Weisst du, wie viel Kreisel stehen? Eine präzise Antwort darauf gibt
es ebenso wenig wie auf die Frage nach den «Sternlein an dem blauen Himmelszelt». Ein eidgenössisches Inventar existiere nicht, bedauert man beim Bundesamt für Strassen und vertröstet auf die möglicherweise telefonisch abrufbaren Daten bei den einzelnen Kantonen. Nur: Neben den Kantonen verlustieren sich auch Tausende von Gemeinden innerhalb ihres Territoriums am Kreiselbau. Wahrlich: Die Kreisel wachsen uns über den Kopf.

Gelehrten Häuptern geht es nicht im Mindesten besser. Philippe Bovy ist Lausanner ETH-Professor und Verkehrsexperte. Als er bis Mitte der neunziger Jahre rund 1000 Exemplaren in der Schweiz auf die Spur gekommen war, hörte er mit Zählen auf und liess zumindest buchhalterisch die Kreisel Kreisel sein. Mit der Schätzung von mehr als 2000 Stück liefert das Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der Universität Zürich einen vagen Anhaltspunkt.

Fest steht: Die Zahlenspirale der Kreisel dreht und dreht sich. Ein Ende ist für Albert Hermann, Gebietsingenieur der Baudirektion des Kantons Zürich (Tiefbauamt), nicht in Sicht. Pro Jahr entstehen im Kanton fünf bis acht neue. Auf den rund 1600 Kilometern Kantonsstrasse erheben sich bis jetzt 160 Objekte, weitere 100 finden sich auf Gemeindegebiet.

Lichtsignalanlage mitunter sinnvoller
Diese gestalterische Verkehrsberuhigung und -entschärfung sei allerdings nicht «das höchste aller Gefühle» und müsse auch nicht bei jeder Kreuzung aus dem Boden gestampft werden, sagt Hermann. «Bei genauen Abklärungen kann sich eine Lichtsignalanlage als sinnvoller erweisen.» Auch Klaus Zweibrücken, Dozent für Verkehrsplanung an der Hochschule für Technik in Rapperswil SG, sieht im Kreisel kein «Allerweltsmittel»: «Er muss verkehrstechnisch und gestalterisch Sinn machen und darf nicht wahllos hingepflanzt sein.»

Als Medium zur Verkehrsberuhigung und -sicherheit schneidet der Kreisel gut ab. Vorausgesetzt, die Einsatzkriterien für einen Kreisel sind erfüllt und er wird entsprechend den Regeln der Kunst ausgeführt, kann ein Kreisel einen Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit leisten – und dazu noch verkehrsberuhigend wirken. Eine Untersuchung der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung an 130 Objekten zeigte, dass die Zahl der Unfälle an Knotenpunkten, die durch Kreisel entschärft wurden, um 42 Prozent abgenommen hat und diejenige der Verunfallten um 61 Prozent.

Der Welturkreisel ist auf französischem Pflaster gewachsen. Der ehrwürdige «Place de l’Etoile» wurde 1907 in Paris als erster «rond point» eingeweiht. Dann kamen die Engländer auf den Geschmack der «roundabouts» und führten 1965 den Kreiselvortritt ein. In den achtziger Jahren überrollte der Kreisel die Schweiz. Der Rundumschlag soll seinen Anfang im Kanton Freiburg genommen haben, wo 1985 in Vuisternens-en-Ogoz dieses Konstrukt erstmals auftauchte. Offiziell gilt hierzulande seit dem 1. Mai 1989 der Kreiselverkehr mit Linksvortritt. Und das ist gut so. Im Kreisel sind alle Menschen gleich.

Die verkehrs- und sicherheitstechnische Argumentation kann nicht der einzige Motor sein für die «Kreiselitis». Die eigentliche Herausforderung ist der Putz in der Mitte. Was darfs denn sein? Geschnitzte Geranienkistchen? Heimisches Urgestein? Verwitterter Umweltschrott? Artige Tierskulpturen? Edle Monumente? Elementare Wasserspiele? Sauglatte Werbemonster? Oder gar Kunst im Kreisel? Der gestalterische Wildwuchs feiert Urständ – nicht zuletzt dank potenten Sponsoren.

«Unort», wo Kunst wenig Sinn macht?
Für den Kunsthistoriker Andreas Meier ist der Kreisel aus persönlicher Sicht «ein Unort» und Kunst im Kreisel wenig sinnvoll. Am unvermuteten, dem Fussgänger zugänglichen Ort könnte sie mehr überraschen. Als Direktor des Seedamm Kulturzentrums Pfäffikon SZ lädt er am 1. Juli zur Podiumsdiskussion «Die Kunst findet im kleinsten Kreisel statt».

An der Gesprächsrunde nimmt auch Benedikt Loderer teil, Architekturkritiker, Redaktor der Zeitschrift «Hochparterre» und seines Zeichens Stadtwanderer. Gut und gern weist er auf die Leidensgeschichte des «Kreiselbären» beim Berner Bärengraben hin: Als im Mai 1993 der sitzende Meister Petz des Berner Eisenplastikers Housi Knecht platziert wurde, begann ein Jekami-Kulturstreit. Man warf der Skulptur «unerträgliche Banalität» vor und titulierte sie als «Bär auf der Toilette». Der Sitzbär musste das Feld räumen. Auf einem Kreisel in Ostermundigen BE fand er schliesslich Asyl – «mit em Füdle gäge Bärn», wie die Einheimischen witzeln.

Die Mehrheit der Schweizer spricht sich für begrünte Verkehrskreisel aus, wie eine repräsentative Meinungsumfrage des Instituts Link zeigt. Sieben von zehn Personen wünschen sich Blumen als Dekoration, fünf von zehn eine naturnahe Bepflanzung, ein Drittel begeistert sich für Kunst im Kreisel.

Warum nur setzen wir Kunst, Kitsch, Kraut und Rüben in den Kreisel? «Wir haben offensichtlich Angst vor der Leere», vermutet der Grenchner Stadtbaumeister Claude Barbey. Es brauche Mut, den Kreisel nicht aufzumöbeln. Auch wenn das Objekt noch so gut sei, müsse Kunst im Kreisel a priori scheitern. Der Brückenschlag zwischen Ort und Kunst erscheine ihm hier unmöglich. Der Berner Raumplaner und Kreiselspezialist Jürg Hänggi doppelt nach. Er erachtet es schon fast als «Manie», jeden Kreisel bestücken zu müssen.

«Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann», brachte es der dadaistische Künstler Francis Picabia 1922 auf den Punkt. Aha. Der Kreisel beginnt im Kopf.