Es ist ruhig auf der Tösstalstrasse in der Zürcher Gemeinde Zell: kein Auto zu hören, keins zu sehen. Tatsächlich? Die alte Frau mit der Gehhilfe ist nicht so sicher. Die Kantonsstrasse – hier gilt Tempo 60 – ist hier bei der Verkehrsinsel kaum zu überblicken, eine Kurve versperrt die Sicht. Dennoch wagt es die Frau, mit zaghaften Schritten die Fahrbahn zu überqueren – und hat Glück: Es kommt kein Auto.

Bis vor ein paar Monaten gabs hier einen Fussgängerstreifen; seither geniessen Autofahrer absolutes Vortrittsrecht. Sie könnten die Fussgänger nicht rechtzeitig sehen, deshalb sei es sicherer, den Streifen zu entfernen, lautete die offizielle Begründung. Die Anwohner – vor allem Bewohner des Altersheims Rämismühle – quittieren das Vorgehen der Zürcher Kantonspolizei mit Kopfschütteln: Man hätte das Tempo herabsetzen sollen, statt den Zebrastreifen zu entfernen.

Neue Norm mit fatalen Folgen
Seit das Bundesamt für Strassen (Astra) den Kantonen vergangenen Herbst die neuen Normen für Zebrastreifen präsentiert hat, ist zwischen Fussgängern und Automobilisten eine heftige Auseinandersetzung entbrannt. Das Astra riet, «alle gefährlichen Fussgängerstreifen zu entfernen, zu versetzen oder durch verkehrsberuhigende Massnahmen zu sichern». Diese Empfehlung nehmen nun die kantonalen Behörden zum Anlass, zu eliminieren, was in ihren Augen zu gefährlich ist. Eine Vorreiterrolle übernimmt dabei der Kanton Zürich, der bereits zahlreiche Streifen ausradiert hat. Genaue Zahlen sind nicht erhältlich.

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Sehr zum Ärger der Fussgänger. «Ich kann nicht begreifen, dass es hier nun keinen Fussgängerstreifen mehr gibt», ärgert sich Markus Schaaf, Leiter der Heimstätte Rämismühle, die direkt an der Tösstalstrasse liegt. «Für betagte Leute bedeutet es ohnehin Stress, eine Strasse zu überqueren. Fehlt der Zebrastreifen, haben sie noch mehr Hemmungen.» Es gehe ihm nicht um den Vortritt der Fussgänger, sondern um die Sicherheit der Passanten. «Weiss ein Autofahrer, dass er sich einem Zebrastreifen nähert, fährt er doch automatisch vorsichtiger.»

Ins gleiche Horn stösst «Fussverkehr Schweiz», die Fachorganisation der Fussgängerinnen und Fussgänger. «Im Tösstal wird zugunsten der Autofahrer entschieden, ohne dass die Verkehrssicherheit erhöht wird», sagt Projektleiter Christian Thomas. Immer noch herrsche bei den Behörden die Doktrin, dass der Verkehr so flüssig wie möglich sein müsse – jedes Hindernis für Autofahrer solle entfernt werden. «Eine solche Haltung geht allein zulasten der Fussgänger.»

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Rot statt Gelb im Tessin
Auch im Kanton Luzern hat man sämtliche Strassenüberquerungen überprüft. «46 werden als zu gefährlich beurteilt», sagt Albert Mathis vom Luzerner Strasseninspektorat. Nun liegt es an den Gemeinden, zu ändern, was möglich ist. Im Krienser Spitzmattquartier etwa gelten zwei Zebrastreifen als bedenklich: Beide führen nicht von Trottoir zu Trottoir, sondern direkt auf die Fahrspur der Quartierstrasse. Anwohner haben sich dafür stark gemacht, wegen der Schulkinder die Streifen nicht zu entfernen. «Es muss nun geprüft werden, wie wir das Problem lösen können», sagt Gemeindepräsident Peter Becker. «Für bauliche Massnahmen, zum Beispiel ein neues Trottoir, fehlt aber meistens das Geld», meint Strasseninspektor Mathis.

Im Tessin geht man gegenwärtig etwas dreister vor: Zahlreiche Fussgängerstreifen wurden kurzerhand durch rote Strassenmarkierungen ersetzt. Abgesehen von der Farbe, sehen sie zwar aus wie Zebrastreifen, sind aber keine: Fussgänger haben hier kein Vortrittsrecht mehr. Sie sollen lediglich die Autofahrer veranlassen, vorsichtiger zu fahren. Dass die neuen Übergänge den richtigen Fussgängerstreifen täuschend ähnlich sehen und so den Vorschriften des Bundes widersprechen, stört die Tessiner Behörden nicht.

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Mit mehr Bedacht scheint sich der Kanton Uri des Problems anzunehmen. Zwar gebe es auch hier Übergänge, die den neuen Richtlinien nicht genügen, meint Beat Planzer vom Urner Amt für Tiefbau. «Das ist aber noch lange kein Grund, die Fussgängerstreifen aufzuheben.»

Ganz anders sieht das Heinrich Angst, Dienstchef Strassensignalisation der Kantonspolizei Zürich. «Ein Fussgängerstreifen bedeutet keine Sicherheit, sondern lediglich Vortritt für den Fussgänger», betont er. «Es gibt aber Zebrastreifen, die gefährlich sind, weil sie unübersichtlich sind. Da ist es doch besser, wir entfernen die Streifen, auf dass sich der Passant nicht in falscher Sicherheit wähnt.»

Diesem Durcheinander will die Organisation Fussverkehr Schweiz nicht mehr länger zusehen – und ermuntert Betroffene, sich mit ihrer Hilfe für Fussgängerstreifen zu wehren. «Mit öffentlichem Druck haben wir bereits im zürcherischen Illnau-Effretikon erreicht, dass ein Streifen wieder aufgemalt wurde», erinnert sich Projektleiter Christian Thomas. «Die Behauptung, weniger Streifen sind sicherer, stimmt nicht. Es wird eher schneller gefahren, wenn Streifen fehlen und der Eindruck entsteht, es sei nicht mit Fussgängern zu rechnen.»

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Inseln statt Zebrastreifen
Nicht ganz gleicher Meinung ist Gianantonio Scaramuzza von der Beratungsstelle für Unfallverhütung. «Ein Zebrastreifen ist gefährlich, wenn er Sicherheit vorgaukelt», sagt er. Die Aufhebung einzelner Streifen macht für ihn Sinn, wenn sie von Fussgängern zu wenig benutzt werden. «Es führt zu verhängnisvollen Routinen, wenn Lenker an Streifen selten auf Fussgänger treffen; die Anhaltebereitschaft sinkt.» Um an diesen Orten die Sicherheit zu gewährleisten fordert Scaramuzza Umgestaltungen, Verkehrsinseln oder durchgehende Fahrbahntrennungen.

Mit solchen Lösungen wäre der Fussverkehr Schweiz auch einverstanden – wenn sie dazu dienen, das Tempo zu reduzieren. Doch die Wirklichkeit sieht meist anders aus. Wie beim Altersheim in Zell: Der Fussgängerstreifen wurde gestrichen – ersatzlos.

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