Es gibt sie noch: den Herbstwald, den Birkenwald und den Karibikstrand verewigt auf Tapete und garantiert aus den siebziger Jahren. Wer wie ich in Zürich eine Wohnung sucht, begegnet den Bildern immer wieder.

Etwas ernüchternd ist das schon. Auch sonst habe ich auf meinen Erkundungstouren durch die Zürcher Wohnlandschaft einiges an Illusionen verloren. Es beginnt bereits bei den Wohnungsinseraten; immerhin weiss ich nun, mit welch schönen Worten selbst die schlimmste Bruchbude angepriesen wird. «Grosszügige Wohnung in Jugendstilhaus» heisst im Klartext: grosse Wohnung, aber hässlich, und Jugendstil ist nur noch die Hausfassade. «120 Quadratmeter für 1150 Franken» sind tatsächlich noch zu haben allerdings nur an der Zürcher Rosengartenstrasse, auf der täglich 63000 Autos und Lastwagen vorbeidonnern. Der Balkon dazu ist natürlich ein Witz. Aber selbst um diese Wohnungen reissen sich die Leute mittlerweile.

Hart ist die Konkurrenz, in Zürich herrscht akute Wohnungsnot. Das heisst: Die Vermieter und Verwaltungen hüten sich davor, dass Wohnungssuchende irgendwie Kontakt mit ihnen aufnehmen können. Der Besichtigungstermin steht also bereits im Inserat: Mittwoch, 17 bis 18 Uhr. Anmeldeformulare werden genau 20 Stück aufliegen, und das wissen natürlich die vereinigt-verzweifelten Wohnungssuchenden. Deshalb beginnt sich spätestens um 16.40 Uhr vor dem Hauseingang eine Schlange zu bilden, ich mittendrin. Um 17 Uhr sind es mindestens 100 Heimatlose, die alle dieselbe Hoffnung haben: «Diesmal muss es klappen.» Man kennt sich inzwischen, grüsst sich wenn überhaupt knapp und denkt etwas schadenfreudig: «Aha, der geht es auch nicht besser.»

Erschwert wird die Sache dadurch, dass ich in anderer Leute Wohnung eindringe. Das bedeutet, mit den befremdlichsten Wohngewohnheiten konfrontiert zu werden. Und in der Tat: Das sind alles Reviere, jede Ecke ist markiert, meine Nase muss die eigenartigsten Gerüche ertragen. Ich sehe Menschen in Sesseln sitzen, als wären sie da geboren und würden darin sterben. Um sie herum nichts als Unordnung; sie jedoch leben darin ganz selbstverständlich. Und dann eben: der Herbstwald, der karibische Strand an der Wand. Mit viel Fantasie versuche ich, mir die Zimmer mit weissen Wänden vorzustellen; bezahlen müsste ich den Maler natürlich selber.

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Mit den Chiffreinseraten ergeht es mir nicht besser. Ich stecke einen höflichen Brief und ein Blatt mit persönlichen Angaben wie Alter, Lohn, Referenzen und Arbeitgeber in einen Umschlag und schicke ihn ab. Irgendwo in den Orbit. Ich kenne den Empfänger nicht, weiss nicht, was mit meinen Angaben geschieht. Im besten Fall erhalte ich einige Monate später ein Retourkuvert mit den zwei Zetteln drin, ohne Gruss oder Erklärung.

Warum ich keine Bleibe finde in der Stadt, die mir ans Herz gewachsen ist? Langsam, glaube ich, komme ich der Sache auf die Spur. Denn kürzlich war ein Vermieter so nett, mir zu verraten, warum ich die Wohnung nicht erhalten habe. «Eine Journalistin kommt mir nicht ins Haus. Ich will doch nicht, dass der Beobachter über jede Mietzinserhöhung berichtet.» Der Herr hat sicher den Herbstwald an der Schlafzimmerwand. Ich schlafe wohl demnächst unter der Brücke, auch naturnah.

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