Berlin Boys«Vielen Männchen fehlt das Selbstvertrauen»

Bild: Tiergarten Schönbrunn

Wenn es bei seltenen Tierarten mit dem Sex nicht klappt, kommen Thomas Hildebrandt, Frank Göritz und Robert Hermes zum Einsatz. Sie sind Pioniere der künstlichen Befruchtung von Wildtieren.

von Beate Kittl

Berlin Boys: Die Veterinäre Thomas Hildebrandt (Abteilungsleiter), Robert Hermes und Frank Göritz (von rechts) untersuchen am Leibnitz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin die Fortpflanzung grosser und kleiner Wildtiere. ­Wegen ­ihrer bahnbrechenden Erfolge bei der künstlichen Besamung von ­Elefanten und Nashörnern sind sie in der Fachwelt als «Berlin Boys» bekannt.

BeobachterNatur: Meine Herren, wie, bitte, kommt man an die Spermien eines Elefanten heran?
Frank Göritz
: Im Zoo machen wir das durch Massage. Dabei wird durch den Enddarm ein Nervenkomplex in der Beckenregion stimuliert. So kommt es zur Erektion und zum Samenerguss.

BeobachterNatur: Also Masturbation für Elefanten?
Göritz: Nicht im klassischen Sinn, aber so ähnlich. Bei wilden Elefanten und ­Nashörnern geht das natürlich nicht. Da muss man eine Elektroejakulation unter Vollnarkose machen. Man führt eine ­Elektrosonde ins Rektum ein und schickt ein paar wenige Volt ab. Das reizt wie die Massage das Nervengeflecht, und es kommt durch Reflex zum Samenerguss. Die Methode wurde übrigens für querschnittgelähmte Männer entwickelt, die ­einen Kinderwunsch haben.

Gewaltakt: Wenn grosse Wildtiere wie Elefanten oder Nashörner sich paaren, kann das mit bösen Verletzungen...

BeobachterNatur: Funktioniert dieses Vorgehen auch bei anderen ­Tierarten?
Göritz
: Ja, die Methode wurde in der Wildtiermedizin breitflächig adaptiert. Wir haben ein ganzes Repertoire unterschiedlich geformter Sonden, kleine für Nacktmulle, grosse für Elefanten.

BeobachterNatur: Ihre Geheimwaffe ist aber der Ultraschall. Sie, Herr Hildebrandt, haben den Ruf, alles mit Ultraschall zu unter­suchen, was sich bewegt. Woher kommt dieses Interesse?
Thomas Hildebrandt: Das begann 1987 mit meiner Doktorarbeit. Die Idee war es, toten Tieren die Eierstöcke zu entnehmen und diese bei Empfänger­tieren einzusetzen. Zum Beispiel bei ­seltenen Okapis. Wir konnten unter Ultraschallkontrolle Stammzellen in Ziegen­föten einsetzen und so Empfängertiere ohne Immunabwehr erzeugen. Da ist der Ultraschall in mein Leben getreten.

BeobachterNatur: Gab es denn Ultraschallgeräte für ­Okapis?
Hildebrandt: Nein, das waren Geräte für Menschen. Frank Göritz und ich ­machten das alles noch zu DDR-Zeiten an der Berliner Charité ...
Göritz: … mit einer afrikanischen Zwergziege im Kofferraum des Trabis. (lacht)
Hildebrandt: Wir mussten die Ziege von der Aufzuchtstation möglichst unauffällig in die Charité bringen. Damals entstand die Faszination dafür, dass man in Tiere reinschauen und so Manipulationen durchführen kann, die sonst einen schweren chirurgischen Eingriff bedingt hätten.

BeobachterNatur: Dank dieser Technik ist Ihnen als Ersten die künstliche Besamung bei Elefanten gelungen. Was war dabei die grosse Herausforderung?
Göritz: Man kannte den Hormonzyklus der Elefanten damals zwar schon recht gut, aber für eine Untersuchung fehlten die passenden Instrumente. Es ist gar nicht so einfach, bei einer bis zu sieben Tonnen schweren Elefantenkuh ein Ei ab­zubilden, das mit Hilfszellen nur zwei ­Zentimeter gross ist.

BeobachterNatur: Was haben Sie im Inneren der Elefanten sonst noch entdeckt?
Göritz: Wir fanden leider zahlreiche Krankheiten, besonders an der Gebärmutter – Zysten und gutartige Tumore von bis zu 50 Zentimetern Länge. Es war ernüchternd, bei wie vielen Weibchen im besten ­Fortpflanzungsalter wir Unfruchtbarkeit diagnostizieren mussten.

BeobachterNatur: Kommt das bei Zootieren häufig vor?
Göritz: Ja, auch bei anderen Tierarten ergab sich ein ähnliches Bild. Beim ­Nashorn ist es besonders gravierend. Solche Krankheiten kommen häufig vor bei Tieren, die viele Sexualzyklen haben, ohne schwanger zu werden.

BeobachterNatur: Und wie steht es um die Qualität der Spermien?
Göritz: Die Beschaffung von befruchtungsfähigem Sperma war das zweite Prob­lem. Viele Zoos halten keine Elefantenbullen, und wenn doch, dann ist es fraglich, ob diese auch deckfähig sind.

BeobachterNatur: Aber wenn man einmal Sperma und ­Eizelle hat ...
Göritz: … dann muss man das noch an den richtigen Platz bringen. Da sind Strecken von eineinhalb bis zwei Metern zu überwinden.

BeobachterNatur: Ist die Arbeit am hinteren Ende grosser Tiere nicht gefährlich?
Göritz: Natürlich muss man vorsichtig sein und mit dem vertrauten Pfleger ­arbeiten. Es läuft aber meistens stressfrei ab, denn Zootiere sind verschiedenste Behandlungen gewohnt, und die Unter­suchungen sind nicht schmerzhaft.
Hildebrandt: Mir sprang mal bei einer Ultraschalluntersuchung eine Bandscheibe raus: Der Elefant ging nach hinten, drückte mich an die Wand und setzte sich hin. Er wusste ja nicht, was er damit anrichtete.

BeobachterNatur: Untersuchen Sie auch Tiere in freier Wildbahn?
Hildebrandt: Ja, häufig wollen Wildparks den Reproduktionsstatus ihrer Tiere kennen. In Südafrika sollten einmal 30 ­Elefantenbullen umgesiedelt werden, um die Population besser zu durchmischen. Mittels Ultraschall und Elektroejakulation konnten wir eindeutig ­sagen, welche Bullen fruchtbar waren und welche nicht.

BeobachterNatur: Greifen Sie in die Fortpflanzung wilder Tiere ein?
Göritz: Ja, zum Beispiel, wenn es zur Überpopulation kommt wie bei den ­Elefanten in Südafrika. Die Art ist zwar ­bedroht, aber lokal vermehren sich die Tiere so stark, dass sie zur Plage werden und die Vegetation zerstören.

BeobachterNatur: Es geht also um Geburtenkontrolle?
Göritz: Genau. Jahrelang hat man ganze Herden abgeschossen. Doch das ist sehr umstritten und schreckt die Touristen ab. Die andere Möglichkeit ist es, die Fortpflanzungsrate zu verringern.

BeobachterNatur: Wie macht man das?
Göritz: Wir haben festgestellt, dass man bei Elefanten mit sehr geringen Östrogenmengen den Eisprung unterdrücken kann. Das funktioniert wie die Pille. Inzwischen versuchen wir auch, grosse Zuchtbullen minimalinvasiv zu sterilisieren. Sie bilden dann keine befruchtungsfähigen Spermien mehr, behalten aber ihren Platz in der sozialen Struktur und halten fortpflanzungsfähige Bullen fern.

BeobachterNatur: Gibt es neben der Antibabypille noch andere Überschneidungen mit der menschlichen Reproduktionsmedizin?
Robert Hermes: Die Tiermedizin ist bis heute ein Vorreiter, ob bei der In-vitro-Fertilisation, beim Klonen oder bei der Geschlechtsbestimmung von Spermien. Die Humanmediziner schauen zu und ­adaptieren das später für den Menschen. Viele Methoden, etwa die embryonale Stammzellenforschung, sind aber in der Tiermedizin viel weniger umstritten.

BeobachterNatur: Auch das Klonen von Nutztieren wird kritisiert. Dennoch hoffen Sie, irgendwann Nashornembryonen aus Körperzellen erzeugen zu können.
Hildebrandt: Der Begriff des Klonens ist sehr negativ belegt. Dabei ist das eine äusserst vielversprechende Technik. Jeder Mensch und jedes Tier trägt in jeder einzelnen Körperzelle den gesamten Bauplan für die Entstehung des Organismus. Wenn Tierarten durch menschlichen Einfluss auszusterben drohen und nur wenige, oft nicht fortpflanzungsfähige Individuen ­übrig bleiben, kommt das Klonen ins Spiel. Wir ­versuchen, den Begriff neu zu defi­nieren und die Akzeptanz der Technik im Artenschutz zu fördern.

BeobachterNatur: Wie nennen Sie es denn?
Hildebrandt: Wir haben schon an «­resurgence», Wiederauferstehung, gedacht. Hier hilft uns ein Projekt, dessen Ziel es ist, ausgestorbene Mammuts zu klonen. Das ist völlig losgelöst vom Artenschutz, zieht viel Geld an und bringt Experten aus aller Welt zusammen. Es könnte das Instrumentarium liefern, das wir bei wirklich bedrohten Tierarten brauchen.

BeobachterNatur: Sollte man der Natur nicht einfach ihren Lauf lassen?
Hildebrandt: Hier geht es nicht darum, dass Konzepte der Evolution scheitern, weil sie schlecht wären. Sie scheitern wegen des aggressiven Verhaltens des Menschen. Klonen ist keine Methode, um auf lange Sicht die biologische Vielfalt zu erhalten, sondern eine, um sehr kleine Rest­populationen zu retten.

BeobachterNatur: Zu diesem Zweck frieren Sie Spermien und Eierstöcke verschiedener Arten ein.
Hermes: Ja, wir haben die europaweit grösste Sammlung tiefgefrorener Wildtierspermien. In unserer Kryobank sind rund 50 Arten enthalten, Grosskatzen, Bären, Nashörner, Elefanten. Das ist eine genetische Rückversicherung. Kapital, das man irgendwann als Ressource nutzen kann.

BeobachterNatur: Wie kommen Sie zu den Spermien für Ihre gefrorene Arche?
Hermes: Bei den meisten Wildtieren muss die Entnahme unter Vollnarkose stattfinden. Wir bekommen aber auch Hoden toter Tiere zugeschickt, deren Spermienzellen wir extrahieren und in unseren Tanks sichern. So können Tiere, die sich zu Lebzeiten nicht fortgepflanzt haben, nach ihrem Ableben noch Nachkommen zeugen. Das Gleiche machen wir mit den Eierstöcken weib­licher Tiere.

BeobachterNatur: Was bringt es denn, Keimzellen einzufrieren?
Hermes: Für viele Tierarten läuft aufgrund des Habitatverlusts die Zeit langsam aus. Für jede Art, deren Erbinformation bei uns im Tank landet, ist die Uhr vorerst angehalten. Das ist auch die grosse Aufgabe der Zoos unserer Zeit.

BeobachterNatur: Und kommen die Zoos dieser Verantwortung nach?
Hermes: Es gibt einen grossen Widerstand ­gegen die Reproduktionstechniken. Es gilt das Credo, dass wilde Tiere sich zu 100 Prozent natürlich fortpflanzen sollen. Aber das ist nicht wissenschaftlich! Zoos versuchen manchmal jahrelang keine ­Paarung, weil sie befürchten, dass die Tiere sich gegenseitig umbringen.

BeobachterNatur: Der Tod beim Liebesspiel?
Hermes: Möglich wäre das. Nashornsex zum Beispiel ist sehr heftig und verletzungsreich. Und die Paarung dauert über anderthalb Stunden.

BeobachterNatur: Und welche Rolle spielen Sie dabei?
Hermes: Wir vermindern das ­Risiko. Mit unseren Methoden können wir genau ­sagen, wann ein Tier fruchtbar ist. Dann paaren die sich und kriegen Babys.

BeobachterNatur: Sie propagieren einen neuen ­Umgang mit der Fortpflanzung von Zootieren?
Hildebrandt: Sogar in ausgewiesenen Zuchtzentren gibt es Probleme, von denen aber keiner hören will. Denn es bedeutet, dass die Haltung noch nicht optimal ist. Im Zoo in Zürich, einem Zuchtzentrum für Elefanten, hat über Jahre nur ein einziges Weibchen Junge gekriegt. Wenn man ­ge­legentlich eine künstliche Besamung ­einschiebt, um so einen Engpass zu überbrücken, sollte das kein Tabuthema sein.

BeobachterNatur: Warum gibt es in Zoos so viele Sexprobleme?
Hermes: Wegen sozialer Spannungen zum Beispiel. Bei Nashornbullen kann dadurch die Spermienqualität abnehmen.

BeobachterNatur: Macht die Zoohaltung das natürliche Paarungsverhalten zunichte?
Göritz: Das kann man nicht verallgemeinern. Aber bei einigen Tierarten verstehen wir das Sozialgefüge noch nicht ausreichend. Bei indischen Löwen etwa muss das Männchen eine gewisse Dominanz aufweisen für die recht aggressive Paarung, die beim Weibchen hormonell den Eisprung induziert. Vielen Männchen fehlt dazu das Selbstvertrauen. Wir haben zu wenig Machos bei den Löwen.

BeobachterNatur: Die Lust vergeht, weil man die falschen Tiere zur Paarung zwingt?
Hildebrandt: Es gibt in der Natur ­komplexe Verhaltensmuster, die Inzest vermeiden und so die Verbreitung von genetischen Krankheiten verhindern sollen. Darum leben manche Tiere wie Bruder und Schwester. Heute versucht man das durch intensiven Austausch von Tieren zu lösen. Der birgt aber das Risiko, dass schlummernde Krankheiten übertragen werden.

BeobachterNatur: Und die Lösung ist es, Spermien statt Tiere zu transportieren?
Hildebrandt: Ja. Gerade wenn man wilde und in menschlicher Obhut lebende Bestände verbinden will, sollte man keine Tiere versetzen. Der ostafrikanische Bongo etwa, eine wunderschöne Antilope, pflanzt sich in Menschenhand wesentlich besser fort als in freier Wildbahn. Tiere aus Zoos in das stark gefährdete natürliche Habitat zu bringen würde ein enormes Krankheitsrisiko bergen. Man könnte aber Embryonen transportieren und von Leihmüttern austragen lassen.

BeobachterNatur: Sie erzeugen mit Ihren Methoden Tiere, die keinen natürlichen Lebensraum mehr haben. Wo sollen die denn hin?
Hermes: Es ist natürlich sinnlos, Tiere zu erhalten, ohne ihren Lebensraum wiederherzustellen. Aber Habitatschutz ist nur die halbe Miete. Das Sabah-Nashorn auf Borneo zum Beispiel hat zwar genug ­Lebensraum, aber die Tiere sind so isoliert, dass sie niemals einen Sexualpartner ­finden. Wir müssen die Tiere sogar aus der Wildbahn rausnehmen und in ­einer Zuchtstation vermehren, bis ihre Zahl ­wieder gross genug und eine Auswilderung sinnvoll ist.

BeobachterNatur: Auswilderungen waren bisher nur selten erfolgreich.
Hermes: Es gibt keine andere Lösung. Wenn wir auf risikofreie Methoden setzen, sterben die Tiere aus.

Veröffentlicht am 2013 M02 11