Jedes Jahr mehr als 380 Tote und rund 30'000 Verletzte: Die Rede ist nicht von ­Afghanistan oder vom Irak, sondern von der jährlichen Unfallbilanz im Schweizer Strassenverkehr. Die Opfer sind mehrheitlich Kinder, Betagte und Zweiradfahrer. Die häufigste Unfallursache ist überhöhte Geschwindigkeit. Laut Raphael Denis Huguenin von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) ist «jeder dritte Todesfall im Strassenverkehr vom Tempo mindestens mitverursacht». An einer gemeinsamen Tagung von BfU und dem Europäi­schen Verkehrssicherheitsrat erklärte er, dass eine Erhöhung des Tempos um nur fünf Prozent zu zehn Prozent mehr Unfällen mit Verletzten, zu 16 Prozent mehr Unfällen mit Schwerverletzten und zu 25 Prozent mehr Unfällen mit Todesfolge führt.

Geschwindigkeitsübertretungen seien ein Massendelikt, sagt Huguenin. «Innerorts übertreten 20 Prozent der Autofahrer das Tempolimit, ausserorts 25 Prozent. Auf der Autobahn sind es gar 40 Prozent, die zu schnell fahren.» Würden sich die Verkehrsteilnehmer an die Limiten halten, gäbe es pro Jahr 60 Tote weniger auf Schweizer Stras­sen. An rund einem Drittel aller Unfälle sind Alkohol- und Drogenkonsum der Lenker schuld. Unfälle ereignen sich vor allem am frühen Abend, spätnachts oder am Wochenende.

Wie die schweizerischen Polizeirapporte verzeichnen, verursachen Autofahrer mehr als die Hälfte der Unfälle (54 Prozent), 28 Prozent der Unfälle werden von Fuss­gängern ausgelöst, und bei 18 Prozent sind ­beide mitschuldig. Die «Schuld» der Fussgänger hält sich allerdings in Grenzen: In der Regel sind altersbedingte Unaufmerksamkeit, vor allem bei Kindern und älteren Men­schen, die Ursache. Meistens verur­sachen Fussgänger Unfälle, weil sie auf der Fahrbahn gehen, sie unvermittelt betreten oder auf die Strasse laufen.

Am grössten ist das Unfallrisiko für Men­schen über 65 und Kinder unter 14. Nicht nur die Unfallhäufigkeit ist altersbedingt: Je älter ein Unfallopfer, desto schwe­rer ist die Verletzung und umso häufiger der Unfalltod. Bei Kindern zwischen 5 und 14 Jahren sind Strassenverkehrsunfälle sogar die häufigste Todesursache.

Auch wer Velo fährt, lebt gefährlich. Jährlich verletzen sich 900 Velofahrer schwer, 40 verlieren ihr Leben. Bei 70 Prozent der registrierten Velounfälle geht es um Kollisionen mit Motorfahrzeugen. An rund der Hälfte der Unfälle sind die Velofahrer mitschuldig. Die meisten Kollisionen passieren beim Abbiegen oder an Kreuzungen. Ein Viertel der Velounfälle sind Selbst­unfälle. Die häufigsten Ursachen sind Unaufmerksamkeit, Geschwindigkeit, Alkohol und Vortrittsmissachtung.

Ein grosses Risiko für die Velofahrer stellt laut Sicherheitsanalyse der BfU aber auch die Verkehrs- und Stadtplanung dar. Zwar werden diese Faktoren nur selten als Unfallmitursache in die Polizeirapporte aufgenommen. Aber Hindernisse am Fahrbahnrand sowie fehlende oder zu schmale Velostreifen gefährden die Velofahrer massiv und zwingen oft zu plötzlichen Ausweichmanövern, die schliesslich Kollisio­nen verursachen.

Obwohl rund die Hälfte aller Todesopfer im Strassenverkehr Autofahrer sind (162 Personen im Jahr 2007), kommen sie bei den Kollisionen mit Fussgängern und Velofahrern meist glimpflich davon. Die Ur­sache liegt auf der Hand: Sie sitzen im Vergleich zu den anderen regelrecht in einem Panzer. Umgekehrt ist das Risiko tödlicher oder schwerer Verletzungen für Nichtautofahrer umso grösser, je schwerer, grösser und klobiger das Auto ist.

Doch die Unfallstatistik weist auch positive Zahlen aus. Zwar schwankt die Zahl der Ver­letzten seit 1990 konstant zwischen rund 26'000 und 30'000. Aber dank den Kampagnen der BfU und der Schweizerischen Unfallversicherungs­anstalt (Suva) sowie besserer Verkehrs­planung und ­sichereren Fahrzeugen ist die Zahl der Todesopfer seit 1990 von 954 auf heute nur noch 380 gesunken.

Unfall-Checkliste

Was bei einem Unfall zu tun ist: Checkliste (PDF)

Kluges Verhalten erhöht Sicherheit

Zweiradfahrer und Fussgänger sind im Verkehr am stärksten ge­fährdet. Mehr Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer gibt es nur, wenn sich alle vernünftig verhalten.

Wer mit Motorrad oder Velo unter­wegs ist, lebt riskant. Kein Airbag, keine Knautschzone bietet ein Minimum an Schutz. Jährlich verunfallen 40 Velofahrer tödlich, und 100 der insgesamt 380 Verkehrstoten in der Schweiz sind Töfffahrer, obwohl ihr Anteil am Gesamtverkehr sehr klein ist. Rund 16 Prozent der Biker verunfallen im Verlauf von zehn Jahren so schwer, dass sie ärztliche Behandlung benötigen. Sehr oft sind Autos in diese Unfälle verwickelt, ebenso bei verunglückten Fussgängern. Darum ist mehr Sicherheit im Verkehr nur möglich, wenn alle Beteiligten die wichtigsten Verhaltens­regeln berücksichtigen:

Fussgänger – speziell Kinder

  • Strassen auf Fussgängerstreifen oder bei Ampeln überqueren.
  • Bei Dämmerung und Dunkelheit Kleider mit guten Reflektoren tragen, Kinder immer.
  • Erst links, dann rechts, dann wieder links schauen, ob die Strasse frei ist.
  • Die Strasse unbedingt auf dem kürzesten Weg überqueren.
  • Auf keinen Fall plötzlich auf die Fahrbahn laufen.
  • Keinesfalls zwischen parkierten Autos auf die Strasse laufen.


Autofahrer

  • Helle Autos sind deutlich ­weniger häufig in Unfälle ­verwickelt als dunkle.
  • Flache, stromlinienförmi­ge und niedrige Vorderfronten bewirken massiv geringere Unfallfolgen als steile, kantige, hohe Fronten (etwa bei Offroadern).
  • Keine Überholmanöver im dichten Verkehr machen.
  • Abstand halten.
  • Mit Taglicht fahren.
  • Geschwindigkeitsvorgabe unbedingt einhalten.
  • Essen, telefonieren ohne ­Freisprechanlage und ähnliche ­Ablenkungen sind im Auto tabu.
  • Don't drink and drive. Laut Suva und BfU ist ein Glas Bier vor dem Autofahren vertretbar.
  • Anhalten, wenn Leute am ­Fussgängerstreifen stehen.
  • Vorsicht auch bei langsamen Rückwärtsmanövern.


Velofahrer

  • Dichte Überholmanöver und «Durchschlängeln» vermeiden.
  • Vorfahrtsrecht und ­Stopp­signale beachten.
  • Regelmässig Licht und Bremsen kontrollieren.
  • Im Dunkeln mit voller Be­leuch­tung und Seitenreflektoren fahren, Reflektorstreifen an Armen oder Beinen sind nützlich.
  • Blick zurück vor Spurwechseln oder Kurven, deutlich ­Hand­zeichen geben.
  • Velohelm tragen.


Die Zahl der behelmten Velofahrer ist laut der BfU-Zählung 2008 seit 1998 von 14 auf 38 Prozent im Jahr 2007 stetig angestiegen. Seither allerdings stagniert ihre Zahl. Die BfU setzt darum auf weitere Aufklärungskampagnen. Bei den Kindern liegt die Quote mit 50 Prozent zwar erfreulich ­höher, trotzdem ist jedes zweite Kind barhäuptig auf dem Velo ­unterwegs. Deshalb fordert die BfU eine ­Helm­pflicht für Kinder. Laut einer Demo­scope-Umfrage heissen 84 Prozent der Schweizerin­nen und Schweizer die Helmpflicht gut.