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UnfälleDie Mär von der sicheren Freisprechanlage

Die Mär von der sicheren Freisprechanlage
Während der Fahrt ist Telefonieren mit einer Freisprechanlage erlaubt – ist ein Verbot nötig? Bild: Getty Images

Freisprechanlagen im Auto sind ähnlich gefährlich wie das Handy am Ohr. Das zeigen Dutzende Studien.

von Andrea Haefelyaktualisiert am 2017 M10 26

In den USA ist Unaufmerksamkeit am Steuer mittlerweile die zweithäufigste Unfallursache – nach Alkohol. 25 Prozent der Autounfälle gehen auf das Konto unkonzentrierter Fahrer. Das zeigt die jüngste Erhebung der US-Sicherheitsbehörde NSC.

Eine der Hauptursachen ist das Hantieren mit dem Handy. In der Schweiz ist es verboten, während der Fahrt zu telefonieren oder zu simsen. Über eine Freisprechanlage darf aber telefoniert werden. Dutzende Studien belegen jedoch, dass das kaum weniger gefährlich ist. «Die Reaktionszeit erhöht sich um 30 bis 50 Prozent. Visuelle Einschränkungen, schlechteres Spurhalten und Missachtung von Signalen nehmen deutlich zu», heisst es denn auch auf der Website der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) des Bundes.

Nur noch halb so aufmerksam

Lenker übersehen beim Telefonieren rund 50 Prozent ihres Umfelds, egal, ob sie es mit dem Gerät in der Hand oder per Freisprechanlage tun. Das Phänomen nennt sich Unaufmerksamkeitsblindheit. Bei Tempo 90 eine durchschnittlich lange Textnachricht zu lesen, hat ein Aufmerksamkeitsdefizit zur Folge, als würde man 100 Meter mit verbundenen Augen fahren.

Bereits 2006 forderte die damalige grüne Nationalrätin Franziska Teuscher, dass Telefonieren über Freisprechanlagen mit Handygesprächen gleichgestellt und entsprechend sanktioniert wird. Sie führte eine Studie an, die ergab, dass beide Arten des Telefonierens die Reaktionsfähigkeit gleich stark einschränken wie ein Alkoholpegel von 0,8 Promille. Doch der Bundesrat lehnte die Motion ab. Die Studie habe nur beschränkte Aussagekraft, begründete er die Ablehnung. Ausserdem würden ganze Wirtschaftszweige wie Taxi- und Transportfirmen unter einem generellen Handyverbot leiden.

«Ich finde es enttäuschend, dass die Politik trotz so vieler Beweise Freisprechanlagen nach wie vor nicht verbieten will», sagt Teuscher. Zudem würde sie sich mehr Aufklärung durch die BfU wünschen. Eine gross angelegte Kampagne sei in nächster Zeit nicht geplant, heisst es bei der BfU.

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