Ausgerechnet die Polizei erlaubte sich den Witz: «Velofahrende, die sich im Strassenverkehr korrekt verhalten, werden auf eine Fairplayliste genommen», verkündete die Berner Stadtpolizei vor einem Jahr. Diese Personen sollten ein Überziehhemd mit einer riesigen Kontrollnummer tragen. «Nach einigen Monaten sind die Rowdys die Einzigen ohne Leibchen», so ergänzte der Polizeisprecher, «worauf sie von der Polizei problemlos gefasst werden können.» Eine nette Idee, allerdings nicht mehr als ein Aprilscherz.

Dabei ist den Behörden in den Schweizer Städten gar nicht zum Lachen. Als etwa der Solothurner Gemeinderat Anfang Jahr beschloss, die verkehrsfreie Altstadt für Velos zu öffnen, wurde heftig gestritten. Hier die Sorge um die Sicherheit von Betagten und Kleinkindern: «Es ist nicht sinnvoll, am Nachmittag in der Stadt Velo zu fahren.» Dort der Blick auf die Realität: «Die Rowdys fahren jetzt schon durch.»

Zahllose Regelverletzungen
Die Polizei zeigt sich überfordert. «Wenn wir einen kontrollieren, fahren uns zehn um die Ohren», so Peter Fedeli, Interims-chef der Solothurner Stadtpolizei. Laut Stadtpräsident Kurt Fluri gibt es ganz praktische Probleme mit den flinken Radlern: «Ein Polizist kann Verkehrssünder nicht einfach vom Velo reissen.» Hinzu kommt, dass Velofahrer ohne Kennzeichen und damit anonym unterwegs sind. «Die Velofahrer nützen das schamlos aus und sündigen unter unseren Augen», sagt Eugenio Scheuchzer, Chef Verkehrssicherheit der Stadtpolizei Zürich.

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Die Radfahrer verstossen auf breiter Front gegen die Regeln. Sie überfahren Stoppsignale und Rotlichter, preschen durch Fussgängerzonen, missachten Fahrverbote und Einbahnverkehr oder drängen auf Gehwege. Exponiert sind vor allem alte Leute und kleine Kinder – die Schwächsten der Schwachen – auf dem Trottoir. Laut dem nationalen Verkehrssicherheitsrat kommt es hier «abgesehen vom Fussgängerstreifen am häufigsten zu gefährlichen Situationen». Ungenügend gewartete Fahrräder mit miesen Bremsen und kaputten Lichtern ergänzen den schlechten Eindruck.

In den Leserbriefspalten der Zeitungen taucht das Thema Radfahrer immer wieder auf. «Mich ärgert, dass die Velofahrer kein Signal geben, wenn sie von hinten kommen und Fussgänger überholen», heisst es etwa. Oder: «Reklamiert man als Fussgänger, wird man mit den schönsten Wörtern aus dem Tiervokabular beschimpft.» Eine Frau stört sich daran, dass viele Velos nachts ohne Licht unterwegs sind. «Man hört sie nicht, und man sieht sie nicht.» Und ein Mann fordert: «Die Polizei müsste strengere Kontrollen durchführen und die Fehlbaren büssen.»

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Immer mehr sind unterwegs
Die Velofahrer – eine Horde wild gewordener Gesetzesbrecher? «Nein», sagt Daniel Leupi, Präsident der IG Velo Zürich, «die Velofahrer wollen nicht Verkehrsregeln brechen, sondern sicher ans Ziel kommen.» Wie bei anderen Gruppen im Verkehr verhalte sich nur «eine kleine Minderheit» besonders rücksichtslos. Diese Vergehen seien gezielt zu ahnden. Ähnlich äussert sich Daniel Bachofner von der IG Velo Bern. Für ihn sind die Velorowdys «kein generelles Problem, sondern eine Anhäufung von Einzelfällen». Das Thema werde hochgespielt, «weil bei Zwischenfällen meist Emotionen im Spiel sind».

Kein Wunder: Auf den Strassen wirds immer enger, denn Herr und Frau Schweizer sind mobil wie noch nie. Laut einer Studie des Bundes legten sie «noch vor 100 Jahren im Schnitt bloss 280 Kilometer pro Jahr zurück, heute sind es rund 13000». Immer mehr Fahrzeuge und Menschen drängen in den knappen Verkehrsraum. Der Autobestand hat sich seit 1970 auf 3,7 Millionen Stück verdreifacht. Rund fünf Millionen Velos stehen und fahren herum, doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Drei von vier Personen haben jederzeit ein Fahrrad zur Verfügung.

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Ständig braucht es neue Strassen, Schienen und Velowege. Allerdings wird das Geld ungleich verteilt. Pro Person und Jahr investiert die Schweiz 530 Franken in den Strassen- und 240 Franken in den Bahnverkehr. Für spezielle Veloprojekte gibt es nur 30 Franken. Trotz nationalen Veloland-Routen und Zweiradkonzepten in den Städten kommt ein Nationalfonds-projekt zum Schluss: «Dringender Handlungsbedarf.»

Die Mängelliste der Nationalfonds-autoren ist lang. «Zu schmale Radstreifen, zu lange Wartezeiten an den Ampeln, steile Rampen im Velonetz oder ungenügender Winterdienst machen das Velo als Verkehrsmittel unattraktiv.» Zudem fehle es an gesicherten Abstellplätzen, vollständiger Wegweisung und guter Beleuchtung. Und dort, wo Autos und Velos sich den Raum teilen, gilt das Recht des Stärkeren. «In mehr als der Hälfte der Fälle» überhole das Auto seitlich zu knapp. «Dieses Gefahrenpotenzial schmälert die Attraktivität des Veloverkehrs zusätzlich.»

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«Unerträgliche Vorschriften»
Manche Radfahrer reagieren trotzig auf die Benachteiligung. Vom Hang zur «Guerillamentalität» spricht IG-Velo-Mann Daniel Leupi. «Wer sich vergessen fühlt, nimmt sich sein Recht.» Aus Opfern auf der Strasse werden Täter auf dem Trottoir. Ein Aufruf an die Velofahrer, immer den Verkehrsregeln zu folgen, ist aus IG-Velo-Kreisen jedoch nicht zu haben. «Die Vorschriften sind für den Autoverkehr gemacht», sagt Sabine Gresch, IG-Velo-Präsidentin im Kanton Bern.

«Manchmal ist es für Radfahrer unerträglich, sich daran zu halten.» Dazu gehören etwa die Fahrverbote in vielen Innenstädten. Klar ist, dass das Problem auf der Strasse gelöst werden muss, nicht auf dem Trottoir. Die Rezepte sind alt und bewährt: mehr Radwege und Radstreifen, die ausserdem genügend breit sind und nicht über Umwege führen, gut signalisierte Routen, verkehrsberuhigte Zonen, sichere Veloparkplätze. Es gibt aber auch neuere Ideen – etwa für Ampelanlagen: ein Warteraum für Velos direkt beim Rotlicht, eine Vorgrün-Phase für Velofahrer oder ein «Rechtsabbiegen erlaubt» bei Rot.

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Ob die Rowdys mit solchen Massnahmen gezähmt werden? Er bezweifle das, meint Eugenio Scheuchzer von der Stadtpolizei Zürich: «Wir stellen fest, dass nur der Griff zum Portemonnaie etwas nützt.» Trotz deutlich markierten Radstreifen stoppe die Polizei immer wieder Sünder auf dem Trottoir. «Das teuer erstellte Angebot wird nicht angenommen», bedauert Scheuchzer. Deshalb plädiert er für harte Strafen. Menschenleere Strassen hin oder her – wer zum Beispiel nachts ohne Licht mehrere Ampeln überfährt, soll entsprechend gebüsst werden. Bei 60 Franken pro Rotlicht und 40 Franken für das unbeleuchtete Velo resultiert rasch eine Busse von 300 bis 400 Franken.

Die Planer in Bundesbern wollen weder neue Regeln noch drakonische Strafen. «Sanktionen bringen nichts – es braucht ein neues Verkehrsverständnis», sagt Thomas Mahrer vom Bundesamt für Strassen. Verkehr nicht trennen, sondern mischen und bremsen, lautet die neue Devise. Seit Anfang Jahr können die Gemeinden «Begegnungszonen» definieren. Hier gilt für Autos und Velos Tempo 20 und Rechtsvortritt, Zebrastreifen gibt es keine, Fussgänger haben immer Vortritt. Die Zonen müssen so gestaltet sein, dass schnelles Fahren unmöglich ist. «Ein Farbpinsel reicht in der Regel nicht», sagt Mahrer. Die Berner Kleinstadt Burgdorf testet dieses Modell seit Jahren im Bahnhofquartier – mit Erfolg.

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Das neue Regime tönt für Velofahrer attraktiv: ein sicheres Radwandernetz auf dem Land, sichere Velorouten von der Agglomeration ins Zentrum, sichere Begegnungszonen in der Innenstadt. Damit, so das Kalkül, könnte die «Guerillamentalität» gebrochen werden. Ob, wann und wie breit die Idee greift, hängt von der Initiative der Städte und Gemeinden ab. Derweil können sich die Velofahrer mit einer Prise Witz behelfen. Zum Beispiel: «Wie geht es deinem neuen Velo?» – «Es geht nicht, es fährt.» – «Na gut, wie fährt dein Velo?» – «Es geht!»