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Bertrand PiccardPioniergeist

Pioniergeist
Bild: Jos Schmid

Der Spross der berühmten Schweizer Forscherdynastie träumte als Kind davon, Astronaut zu werden. Heute plant er, mit einem Solarflugzeug um die Erde zu fliegen.

von Tatjana Stocker

BeobachterNatur: Sie tragen heute ein T-Shirt mit der Nummer 1. Müssen Sie immer Erster sein?
Piccard: Hätte ich als Zweiter die Welt im Heissluftballon umrundet, würde mich niemand interviewen. Mein Ziel ist es aber nicht, andere zu schlagen. Ich will etwas erreichen, das noch niemand geschafft hat. Etwas, das unmöglich scheint. Das reizt mich, fördert meine Kreativität.

BeobachterNatur: Ist Ihnen das Leben sonst nicht ­spannend genug?
Piccard: Doch, es ist sogar enorm spannend. ­Langweilig sind nur die Gewissheiten, ­Gewohnheiten. Sie sind gefährlich, denn sie blockieren uns. Wir brauchen aber die Veränderung. Ohne Veränderung kein Fortschritt, keine Evolution.

BeobachterNatur: Wie schafft man es, im 21. Jahrhundert noch ein Pionier zu sein? Es ist doch ­alles schon entdeckt – Nord- und ­Südpol, der Everest, der Mond…
Piccard: Es geht nicht ums Abenteuer. Es geht um eine Geisteshaltung, und Pioniergeist ist heute wichtiger denn je. Wir müssen neue Lösungen für die enormen Aufgaben ­unserer Zeit finden – in der Wirtschaft, der Armutsbekämpfung, im Umweltschutz.

BeobachterNatur: Ihr Grossvater, Auguste Piccard, stieg im Ballon auf 16'000 Meter Höhe, Ihr Vater Jacques tauchte im Unterseeboot 11'000 Meter tief. Ist Pioniergeist erblich?
Piccard: Das ist keine Frage der Gene, sondern der Erziehung. Meine Eltern wollten, dass ich die Dinge von Grund auf verstehe. Sie ­stimulierten meine Neugierde und vermittelten mir, wie wichtig es ist, eine Sache aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Wer einen erweiterten Horizont hat, dem gelingt es eher, aus Denkmustern auszubrechen, neue Lösungen zu finden.

BeobachterNatur: Angeblich sind Sie als Kind nicht mal auf Bäume geklettert. Aus Höhenangst?
Piccard: Ja. Erst als ich mit 16 mit Deltafliegen ­anfing, konnte ich diese Angst erfolgreich therapieren. Ich realisierte, dass ich viel weiter gehen kann, als ich glaubte. Die meisten Grenzen existieren nur im Kopf. Diese Erkenntnis wirkte befreiend.

BeobachterNatur: Als Junge wollten Sie Astronaut werden. Sie waren elf, als die Amerikaner auf dem Mond landeten.
Piccard: Die Apollo-Mission war etwas vom ­Spannendsten überhaupt. Ich erlebte sechs Raketenstarts mit, darunter die Mond-Missionen Apollo 11 und 12. Ich lernte einige Astronauten persönlich ­kennen – Neil Armstrong, Buzz Aldrin, ­Michael Collins. Und ich wusste: Ein ­Leben wie die möchte ich auch führen. Nur hatte ich noch keine Ahnung, wie ich dies anstellen sollte. Der Mond war ja nun entdeckt. Aber heute habe ich genau das Leben, von dem ich damals träumte.

BeobachterNatur: Müssen Pioniere Draufgänger sein, weil sie höhere Risiken eingehen als andere?
Piccard: Es geht nicht darum, gefährliche Dinge zu tun. Das Ziel ist, weiter zu gehen, ­Grenzen auszuloten. Die Welt verändert sich ständig. Wir müssen versuchen, Schritt zu halten, jeden Tag dazuzulernen.

BeobachterNatur: Was tun Sie dafür?
Piccard: Ich spreche gezielt mit Leuten, die andere Meinungen vertreten als ich, einem ­anderen politischen Lager, einer anderen Religion angehören. Und ich fordere mein Team dazu auf, kritisch zu sein mir gegenüber. Sie müssen aber schon stichhaltige Argumente vorbringen, damit ich den Kurs ­ändere.

BeobachterNatur: Sie haben das Leben auch schon mit ­einer Ballonfahrt verglichen. Wo sehen Sie die Parallelen?
Piccard: Im Ballon wird man vom Wind gestossen. Unser Leben bestimmen Ereignisse, die wir ebenso wenig beeinflussen können. Um den Kurs zu ändern, müssen wir ­andere Winde finden, die Flughöhe ändern. Dafür müssen wir Ballast über Bord werden, Sicherheiten und ­Über­zeugungen.

BeobachterNatur: Die meisten Menschen neigen eher dazu, in ihren Positionen zu verharren.
Piccard: Veränderungen sind nicht angenehm, aber unausweichlich. Daher müssen wir lernen, sie zu nutzen. Wer Pioniergeist hat, will lernen. Die anderen werden ­früher oder später dazu gezwungen.

BeobachterNatur: Warum?
Piccard: Weil es irgendwann nicht mehr so weitergeht wie bisher. Ein Beispiel: Wir im Westen sind bequem geworden, haben den ­Pioniergeist vernachlässigt. Das wird uns teuer zu stehen kommen. Denn die Menschen in Asien sind in ­Aufbruchstimmung, die wollen ihr Leben verbessern, aufsteigen und Erfolg haben.

BeobachterNatur: Sie sind Psychiater. Was denken Sie, was macht einen Menschen glücklich und erfolgreich?
Piccard: Die Fähigkeit, mit dem Unbekannten zu spielen. Wer es bekämpft, statt es zu nutzen, wird oft traurig oder depressiv.

BeobachterNatur: Wenn Sie sich selbst analysieren müssten: Was treibt Bertrand Piccard an?
Piccard: Er mag den Status quo nicht. Und er hat nie das Gefühl, angekommen zu sein.

BeobachterNatur: Ein Getriebener?
Piccard: Im Sinne eines Suchens möglicherweise. Aber ich bin kein Adrenalin- oder Action-Junkie. Auch wenn man mir das nicht ­abnimmt. Ich kann stundenlang auf dem Sofa sitzen, nachdenken, schreiben. In den zehn Jahren, die ich schon für das Projekt Solar Impulse gearbeitet habe, bin ich vielleicht 100 Stunden lang geflogen – nicht sehr viel für einen Abenteurer, oder?

Überflieger

Bertrand Piccard, 54, fuhr 1999 zusammen mit Brian Jones als Erster im Ballon nonstop um die Welt. Sein nächstes Ziel ist die Weltumrundung im Solarflugzeug (www.solarimpulse.com) mit Kopilot André Borschberg (im Bild rechts). Piccard lebt mit Frau und drei Töchtern bei Lausanne.

Veröffentlicht am 2012 M09 03