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MobiltelefoneDas alte Handy ist das wahre Ökohandy

Mehrere Hersteller von Mobiltelefonen haben Modelle im Angebot, die sie als besonders umweltfreundlich bewerben. Doch nicht die Solarzelle oder das Gehäuse aus rezykliertem Kunststoff bestimmt deren ökologischen Fussabdruck, sondern die Nutzungsdauer.

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Wo «öko» draufsteht, stecken gute Verdienstmöglichkeiten drin. Kein Wunder, versuchen auch die Hersteller von Mobiltelefonen, auf den Ökozug aufzuspringen. Das erste «umweltfreundliche» Handy hat Nokia vor zwei Jahren mit dem Modell 3110 Evolve auf den Markt gebracht. Sein Gehäuse besteht zu mehr als der Hälfte aus biologisch abbaubaren Kunststoffen, wie sie auch der Hersteller Samsung für sein aktuelles Handy E200 Eco einsetzt. Die Ver­packung des Nokia-Modells ist aus Recyclingkarton, sein Netzgerät verbraucht nur so lange Strom, wie der Akku tatsächlich geladen wird.

Sony Ericsson verwendet für die Gehäuse seiner Handys aus der Green-Heart-Serie rezyklierten Kunststoff, ebenso Samsung für das Modell Blue Earth. Dieses Smartphone ist zudem mit einem Solar­panel ausgerüstet, das den Akku unterwegs mit Sonnenenergie aufladen soll. Ein solches Solarpanel bietet auch der Hersteller LG für sein Smartphone GD510 Pop an, als alternativen Akkudeckel zum Nachrüsten. «Mit dem LG Pop kann jeder einen Beitrag zur Verringerung seines ökologischen Fussabdrucks leisten», sagt Nils Seib, PR-Manager von LG Deutschland.

Weiter sollen auf verschiedenen Mobiltelefonen vorinstallierte «Öko-Programme» die Nutzer zu ­umweltfreundlichem Verhalten animieren. So zeigen LG- und Samsung-Handys auf ihren Displays an, wie viel CO2 sie im Vergleich zu einem herkömmlichen Mobiltelefon bereits eingespart ­haben. Das Modell Blue Earth zählt zudem die Schritte seines Nutzers und rechnet ihm vor, wie viel CO2 entstanden wäre, wenn er dieselbe Strecke mit dem Auto ­zurückgelegt hätte. «Das sensibilisiert den Nutzer zusätzlich für das Thema Nachhaltigkeit, und er kann sich seines Einflusses auf die Umwelt noch mehr bewusst werden», sagt Samsung-Sprecher Alexander Tschobokdji.

Solarpanel schadet der Umwelt

Diese Massnahmen machen ein Handy aber nicht zum Ökotelefon. Ihr tatsächlicher ökologischer Nutzen ist eher ernüchternd. «Ein Mobiltelefon als Ökohandy zu bezeichnen, weil das Gehäuse umweltfreundlicher ist, ist geradezu lächerlich», sagt Lorenz Hilty, Leiter des Bereichs ­Technologie und Gesellschaft bei der ­Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Denn: «Das Gehäuse hat von allen Bauteilen des Handys den kleinsten ökologischen Rucksack.»

Auch die Annahme, ein Solarpanel sei per se umweltfreundlich, ist im Zusammenhang mit Handys eine geradezu absurde Idee. Zwar verspricht LG, dass ein elfminütiges Sonnenbad für ein dreiminütiges Telefonat aus­reiche. Und an sonnigen Tagen komme das Telefon gar ganz ohne Strom aus der Steckdose aus, sagt Judith Mayr, Mediensprecherin von LG Electronics. Doch im Alltag ist das kaum umsetzbar: Abgesehen davon, dass die Sonne nicht unentwegt scheint, befinden sich Handys in der Regel meist in einer Tasche.

Unterm Strich belastet das Solarpanel die Umwelt sogar mehr, als es ihr nützt. «Ein solches Solarpanel müsste einige Jahre lang Strom liefern, um den Energieaufwand für seine Herstellung auszugleichen. Bei einem Handy dürfte diese Nutzungsdauer kaum erreicht werden», rechnet Lorenz Hilty vor.

Andere Stromsparmassnahmen wie moderne Ladegeräte, die nur dann Strom ziehen, wenn der Akku tatsächlich geladen wird, seien ebenso wie automatisch dimmende Displays zwar löblich und Vorbild für die Branche, aber absolut zweitrangig.

300 Tonnen Gold pro Jahr

Entscheidend für den ökologischen Fussabdruck, den ein Handy hinterlässt, ist seine Herstellung. Wie die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) in ihrer Publikation «Seltene Metalle – Rohstoffe für Zukunftstechnologien» mitteilt, stecken in einem Handy heute bis zu 40 chemische Elemente, darunter Silber, Gold, Palladium, Indium und Tantal. Die seltenen Metalle werden in Afrika oder China unter oftmals kritischen sozialen Bedingungen abgebaut und verhüttet.

Diese Prozesse hinterlassen schädliche Spuren in der Umwelt. Einige seltene Metalle sind in der Herstellung 1000- bis 10'000-mal umweltbelastender als beispielsweise Aluminium. Und die Nachfrage steigt immens. Zwar stecken in einem Mobiltelefon nur 24 Milligramm Gold. Multipliziert mit 1,3 Milliarden – so viele Handys werden pro Jahr weltweit verkauft –, ergibt das jedoch mehr als 300 Tonnen. Deren Gewinnung allein erzeugt vier Millionen Tonnen CO2.

Weiter braucht es riesige Energiemengen für die Produktion von Elektronikteilen wie Computerchips und Leiterplatinen. Je vielseitiger ein Handy dank Megapixel-Kamera, HD-Videoaufnahme, drahtlosem Internetzugang, GPS-Navigation und grossem Touchscreen ist, desto mehr Energie und seltene Metalle stecken im Gerät. Trotzdem schätzen Experten, dass von allen Materialien, die zur Herstellung eines Handys, vom Rohstoffabbau bis zur Auslieferung, bewegt werden, letztlich weniger als 0,1 Prozent als Bestandteil des Telefons den Nutzer erreichen.

So tut man Gutes für die Umwelt

Ein echtes Ökohandy müsste mit deutlich weniger seltenen Metallen auskommen, doch das kann heute kein Hersteller leisten. Alternativen in der Fertigung sind derzeit nicht in Sicht. Und das Recycling seltener Metalle aus ausgedienten Handys scheitert oft an der Wirtschaftlichkeit – und daran, dass die Geräte fast nie den Her­stellern zurückgegeben, sondern gehortet oder in den Hausmüll geworfen werden.

«Entscheidend ist, wie lange ich das Gerät nutze», so Lorenz Hilty. Wer meint, er müsse möglichst schnell auf ein Ökohandy umsteigen, um der Umwelt Gutes zu tun, irrt. Das Gegenteil ist der Fall: Wer sein Handy vier statt nur zwei Jahre lang nutzt, halbiert den öko­logischen Fussabdruck und macht es zum Ökohandy.

Für die Produzenten ist das natürlich nicht lukrativ. «Die Handyhersteller wollen möglichst viele neue Handys verkaufen, weswegen sie rasend schnell neue Modelle mit neuen Features vorstellen und so den Produktersatzzyklus immer weiter verkürzen», kritisiert Lorenz Hilty.

Auch die hiesigen Mobilnetzbetreiber fördern mit ihren Geschäftspraktiken den Telefonabsatz. Nach zwei Jahren Treue erhält der Kunde in der Regel ein subventioniertes Handy für wenige Franken. «Das ist aus Umweltsicht natürlich kontraproduktiv», sagt Hilty. Würden Handys nicht subventioniert, was ohnehin nur eine Art Ratenkauf durch eine erhöhte monatliche Grundgebühr bedeutet, kostete ein neues Handy schnell 400 Franken und mehr. «Dann überlegt man sich gut, ob nach zwei Jahren bereits ein neues Handy hermuss oder ob es das alte noch tut.»

Verkaufen oder verschenken

Doch da müssten auch die Nutzer mit­ziehen. Die Swisscom bietet Kunden, die bei einer Vertragsverlängerung kein neues Handy wünschen, Gratisanrufe oder Gratis-SMS an. «Wir stellen jedoch fest, dass die Nachfrage nach solchen ­Alternativen praktisch nicht vorhanden ist, da die meisten Kunden sehr Handy-affin sind und sich nach einer gewissen Zeit ein neues Handy wünschen, das die raschen technologischen Fortschritte berücksichtigt», sagt Swisscom-Sprecherin Myriam Ziesack.

Eine Alternative, allerdings eher eine für Idealisten als für Technikfreaks, ist der Kauf eines Occasionshandys. Auch der Verkauf des alten Handys ist sinnvoller als dessen Lagerung in der Schublade. Beides verlängert die Nutzungszeit des Geräts. Es gibt zudem Projekte mit dem Ziel, funktionierende gebrauchte Handys zu sammeln und sie in Entwicklungsländer zu exportieren, wie beispielsweise die von der Swisscom unterstützte Solidarcomm-Kampagne. In vielen Entwicklungsländern ist das Mobilfunknetz viel besser ausgebaut als das Festnetz. Dort haben Geräte, die hier niemand mehr will, ein zweites Leben.

Veröffentlicht am 2010 M09 03