Hier ein Rabatt, da ein Geschenk: Die Schweizer Energiekonzerne benehmen sich, als gäbe es keine Gesetze. Gibt es auch nicht noch nicht. Das Elektrizitätsmarktgesetz wird frühestens im Dezember im Nationalrat beraten, im Ständerat gar erst im kommenden Frühling.

Läuft alles nach Plan, können 110 Grosskunden mit jährlich mehr als 20 Millionen Kilowattstunden Stromverbrauch ab dem Jahr 2001 ihren Lieferanten frei auswählen. Doch längst haben die Energiekonzerne den Markt selbst liberalisiert. Grosskunden reiben sich die Hände und kaufen den Strom dort ein, wo sie ihn am billigsten erhalten. Möglich wird dies, weil Energieunternehmen jene Kunden mit Geld belohnen, die sich vertraglich an den künftigen Stromlieferanten binden.

Dabei schliessen die Energiekonzerne mit Grossfirmen oder Institutionen einen Stromlieferungsvertrag ab, der dem Kunden einen tieferen Preis garantiert. Weil aber die Durchleitung des «fremden» Stroms in einem bisher monopolmässig versorgten Gebiet noch nicht gesetzlich geregelt ist, erfolgt der Stromdeal nur theoretisch: Das heisst, der effektive Strom ist zwar noch nicht lieferbar, doch damit der Kunde den Strom trotzdem günstiger erhält, vergütet der neue Lieferant schon heute die Differenz zum billigeren Strompreis von morgen.

Fürstliches Geschenk ins Spital

So lässt sich das Berner Inselspital bisher vom Elektrizitätswerk der Stadt Bern versorgt bereits ab 1999 jährlich gegen eine halbe Million Franken auszahlen. Im Gegenzug verpflichtet sich das Spital, nach der Marktöffnung bis mindestens ins Jahr 2007 seinen Strom beim halbstaatlichen bernischen Energiekonzern BKW Energie AG zu beziehen: für rund zehn Rappen pro Kilowattstunde statt 12,45 wie bisher.

Finanziert wird diese Ausgleichszahlung in der Branche «Vorauszahlung» oder «Rückvergütung» genannt aus dem Geschäft mit den Kleinkunden. Das wiederum bringt Preisüberwacher-Stellvertreter Rafael Corazza auf die Palme. Doch machen kann er nichts, denn die Liberalisierung ist nicht aufzuhalten. Dass Firmen den Strom günstiger einkaufen möchten, ist logisch. Und dass Energiekonzerne sich so ihre Existenz sichern wollen, ist ebenfalls nachvollziehbar. Corazza kann denn auch nur eines versprechen: Er werde sich wehren, damit «der gefangene Kleinkunde» den Strom nicht während Jahren beim Monopolisten kaufen müsse. Nach dem Gesetzesentwurf sollen Haushalte nicht vor 2007 ihren Stromlieferanten frei wählen können.

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Die Beträge bleiben geheim

Wie viel sich die Energiekonzerne die Geldgeschenke kosten lassen, verschweigen sie. Bei der BKW spricht Direktor Kurt Rohrbach von «Investitionen», will die jährliche Summe aber nicht beziffern. Laut Schätzungen dürften diese Geschenke jährlich in die Millionen gehen.

Auch die Aare-Tessin AG (Atel) behält die Zahlen für sich. Stefan Breu, Atel-Chef Schweiz, betont aber: «Wir haben keinen Fonds, aus dem wir solche Zahlungen leisten können.» Die Vorausvergünstigung müsse sich über die ganze Vertragsdauer betriebswirtschaftlich rechtfertigen. Die Atel kann sich im Gegensatz zur BKW nicht auf ein grosses Monopol in der Haushaltversorgung stützen. Trotzdem verweist man stolz darauf, «einige» neue Kunden geangelt zu haben.

Am aggressivsten tritt die BKW Energie AG auf. Unter den Nagel gerissen hat sich der bernische Energiekonzern neben dem Inselspital die Migros Aare und die Sanitärtechnikfirma Geberit AG in Jona SG. Hofiert hat die BKW bereits vor Monaten auch die Toni AG in Zürich. Diese widerstand aber den Geldgeschenken aus Bern und bezieht den Strom weiterhin beim Elektrizitätswerk der Stadt Zürich.

Jetzt bearbeitet die BKW den Drei-Milliarden-Konzern Georg Fischer in Schaffhausen. Obschon die Firma noch nicht mal über eine Offerte verfügt, erwarten die Zuständigen «beträchtliches» Sparpotenzial. Auch die Wasserwerke Zug AG haben den Lieferanten gewechselt. Sie liefen von den NOK zur Atel über. Zugeschlagen hat ausserdem die Watt Suisse AG: Die neue Vertriebsgesellschaft, an der unter anderen die Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg und die CKW beteiligt sind, hat bereits vor Monaten einen Vertrag mit dem Migros-Genossenschaftsbund für 26 Betriebe in der ganzen Schweiz abgeschlossen.

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Jetzt stürzen sich die Energiekonzerne auf Grossbanken und Versicherungen. Die angepeilten Neukunden dürfen sich auf billigen Strom freuen. Den Kleinkunden bleibt nur eines: nehmen, was geliefert wird. Und zähneknirschend zahlen.