Über Velofahrer ärgern sich alle. Autofahrer nerven sich, weil die Zweiräder bei Rot über die Kreuzung fahren. Fussgänger werden wütend, weil die Radler das Trottoir benutzen. Und die Polizei macht zu wenig gegen die Verwilderung der Fahrsitten der Velofahrer. So die gängige Meinung, die sich in Leserbriefspalten und in parlamentarischen Vorstössen immer wieder äussert.

Fragt man bei den Stadtpolizisten in Zürich, Bern und Basel nach, zeigen sich erstaunliche Unterschiede. Einig sind sich die Ordnungshüter darüber, dass sich Automobilisten über Zweiradrowdys beschweren. Bei der Frage, ob sich Fussgänger über Velofahrer ärgern, gehen die Meinungen hingegen auseinander.

In Zürich fürchten sich gemäss einer internen Studie der Stadtpolizei 89 Prozent der Fussgänger vor den Velofahrern. «Wir erleben es immer wieder, dass Fussgänger uns spontan gratulieren, wenn wir eine Velokontrolle machen», meint Andrea Mikuleczky von der Stelle für Verkehrsunfallprävention der Stadtpolizei. Der Grund: Velofahrer fahren Fussgänger zwar selten an, aber weil sie so leise daherkommen, erschrecken sie mitunter die Passanten auf dem Trottoir.

Wegen der verbreiteten Angst der Zürcher Fussgänger fragte FDP-Gemeinderat Monjek Rosenheim den Zürcher Stadtrat, was er zu tun gedenke, um gegen Velorowdys vorzugehen. Antwort der Exekutive: Man werde nicht mehr unternehmen als bisher. Im Jahr 2004 hat die Stadtpolizei Zürich 1300 Velofahrer gebüsst. «Velofahrer wurden und werden immer wieder kontrolliert», erklärt Stadtpolizistin Mikuleczky. «Wenn mehr Hinweise aus der Bevölkerung eingehen und wir selbst Missstände feststellen, werden die Kontrollen verstärkt.»

In anderen Städten schätzt man die Angst der Fussgänger vor den Velofahrern anders ein. Beispiel Basel: «Fussgänger beschweren sich kaum über Velofahrer», sagt Klaus Mannhart, Pressesprecher der Kantonspolizei Basel-Stadt. «Es melden sich vor allem Autofahrer.» Basel habe sehr viel für Velofahrer getan und bei der Signalisation darauf geachtet, dass keine Konfliktsituationen für die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer entstünden. «Es gibt hier sehr viele kombinierte Velo-/ Fussgängerwege.»

Präventiv wirken in der Rheinstadt auch die Velopolizisten, die täglich Kontrollen in Fahrradmontur durchführen. «Die Beamten werden von den Velofahrern gut akzeptiert», so Klaus Mannhart.

In Basel wird auch mehr als dreimal so oft gebüsst wie in Zürich: 2004 waren es 4000 Velofahrerbussen. Ist das der Grund für die zufriedenen Basler Fussgänger? Mannhart: «Die Wirksamkeit von Bussen ist umstritten. Entscheidend sind die Velowege, die Prävention und die Verkehrsschulung der Kinder und Jugendlichen.»

Dass es keine strengen Bussen braucht, um Fussgänger und Velofahrer harmonisch zusammenleben zu lassen, zeigt schliesslich das Beispiel Bern. In der Bundesstadt hat die Polizei letztes Jahr bloss 494 Velofahrer gebüsst. Davon nur gerade 13, weil sie auf dem Trottoir gefahren sind. Und trotzdem beschweren sich in Bern kaum Fussgänger über Velofahrer.

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