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QuestiologieDie Kunst der richtigen Frage

Die Kunst der richtigen Frage
Bild: Getty Images

Der Sprachforscher Frédéric Falisse sagt, die Geisteswissenschaften hätten es versäumt, sich einem grundlegenden Problem zu stellen: der Frage nach den richtigen Fragen.

von Cécile Blaser

BeobachterNatur: Herr Falisse, Sie bezeichnen sich als ­Erfinder der Questiologie, der Kunst, die richtige Frage zur richtigen Zeit zu stellen. Wie lautet die richtige Einstiegsfrage zu diesem Interview?
Falisse: Das ist eine gute Frage. Ehrlich gesagt ist es in diesem Moment die beste Frage überhaupt.

BeobachterNatur: Warum?
Falisse: Die Frage verunmöglicht mir, reflexartig zu antworten. Sie zwingt mich, aktiv zu werden, mir Gedanken zu machen über die Situation, in der wir uns gerade befinden. Und sie fordert mich zum Handeln auf beziehungsweise dazu, eine Frage an mich selbst zu formulieren.

BeobachterNatur: Und? Welche Frage beschäftigt Sie?
Falisse: Die Frage, warum es noch keine Wissenschaft der ­Fragen gibt.

BeobachterNatur: Sie meinen eine wissenschaftliche ­Disziplin wie Chemie, Mathematik oder Medizin?
Falisse: Genau. Es ist erstaunlich, wie wenig wir über das Fragenstellen wissen. Der «­Bescherelle», sozusagen die Bibel der französischen Sprache, umfasst rund 700 Seiten. 700 Seiten voller sprachlicher Regeln und Ausnahmen. Gerade mal drei Seiten davon widmen sich den Fragen.

BeobachterNatur: Warum hätten die Fragen mehr ­Aufmerksamkeit verdient?
Falisse: Weil gute Fragen zu Kreativität führen oder erstarrte Situationen lösen können.

BeobachterNatur: Nennen Sie mir ein Beispiel.
Falisse: Kürzlich klagten mir Eltern, ihre Teenagertochter sei nach fünf Wochen an einer neuen Schule bereits mit fünf verschiedenen Jungs ausgegangen. Die Eltern waren um den Ruf ihrer Tochter besorgt. Wenn sie mit dem Mädchen darüber sprechen wollten, reagierte es nur genervt.

BeobachterNatur: Wie kann die Questiologie da helfen?
Falisse: Indem ich die richtigen Fragen stellte, fand ich heraus, dass die Tochter mit ihrem Verhalten den Respekt ihrer Mitschüler gewinnen wollte. Sie sagte, ihre grösste Angst bestehe darin, in der Schule über­sehen zu werden. Dank meinen Fragen erkannte sie aber, dass ihr Vorgehen nicht die beste Taktik war, um sich Respekt zu verschaffen.

BeobachterNatur: Hilft die Questiologie auch in anderen Situationen?
Falisse: Sie hilft überall, wo der Dialog blockiert ist.

BeobachterNatur: Wie formuliert man eine gute Frage?
Falisse: Die Questiologie ist eine Methode, die richtige Frage im richtigen Moment zu kreieren, statt einfach eine Frage aus einem Katalog möglicher Fragen auszuwählen. Durch meine Sprachforschung habe ich herausgefunden, dass jede Frage nach ­einem bestimmten Muster funktioniert. Um die richtige Frage zu finden, muss man sich dieser Muster bewusst sein und lernen, mit der Formel dahinter zu spielen.

BeobachterNatur: Und wie lautet die Formel für die perfekte Frage?
Falisse: Perspektive mal mentale Geste mal Objekt ergibt unendliche Möglichkeiten.

BeobachterNatur: Das müssen Sie erklären.
Falisse: Beginnen wir mit den unterschiedlichen Perspektiven. Es gibt vier Perspektiven, aus denen eine Frage gestellt werden kann: Akteur, Beobachter, Introspektive und ­Metaebene.

BeobachterNatur: Formulieren Sie bitte ein Beispiel für ­eine Akteurfrage.
Falisse: Voilà, Sie haben mir gerade eine Akteur­frage gestellt. In Akteurfragen kommen aktive Verben vor: Was tust du? Wo kann ich dieses Buch kaufen? Wie machst du das? Das sind typische Akteur­fragen. Sie provozieren Akteurantworten wie etwa: Ich lerne gerade. Oder: Du kannst das Buch im Laden um die Ecke kaufen.

BeobachterNatur: Wie lautet eine typische Beobachter­frage?
Falisse: In der Beobachterperspektive nehmen Sie Abstand und betrachten die Szene. Die einfachste Frage in dieser Kategorie ist: Was passiert? Zum Beispiel: Was passiert, wenn dich dein Chef kritisiert? Durch eine solche Frage wird der Befragte dazu gezwungen, die Situation zu beobachten.

BeobachterNatur: Dann gibt es die Kategorie introspektiv.
Falisse: Dabei zielt die Frage auf das Empfinden in einer Situation ab. Anknüpfend ans vor­herige Beispiel, könnte man fragen: Wie fühlst du dich, wenn dein Chef dich kritisiert? Man verlagert die Perspektive von aussen nach innen und erlangt so andere Antworten als mit einer Frage aus der Perspektive des Beobachters.

BeobachterNatur: Und wie sieht die Metaperspektive aus?
Falisse: Die Metafragen sind wertvoll, weil sie meist lösungsorientiert sind. Mit ihnen ­distanziert man sich noch weiter von der Situation und hinterfragt das Verhalten. Sie ­lassen sich einfach erstellen, indem man etwa das Verb verdoppelt. Im Beispiel von oben könnte man fragen: Was kritisiert dein Chef, wenn er dich kritisiert? Oder: Wieso kritisiert dich dein Chef, wenn er dich kritisiert?

BeobachterNatur: Funktioniert das mit jedem Verb? Zum Beispiel mit «rennen»?
Falisse: Man könnte fragen: Wem oder welcher ­Sache rennst du nach, wenn du so rennst? Zugegebenermassen eine etwas ungewohnte Frage. Aber Fragen sind wie Muskeln. Einige funktionieren, ohne dass man es merkt, und andere benötigt man nur selten. Um diese Fragen stellen zu können, braucht es Übung, Konzentration, eine höhere Hirnaktivität. «Was tust du?» ist eine Frage, die so automatisch beantwortet wird, wie man morgens das Müesli aus dem Schrank holt. Die Frage «Wem oder welcher Sache rennst du nach, wenn du so rennst?» wäre quasi ein Salto vom Fünfmeterbrett.

BeobachterNatur: Gibt es noch einen anderen Weg, eine Metafrage zu kreieren, statt nur das Verb zu verdoppeln?
Falisse: Eine Variante ist die, möglichst viele Wörter wie «du», «dich» oder «dein» in eine Frage einzubauen. Zum Beispiel: Was lehrt dich deine Reaktion in deinem Jahresgespräch über deine Verhaltensmuster im Umgang mit deinem Chef? Da kommt man ins Grübeln und sucht in ­Teilen des Hirns nach Antworten, die sonst kaum ­angegangen werden.

BeobachterNatur: Sie haben die vier Perspektiven einer Fragestellung erklärt. Wie funktionieren die «mentalen Gesten»?
Falisse: Die häufigste mentale Geste ist das Beschreiben. Man fragt: Was passiert? Was hast du gemacht? Der Befragte beschreibt dann, was er gemacht hat. Man kann aber auch die mentale Geste der Projektion wählen.

BeobachterNatur: Erklären Sie das bitte.
Falisse: Ich höre oft Leute sagen: «Ich schaffe das einfach nicht.» Ich frage dann: «Wenn du es schaffen würdest, wie würdest du es machen?» Plötzlich erklärt mir der ­Befragte den exakten Weg zur Lösung, den er vorher partout nicht sehen wollte. Er sagt also nicht, was ist – wie beim Beschreiben –, sondern was sein könnte oder sein müsste.

BeobachterNatur: Was gibt es noch für mentale Gesten?
Falisse: Etwa die Dialektik. Dabei geht es darum, wie nahe ich an eine Sache herangehe oder wie weit ich mich davon entferne, wie ich sie vergrössere oder verkleinere, wie ich Unterschiede und Widersprüche suche.

BeobachterNatur: Können Sie konkreter werden?
Falisse: Milton Erickson, ein bekannter Psycho­therapeut, hat oft die Frage gestellt: «Welchen Nutzen findest du darin, wenn dir etwas missglückt?»

BeobachterNatur: Und diese verschiedenen mentalen ­Gesten kann man dann mit den vier ­Perspektiven kombinieren?
Falisse: Genau. Eine Akteurfrage wäre: Welchen Nutzen findest du darin, dass du es nie schaffen wirst? Die Beobachterfrage: ­Welchen Nutzen hat es für dich, dass diese gewünschte Situation nie Wahrheit wird? Die Introspektivfrage: Welchen Nutzen findest du darin, dich so schlecht zu fühlen, dass du es nie schaffen wirst? Und die Metafrage: Welchen Nutzen findest du darin, dich darüber zu beklagen, dass du nie das zu erreichst, was du erreichen willst?

BeobachterNatur: Nun gibt es in Ihrer Formel noch das Objekt.
Falisse: Das Objekt ist die Situation, um die es in der Frage geht. Aber es ist nicht so, dass eine Frage immer mit der Situation zu tun haben muss. Ich kann ihnen enorm viele Fragen stellen, die den Dialog weiter­bringen, die aber nicht direkt mit dem ­Objekt zu tun haben.

BeobachterNatur: Sie meinen, man muss nicht zwingend fragen: Was zeigt uns dieses ­Interview? Oder: Wie funktioniert ­dieses Mitarbeitergespräch?
Falisse: Genau. Nur indem ich das Wort «das» ­gegen das Wort des Objekts austausche, komme ich bereits zu neuen Antworten. Ich frage also nicht: Was zeigt uns dieses Mitarbeitergespräch? Sondern einfach nur: Was zeigt uns das? Wie funktioniert das? Das führt wiederum zu neuen, oft übergeordneten Antworten.

BeobachterNatur: In welchen Lebensbereichen sollten wir uns mehr Fragen stellen?
Falisse: Wir sollten uns Gedanken über die Mo­bilität machen. Wir bewegen uns fort wie vor 80 Jahren, ein bisschen schneller vielleicht, aber noch immer mit Zügen, Autos, Flugzeugen. Die Menschheit hat sich in ­ihrer ­Entwicklung verlangsamt. Und ich bin mir sicher, dass es daher rührt, dass sie sich nicht mehr die guten, rich­tigen Fragen stellt.

BeobachterNatur: Meinen Sie, dass wir nicht voran­kommen, weil wir uns nicht die ­richtigen Fragen stellen oder weil wir die Antworten darauf nicht wissen?
Falisse: Jetzt haben Sie mir gerade eine Metafrage gestellt, indem Sie eine Opposition gemacht haben. Aber hier meine Antwort: Es gibt eine Weisheit, die besagt, dass die Antwort der Weg sei, den man bereits hinter sich gebracht habe. Die Frage ist dagegen der Weg, den man noch vor sich hat.

BeobachterNatur: Und Sie meinen, das sei falsch?
Falisse: Nein, ich glaube einfach, dass wir oft das Falsche hinterfragen. So kommen wir nicht weiter. Wir suchen am falschen Ort nach Antworten. So haben wir zum Beispiel viele Antworten auf die Frage, wie man Aktien optimieren oder wie man jemanden, der Geld hat, noch reicher machen könne. Einfach weil wir uns nicht die richtigen Fragen gestellt haben.

BeobachterNatur: Was wäre denn Ihrer Ansicht nach eine gute Frage?
Falisse: Zum Beispiel: Wie kann man die globale Finanzwirtschaft in den Service einer humanitären Entwicklung stellen respektive wie kann man die humanitäre Inno­vation finanzieren? Das ist für mich eine essen­tielle Frage. Oder: Was braucht der Mensch, um wieder kreativ zu werden?

BeobachterNatur: Warum ist es wichtig, die Kreativität zu fördern?
Falisse: Weil sie die Überlebenskraft des Menschen ist. Die Überlebensfähigkeit der Menschheit wird meiner Ansicht nach davon ­abhängen, ob wir es hinbekommen, eine neue Welt zu schaffen. Doch wie bereits Einstein sagte: Probleme kann man ­niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

Frédéric Falisse, 43, wurde in Belgien geboren, heute lebt er in der Nähe von Paris. Ursprünglich Chemiker und Naturwissenschaftsdozent mit Schwerpunkt Mathematik, hat er sich in Los Angeles zum NLP-Therapeuten (Neurolinguistisches Programmieren) ausbilden lassen und später zum Coach mit Kenntnissen in System­psychologie, PRH (Personnalité et Relations Humaines) und Marketing weitergebildet. Heute arbeitet er als Berater und Ausbilder von Managern bei internationalen IT-­Firmen. Regelmässig gibt er Sprechstunden für Jugendliche. Daneben betreibt er die linguistische Forschung der Questiologie.

Veröffentlicht am 2013 M05 07