lastwagenverkehr ohnehin zunehmen, allerdings weniger als auf den grossen Achsen. Denn die Schweizer Wirtschaft produziert statt Massenprodukte immer mehr hochtechnische Güter in kleinen Mengen. In diesen Sparten wird die pünktliche Lieferung immer wichtiger – und damit auch die Bedeutung der Lastwagen.

Beobachter: Die Konkurrenz in der Branche wird härter. Nehmen damit Stress und Unfallgefahr zu?
Giezendanner: Nein, der Druck auf die Chauffeure wird nicht grösser. Die Vorschriften zur Arbeits- und Ruhezeit sind klar. Zudem bleibt das Nachtfahrverbot als Schutz für die Chauffeure bestehen.