Samstag, 26. Juli 1997, morgens um sieben Uhr: Die Seestrasse in Kilchberg ZH ist menschenleer. Nur wenige Autofahrer sind unterwegs, unter ihnen der 31-jährige H. in seinem BMW – mit mehr als 1,6 Promille Alkohol im Blut und stark übersetzter Geschwindigkeit. In einer leichten Rechtskurve gerät er ins Schleudern.

Exakt an dieser Stelle und zu diesem Zeitpunkt kommen ihm Stefan Meier und seine Frau in ihrem Wagen entgegen. Der BMW erwischt sie frontal – das Ehepaar ist auf der Stelle tot.

Der Täter blieb unverletzt
Der Rückblick auf diesen Unglückstag ist schmerzhaft für Rosmarie A. Meier (Bild), die Schwester des Getöteten. «Wir waren schockiert», erinnert sie sich. «Warum musste das passieren? Warum kreuzten sich die Autos nicht eine Sekunde später? Mit solchen Fragen quält man sich ständig. Bis man irgendwann damit aufhören muss.»

Dazu kam eine unglaubliche Wut: «Wir mussten damit fertig werden, dass der Täter unverletzt aus seinem Auto stieg, nachdem er zwei Menschenleben ausgelöscht hatte. "So einer", dachten wir, "darf nie wieder andere Menschen gefährden. Der darf nie wieder ein Lenkrad berühren."»

Uber zwei Jahre sollten vergehen, bis es zum Prozess am Bezirksgericht Horgen kam – eine quälend lange Zeit. «Wir hofften so sehr», sagt Rosmarie A. Meier, «dass das Gericht Recht sprechen würde und dem Täter der Führerausweis entzogen würde. Wir haben uns vom Prozess viel versprochen: Gerechtigkeit und Genugtuung.»

Ein «korrekter Bürger»
Aber diese Erwartungen wurden nicht erfüllt – ganz im Gegenteil. Rosmarie A. Meier und ihre Familie empfanden den Prozess als Verhöhnung. So mussten sie anhören, wie die Anwältin des Täters argumentierte, mit einem Airbag hätte das Ehepaar vielleicht überlebt – was angesichts der enormen Aufprallgeschwindigkeit absurd war.

Das Urteil fiel weitaus milder aus als der Antrag des Bezirksanwalts. Dieser hatte eine unbedingte Haftstrafe von zwei Jahren gefordert. Der Täter erhielt 16 Monate bedingt. Der Richter hielt ihm seinen guten Leumund zugute und stellte fest, er mache «den Eindruck eines korrekten Bürgers». Seine Verfehlung sei wohl ein absoluter Einzelfall, deshalb reduziere man die Strafe.

Das väterliche Wohlwollen des Richters war für Rosmarie A. Meier und ihre Familie fast nicht auszuhalten. «Der Täter soll sein Leben weiterführen können, ohne Konsequenzen zu tragen. Doch weiss der Richter, was es für die Angehörigen heisst, mit dem Verlust der geliebten Personen weiterzuleben?»

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Der Täter hatte vor Gericht alles abgestritten – den exzessiven Alkoholkonsum, der zu den 1,6 Promille geführt hatte, ebenso wie die Geschwindigkeit von über 100 Kilometern pro Stunde, die die Gutachter bestätigt hatten. Er zeigte keine Einsicht und hatte sich bei direkten Begegnungen niemals bei den Angehörigen entschuldigt. «Das», so Rosmarie A. Meier, «spricht eigentlich nicht für den guten Leumund.» Ihre Familie zog das Urteil ans Obergericht weiter.

«Fast 600 Tote jährlich auf den Strassen», sagt Rosmarie A. Meier, «und Verkehrsvergehen gelten weiterhin als Kavaliersdelikte. In der Schweiz wird eher die Armee abgeschafft, als dass jemand das Auto in Frage stellt. Man fürchtet ja um die persönliche Freiheit. Aber welche Freiheit hatte mein Bruder? Welche Freiheit haben Kinder im Verkehr? Wer Raserei und Trunkenheit am Steuer nicht unterbindet, hat ein eigenartiges Verständnis von persönlicher Freiheit.»