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ZürichScherben auf dem Veloweg

In der Stadt Zürich zerschlagen Strassenreiniger Flaschen auf Fahrradwegen. Das erstaunt nicht nur die Hersteller der Putzmaschinen.

«Hier geht es nicht um Velopolitik»: Filippo Leutenegger, Zürcher Stadtrat.
von aktualisiert am 24. Januar 2018

Ein Vormittag im Zentrum Zürichs. Ein Mann nimmt eine leere Bierflasche von einem Mäuerchen neben einem Trottoir, geht zum Randstein, haut das Leergut über die Kante, tritt zurück, geht weiter. Die Scherben lässt er auf dem Veloweg liegen. Kein Einzelfall, wie mehrere Scherbenhaufen beweisen.

Ein Verwirrter? Womöglich ein Velohasser? Nichts dergleichen. Der Mann ist Strassenreiniger beim Stadtzürcher Tiefbauamt, ein sogenannter Vorwischer. Dieser ist fürs reibungslose Funktionieren der Putzmaschinen verantwortlich. «Flaschen können den Saugrüssel unserer CityCat-Putzmaschinen verstopfen. Dann muss man die Maschine öffnen und den Saugrüssel leeren und putzen. Scherben kann die CityCat dagegen sehr gut aufsaugen. Es geht auch schnell», erklärt die zuständige Sprecherin Leta Filli. Flaschen zu zerschlagen sei eine einfache Möglichkeit, eine Panne mit der Putzmaschine zu vermeiden und rasch mit der Arbeit voranzukommen.

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Beim Hersteller widerspricht man

Hört sich erst mal plausibel an. Bei Bucher Municipal, Hersteller der in Zürich eingesetzten Putzmaschinen, ist man jedoch erstaunt: «Alle unsere CityCats, auch die kleinste, können Leergut bis hin zur Champagnerflasche ohne Probleme aufnehmen. Zudem haben sie je nach Modell eine Seitenöffnung, oder man kann den Behälterdeckel öffnen, um Flaschen falls gewünscht manuell und gesondert abzuführen», sagt Produktmanager Igor Grgic. «Glas absichtlich zu zerschlagen ist also definitiv nicht nötig. Zudem scheint es mir aus Sicherheitsgründen fragwürdig.»

Fragwürdig findet man das auch in Basel: «Unser Personal hat die Weisung, Leergut einzusammeln. Das Zerdeppern von Flaschen ist explizit nicht erlaubt», sagt Dominik Egli, Leiter Stadtreinigung Basel-Stadt. Ähnlich hält man es auch in Bern.

Und Dave Durner, Geschäftsführer des Interessenvereins Pro Velo Zürich, findet es geradezu absurd, harmlose Glasflaschen in gefährliche Scherben zu verwandeln und auf den Veloweg zu werfen – auch wenn sie hinterher aufgekehrt werden. «Es werden ja wohl kaum immer alle Bruchstücke erfasst. Velofreundlich ist das nicht.»

Rechnung an die Stadt

«Es geht um die effiziente Erledigung der Arbeit, nicht um Velopolitik», sagt Filippo Leutenegger auf Nachfrage. «Ob es nötig ist, eine Flasche zu zerschlagen, entscheidet der Vorwischer.» Der Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements der Stadt Zürich, auch zuständig für Velowege, betont aber: «Die Stadt gab nie eine Anweisung, Flaschen auf dem Veloweg zu zerschlagen.»

Und was rät der bekennende Motorrollerfahrer Leutenegger denjenigen, die wegen der Zürcher Reinigungspolitik auf dem Veloweg einen Platten einfangen? «Sollten Sie nachweisen können, dass die Stadtreinigung ihre Dienstpflichten fahrlässig verletzt hat und dass Sie bei der Strassenbenützung die zumutbare Aufmerksamkeit haben walten lassen, können Sie uns die Rechnung schicken.»

Hinweis: In einer ersten Version schrieb der Beobachter, dass die Strassenreiniger die Flaschen auf Anweisung der Stadt zertrümmern. Dem widerspricht das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement. Eine Anweisung, wonach Strassenreiniger Flaschen auf Fahrradwegen zerschlagen müssen, gebe es nicht, schreibt das Departement in einer Mitteilung. Die Redaktion

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Elio Bucher, Online-Redaktor

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