Mit flotten 67 Kilometern pro Stunde raste das Auto durch die Zürcher Zollstrasse. Der Fahrer hatte doppelt Pech: Erstens war er in einer neuen Tempo-30-Zone unterwegs, zweitens hatte die Polizei erstmals die Radargeräte montiert. Die Folge: Fahrausweis weg und Verzeigung beim Richter.

Bei informellen Messungen entdeckte die Polizei sogar «zwei Spitzenreiter mit über 80 km/h». Wer in Zürich am Steuer sitzt, muss auf der Hut sein. Im Schnelltempo realisiert die Stadt 120 Tempo-30-Zonen. «Sicherheit und die Verbesserung der Lebensqualität in den Wohnquartieren haben für mich absolute Priorität», sagt Polizeivorsteherin Esther Maurer. «Tempo 30 ist ein wichtiger Bestandteil zur Aufwertung des Wohnumfelds», bestätigt ihre Stadtratskollegin Kathrin Martelli.

Ähnlich tönt es in immer mehr Gemeinden. Rund 700 Tempo-30-Zonen sind schweizweit realisiert oder geplant. Vor sieben Jahren waren es erst 160, vor drei Jahren noch rund 500. Das Resultat seien «wohnliche Quartiere», heisst es in einer Broschüre des Bundes. Denn: «Dank dem kürzeren Anhalteweg der Autos können vor allem Betagte und Kinder die Fahrbahnen wieder unter geringerer Gefahr überqueren – weniger befahrene Strassen werden als Spielraum zurückerobert.»

Auch Wissenschaftler applaudieren. In einer ETH-Studie geben Verkehrsplaner der Idee gute Noten. «Tempo-30-Zonen in Wohngebieten sind zur Erhöhung der Verkehrssicherheit zweckmässig», sagt Mitautor Hans Peter Lindenmann. «Eine rasche Weiterverbreitung ist zu fördern.» Ein genauerer Blick in die Studie zeigt die Chancen und Grenzen von Tempo 30:

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  • Geschwindigkeit: Sechs von zehn Autos sind schneller als mit Tempo 30 unterwegs. Im Vergleich zu früher wird aber im Schnitt fünf Kilometer pro Stunde langsamer gefahren. In umgestalteten Strassenräumen sank die mittlere Geschwindigkeit von 46 auf 38 Kilometer pro Stunde. In baulich unveränderten Zonen war keine Temporeduktion festzustellen.

  • Unfälle: Die Wahrscheinlichkeit, als Fussgänger bei einer Kollision tödlich verletzt zu werden, sinkt mit der Reduktion von Tempo 50 auf Tempo 30 markant – nämlich von 85 auf 10 Prozent. In den untersuchten Zonen sank die Zahl der Unfälle um 15 Prozent – und es gab einen Viertel weniger Verletzte. Allerdings: In Gebieten ohne spezielle bauliche Massnahmen stieg die Unfallziffer markant an. Der Grund: «Fussgänger und Velofahrer wiegen sich in einer falschen Sicherheit», sagt Christian Huber von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU).

  • Anzahl Autos: Die ETH-Studie zeigt «einen leichten Trend zur Abnahme der Verkehrsmengen nach Einführung von Tempo 30». Ob aber eingebaute Hindernisse den gebietsfremden Verkehr verdrängen, konnte nicht nachgewiesen werden.

  • Kosten: Gemäss Bundesvorschrift müssen die Zonen abgeschlossen sein und dürfen im Normalfall nicht mehr als 0,4 Quadratkilometer umfassen. Bau und Signalisation belaufen sich für die Gemeinden auf 30'000 bis 100'000 Franken. «Die immer wieder befürchteten hohen Kosten treffen nicht zu, wenn die nötigen Massnahmen sorgfältig geplant und ausgewählt werden», heisst es in der ETH-Studie.


Autofahrer protestieren

Doch Lob aus Fachkreisen hin oder her: Viele Autofahrer sehen bei Tempo 30 rot. «Ich möchte mein Auto nicht noch stossen müssen», liest man etwa in den Leserbriefspalten von Zeitungen. Oder: «Reglementiert alles – es hat noch viele freie Plätze für Verkehrsschilder.» Ein anderer Skeptiker schlägt gar «Tempo 5» vor – «und 60 auf der Autobahn».

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Für Unsicherheit sorgen auch die Weisungen des Bundes. Grundsätzlich gilt in der 30er-Zone Rechtsvortritt. Das heisst: Die Stopplinien und «Kein Vortritt»-Markierungen verschwinden – und auch die Fussgängerstreifen werden zum Schrecken vieler Eltern meistens weggeschliffen (Beobachter 3). All dies soll «zur besseren Einhaltung» der Tempolimite beitragen.

Manchmal heizen die Behörden die Tempo-30-Skepsis unnötig an. So wurden zum Beispiel in Aarau zur Verkehrsberuhigung hässliche und schlecht markierte Betonwürfel auf die Strasse gestellt – mit dem Resultat, dass Velofahrer gleich reihenweise verunfallten.

Die Erfahrung zeigt: Von einem Tag auf den anderen lässt sich Tempo 30 schlecht verordnen. «Die Leute im Quartier müssen zuerst einen Erkenntnisprozess durchmachen», sagt Daniel Grob vom Verband Fussverkehr Schweiz. Doch der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) will mehr: nämlich ein Diktat von oben. Seine Volksinitiative «Strassen für alle» ist mit 112'000 Unterschriften zustande gekommen. Verlangt wird innerorts generell Tempo 30. Nur wenn es Verkehrssicherheit und Lärmschutz zulassen, soll auf Hauptstrassen schneller als 30 gefahren werden dürfen.

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Fussgänger sind skeptisch
Der Bundesrat lehnt die Idee als «nicht geeignet» ab. Der VCS nehme mit seinem Ruf nach einer generellen Einführung von Tempo 30 «zu wenig Rücksicht auf Ausbaugrad und Erscheinungsbild der Strassen», schreibt die Regierung. Am 21. Juni äussert sich der Nationalrat dazu.

Das Votum ist absehbar: Die vorberatende Kommission schmetterte die Initiative mit vierzehn gegen drei Stimmen ab. Sogar die Fussgängerlobby ist nicht ganz glücklich über das Vorprellen des VCS.

Als «eher kontraproduktiv» bezeichnet Daniel Grob die Volksinitiative. «In den Städten und Gemeinden ist viel in Bewegung gekommen. Es wäre besser, diese Kräfte zu stärken, als den Absturz an der Urne zu riskieren.»

Buchs AG schmetterte Initiative ab
Die Initiative wird es schwer haben. Das zeigen Beispiele aus den Gemeinden. So wurde kürzlich in Buchs AG die Volksinitiative «Flächendeckend Tempo 30 auf Gemeindestrassen» mit 70 Prozent Neinstimmen bachab geschickt. Bereits wird in Bern überlegt, wie der Abstimmungskampf geführt werden kann, ohne Berge von Geschirr zu zerschlagen. Denn auch der Bundesrat spricht von «grundsätzlich guten Erfahrungen, die mit korrekt ausgestalteten Tempo-30-Zonen gemacht werden».

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Deshalb will das Bundesamt für Strassen seine Weisungen, die in vielen Gemeinden als zu eng empfunden werden, offener formulieren. Und: «Wir möchten in diversen Gemeinden Pilotversuche mit neuen Tempovorschriften starten», sagt der Fachbeamte Peter Friedli. Ein möglicher Ansatz: Innerorts gilt auf den Hauptstrassen weiterhin Tempo 50, auf allen Wohn- und Erschliessungsstrassen jedoch Tempo 30.

Aus dieser Idee hat die BfU bereits ein neues Konzept entwickelt. An einer Tagung schlug Technik-Leiter Jörg Thoma vor, alle Strassen innerorts «in drei Teile zu gliedern und jedem dieser Teile eine gesetzlich verankerte allgemeine Tempolimite zuzuordnen»:

  • Tempo 50 auf dem übergeordneten Strassennetz (Durchgangsverkehr).
  • Tempo 30 auf Siedlungsstrassen (Ziel- und Quellverkehr).
  • Tempo 20 oder Schritttempo in Spezialzonen, wo Fussgänger und Velofahrer überall Vortritt haben (Wohnstrassen und Flanierzonen).


Umstritten bleibt, wie aufwändig die Tempo-30-Zonen umgebaut werden müssen. «Es braucht einen Kulturwandel», sagt der VCS-Stratege Hans Kaspar Schiesser, «und der muss vor allem in den Köpfen stattfinden.» Auch Jörg Thoma meint, man müsse nicht immer und überall teure Eingriffe ins Strassenbild planen. Es komme ja auch niemand auf die Idee, Uberlandstrassen zurückzubauen, nur weil darauf schneller als 80 gefahren werden könne. Zweifel an diesem «neuen Bewusstsein» hat Peter Friedli vom Bundesamt für Strassen: «Ohne bauliche Eingriffe ist die Tempo-30-Zone eine Augenwischerei und nicht im Interesse der Fussgänger und Velofahrer.»

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«Mit 30 fängt das Leben an»
Die Stadt Zürich geht den sparsamen Weg. «Flächendeckend, schnell, ohne unnötig teure Verkehrsbauten», heisst das Motto. Begleitet wird die Offensive von einer Werbekampagne. «Mit 30 fängt das Leben an», heisst es auf den Plakaten. Oder: «Bis 30 hat man mehr Drive.»

Tempo 30 soll «über das Herz in die Köpfe gehen und mit der Zeit vom Ereignis zur alltäglichen, logischen Sache werden», sagt Roland Meyer vom Tiefbaudepartement. Die Stadtpolizei erhebt dennoch den Mahnfinger: «Wer wie früher mit Tempo 50 durchs Quartier fährt, ist unter Umständen sein Billett los.»