Beobachter: Herr Schiesser, was spricht für Sie gegen Tempo 30?
Hans Kaspar Schiesser: Natürlich nichts – ausser dass uns Tempo 20 da und dort noch lieber wäre. Im Ernst: Die Zeit ist reif, innerorts Tempo 30 einzuführen – auf Wohnstrassen generell und zum Teil auch auf Hauptstrassen.

Beobachter: Ihre Volksinitiative mit der Forderung nach einem generellen Tempo 30 ist doch chancenlos. Sie erweisen der Sache einen Bärendienst.
Schiesser:
Da sind wir völlig anderer Meinung. Wir haben die Initiative in einer repräsentativen Umfrage testen lassen. Gesamtschweizerisch erhielten wir eine knappe Mehrheit von rund 51 Prozent.

Beobachter: Das ist ein eher schmales Fundament.
Schiesser:
Das stimmt. Unsere Forderung nach Tempo 30 auf den Hauptstrassen der Kernzonen sowie rund um Schulhäuser, Altersheime und Spitäler wird zweifellos am meisten Diskussionen auslösen. Würden wir Tempo 30 nur in Wohnquartieren verlangen, könnten wir mit einer Mehrheit von 60 bis 75 Prozent rechnen.

Beobachter: Warum pokern Sie höher?
Schiesser:
Weil wir überzeugt sind, dass die Sicherheit in Wohngebieten nicht das ganz grosse Problem ist. Innerorts geschehen die meisten Unfälle auf Hauptstrassen. Wer etwas dagegen unternehmen will, muss das Tempo senken. Hinzu kommt die Lebensqualität. Vielerorts trennt eine schwer überbrückbare Verkehrsachse die Geschäftszone in zwei Hälften. Fussgänger und Velofahrer müssen mehr Raum erhalten.

Anzeige

Beobachter: Das tönt gut. Aber die Angst vor der Autofahrt im Schneckentempo wird viele Neinstimmen bringen. Wie wollen Sie die Leute überzeugen?
Schiesser:
Mit ganz konkreten Beispielen. Wenn ich zum Beispiel an einer Veranstaltung auftrete, nehme ich eine Karte mit den künftigen Geschwindigkeiten in diesem Ort mit. Nehmen wir zum Beispiel Reinach BL. Am Ortsrand bliebe Tempo 60, auf den Ein- und Ausfallstrassen Tempo 50. Nur ein kleines Stück im Zentrum würde mit Tempo 30 belegt.

Beobachter: Der VCS sagt, auf 15 bis 50 Prozent der Hauptstrassen innerorts würde Tempo 30 gelten. Eine grosse Spannweite. Sind es nun 15 oder 50 Prozent?
Schiesser:
Das ist von Ort zu Ort verschieden. Wir schätzen, dass im Schnitt von einem Kilometer Hauptstrasse rund 300 Meter mit Tempo 30 belegt würden.

Beobachter: Skeptiker aus Fussgängerkreisen befürchten, eine Niederlage an der Urne könnte der Tempo-30-Idee schaden.
Schiesser:
Ich würde zustimmen, wenn das Nein wuchtig ausfallen würde. Damit rechnen wir aber nicht. Wir rechnen mit einem Abstimmungssieg.

Anzeige

Beobachter: Der Bundesrat ist dagegen – ebenso die Kommission des Nationalrats mit 14 zu 3 Stimmen. Das ist doch ein schlechtes Signal.
Schiesser:
Ich glaube nicht. Der Entscheid in der Kommission kam unglücklich zustande, da einige Mitglieder schlecht vorbereitet waren. Zudem zeigen Studien, dass Politiker in solchen Fragen konservativer denken als die Bevölkerung.

Beobachter: In der Aargauer Gemeinde Buchs wurde Tempo 30 unlängst mit 70 Prozent Neinstimmen abgelehnt.
Schiesser:
Ich kenne den Inhalt der Buchser Initiative nicht im Detail. Die Erfahrung zeigt aber, dass viele Tempo-30-Zonen an zu hohen Kosten gescheitert sind.

Beobachter: Verkehrsplaner haben eine andere These: Im Quartier verankerte Tempo-30-Zonen werden besser akzeptiert als behördlich verordnete. Warum also ein Diktat von oben?
Schiesser:
Weil wir endlich Nägel mit Köpfen brauchen. Zwar ist mit vielen Einzelinitiativen in den letzten Jahren viel gemacht worden. Der bisherige Prozess ist aber unvollständig und erst noch sozial problematisch.

Anzeige

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Schiesser:
Viele Tempo-30-Zonen wurden in den privilegierten Quartieren mit Einfamilienhäusern eingerichtet. Es darf doch nicht sein, dass ein Menschenleben im Quartier der Intellektuellen mehr wert ist als in der Wohnblocksiedlung. Aus dem Flickenteppich muss jetzt endlich ein einheitliches Regime gemacht werden. Nur dann bekommen wir eine einheitliche und stressfreie Fahrkultur in den Ortschaften.