Mittwochabend in der Migros-Klubschule Wengihof in Zürich. Salsa Cubano, Lektion zwei. «Schliessen, vorwärts, seitwärts und schliessen!», skandiert der Tanzlehrer ins Mikrofon. Über den Holzboden täppeln und drehen sich 13 Tanzpaare. Einige betont lustvoll, andere konzentriert und etwas steif Spass machts aber allen. «Salsa ist temperamentvoll, die Bewegungen kommen aus der Hüfte», schwärmt ein Tänzer. Tanz sei für ihn Ausgleich zum Bürojob. Seine Partnerin lernt den Paartanz, weil die kubanische Musik sie in Ferienstimmung versetzt.

Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 1997 tanzt rund ein Drittel der über 15-Jährigen. Tanzen ist besonders bei den Jungen in: Unter den befragten 15- bis 24-Jährigen besucht über die Hälfte mindestens einmal im Monat eine Disco oder ein Dancing. Die letzte Volkszählung ergab insgesamt 1592 Männer und Frauen, die in der Tanzszene arbeiten. Unter anderem sind in der Liste aufgeführt: 586 Tanzlehrer, 30 Stripteasetänzerinnen, 58 Choreografen, 152 Eurhythmielehrerinnen, 13 Tanzschuldirektoren.

Salsa boomt, und Lindy Hop, ein Paartanz zu Swingmusik aus den dreissiger Jahren, feiert ein Comeback. Klassiker wie der Tango oder der Walzer stehen bei Tanzschülerinnen und -schülern nach wie vor hoch im Kurs. Es kommen aber auch neue Tanzformen auf, zum Beispiel Latin Aerobic oder Funk-Low-Impact zwei Bewegungsstile, die irgendwo zwischen Tanz und Fitness anzusiedeln sind.

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Eine einzige grosse Tanzgemeinde

Früher war Tanz Erotik, heute ist er Gymnastik. Aber nicht nur: Tanzen ist vor allem auch ein Gemeinschaftserlebnis. Beim Paartanz ist man auf sein Gegenüber bezogen, bei anderen Tänzen zählt die Gruppe. Zum Beispiel beim Techno. «An einer Technoparty tanzt nicht jeder für sich allein. Es ist ein grosses gemeinsames Wummern», sagt die Sozialpsychologin und Technokennerin Susanne Stefanoni. «Man kuschelt in den Tanzpausen zusammen in Chill-out-Ecken und nennt sich eine "family".» Auch dass viele Plattenaufleger heute als Zeremonienmeister («Master of Ceremony» oder kurz MC) betitelt werden, zeuge von einer Anlehnung an ursprüngliche, rituelle Gemeinschaftstänze. Sich in einer speziellen Tanzszene zu Hause zu fühlen sei es im Hip-Hop oder im Volkstanzverein , stärke die Gruppenzugehörigkeit, weiss die Sozialpsychologin.

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Ob man nun mit dem Teenieschwarm im Skilager geschlossen tanzt, mit dem Ehepartner einen Tango aufs Parkett legt oder im Ausdruckstanz seinen Gefühlen freien Lauf lässt: Tanzen ist eng mit Glücksgefühlen verbunden. Tanzen macht fröhlich. Forschungen bestätigen das: Wer beispielsweise vor dem Jazztanzkurs matt und traurig ist, hat grosse Chancen, sich nach dem Tanzen energiegeladen und rundum wohl zu fühlen. Das Hochgefühl muss dabei nicht von einer erhöhten Endorphinausschüttung oder anderen körpereigenen Stoffen herrühren.

«Beglückender Trancezustand»

Der Sportpsychologe Roland Seiler vom Bundesamt für Sport in Magglingen kann sich genauso gut vorstellen, dass ein perfektes Beherrschen der Tanzbewegungen das Glücksgefühl hervorruft: «Dieser beglückende Trancezustand ist typisch, wenn man etwas gut kann und dann quasi eins wird mit der Tätigkeit. Der Tänzer empfindet dabei ganz ähnlich wie der Pianist beim Klavierspielen oder die Chirurgin am Operationstisch.»

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«Wer ein Leben lang tanzt, lebt lang», glaubt Titus Capaul, der diplomierte Tanzlehrer von der Migros-Klubschule. «Die Musik reisst einen mit, und man vergisst dabei alle Trägheit.» Körperliche Faulheit ist in der Tat ein Hauptrisikofaktor vieler Zivilisationskrankheiten; rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung bewegt sich zu wenig. «Täglich eine halbe Stunde körperliche Aktivität von mittlerer Intensität, wie zum Beispiel Tanzen oder schnelles Gehen, bringt ein Gesundheitsplus», sagt Ernst Rothenfluh, Dozent am Institut für Bewegungs- und Sportwissenschaften der ETH Zürich. Regelmässige Bewegung schütze etwa vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose und Altersdiabetes.

Tanztherapie gegen Seelenkummer

In deutschen Schmerzkliniken wird Tanztherapie seit Jahren bei Patienten mit chronischen Schmerzen angewendet. Und das mit Erfolg. Auch in der Psychiatrie und in der Behandlung seelischer Leiden hat die Tanztherapie ihren festen Platz. «Tanztherapie ist als Gruppenmethode entstanden. Aber sie feiert auch bei Einzeltherapien stille, schöne Erfolge», sagt die Psychologin und Tanztherapeutin Elisabeth Moser. Geht ein Patient beispielsweise nur den Wänden entlang, versuche sie mit ihm, Schritt für Schritt den Raum zu öffnen. «Tanztherapie bedeutet mehr, als Leute in luftigen Kleidern das Leben tanzen zu lassen», sagt die Psychologin. Tanztherapie setze da an, wo Worte den Menschen nicht erreichen.

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