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RaumfahrtMars einfach

Vier Schweizer wollen auf den Mars. Es wäre eine Reise ohne Rückkehr. 2023 soll die Rakete abheben.

Sie hoffen auf eine Karriere als Astronauten: Steve Schild, Nikolaus Wyss, Christian Meyer und Philipp Studer (von links). Ohne Bedenken: «Das Leben ist endlich - überall», sagt Meyer.
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Sie bemerken sie sofort: die Kabel. So ganz ohne Spezialumhüllung, wie sie am Marsmobil hängen, würden sie den extremen Bedingungen auf dem fernen Planeten kaum standhalten. Die vier Männer studieren das Gefährt genau. Vielleicht werden sie eine Nachfolgeversion davon auf dem Mars wiedersehen.

Christian Meyer, Steve Schild, Philipp Studer und Nikolaus Wyss. Die vier wollen den Mars besiedeln. Sie sind nicht die Einzigen. Zehntausende bekundeten ihr Interesse, über 2500 stellten ihr Bewerbungs­video ins Netz. 2023 soll es so weit sein. Dann will die Organisation mit Namen Mars One, in Holland von Privaten gegründet, die ersten vier Personen auf die sieben- bis achtmonatige Reise schicken.

Die Auswahl der Marsbewohner geschieht über ein mehrstufiges Verfahren. Die Astronautenausbildung ist Teil des Projekts, inklusive psychologisches Training, um den Flug in der engen Raumkapsel gut zu überstehen, medizinisches Wissen, um Zahnschmerzen und Wunden behandeln zu können, und Kenntnisse in Botanik, Geologie und Technik, um auf dem Planeten zu überleben.

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Für den Rest des Lebens isoliert

Finanzieren wollen die Initianten das Projekt mit rund sechs Milliarden Dollar aus Sponsorengeldern und dem Verkauf von Sendelizenzen. Über Fernsehen und Internet sollen Zuschauer alles mitverfolgen können – vom Auswahlprozess bis zum Leben auf dem Mars. Einer der Erfinder der Reality-Show «Big Brother» steht Pate.

Noch sind die Kameras fern, die vier Schweizer Bewerber unter sich. Sie treffen erstmals aufeinander. An einem Ort, der seit Jahren eng mit dem Mars verbunden ist. Bei Maxon Motor, im Obwaldner Dorf Sachseln. Die Firma produzierte Dutzende von Präzisionsmotoren für die Marsmobile der US-Raumfahrtbehörde Nasa. In der Kantine thront der ungefähre Nachbau ­eines der Rover. Ein präzises Duplikat ­habe die Nasa nicht gewollt, erfahren die vier Mars-Bewerber. Das erklärt die wenig geschützten Kabel. Was kann das nächste Marsmobil? Forschen bald Menschen auf dem Mars? Existiert die Technik für den Flug? All das wollen die vier Robin Phillips fragen, den Aerospace-Projektmanager von Maxon. Sie werden auf Skepsis stossen – und begeistert sein.

In Gedanken sehen sich die Kandidaten schon ihre 50-Quadratmeter-Kombüsen beziehen und Gewächshäuser bewirtschaften. Ganz im Stil unzähliger Science-Fiction-Abenteuer. Vor der Eroberung gilt es allerdings einige Probleme zu lösen: Temperaturschwankungen zwischen minus 130 Grad und knapp über null. Viel zu wenig Sauerstoff. Hohe Strahlung. Unmengen winzigster Staubpartikel. Sonnen- und Sandstürme. Ein unwirt­licher Ort für die Spezies Mensch.

Sie wollen trotzdem hin. Obwohl ihre Reise auf dem Roten Planeten enden würde. Ein Rückflug werde technisch kaum möglich sein und immer die höheren Risiken bergen als das Bleiben, argumentieren die Initianten. Ausserdem sei es effizienter und günstiger, Menschen für längere Zeit auf dem Mars zu stationieren als nur vorübergehend.

Philipp Studer stellt sich vor das Poster hinter dem Marsmobil und sieht nach oben links – auf die Erde. Studer ist 18 Jahre alt und arbeitet in ­einer Pharmafirma, stellt in Präzisions­arbeit Medikamente her. Er mag Hardcore-Musik, Kampfsport und sein Single-Leben. Er sagt: «Niemand aus meinem Umfeld versteht, dass ich auf den Mars will.» Freunde und Arbeitskollegen machten Witze, seine Eltern seien der Ansicht, er verschwende sein Leben. Aber, sagt der ruhige junge Mann aus Egerkingen SO, der eine Nachtschicht hinter sich, wenig geschlafen und viel Kaffee und Energy­drinks getrunken hat: «Ich habe mir das sehr genau überlegt. Ich wollte immer As­tro­naut werden.» Hinter ihm leuchtet die Erde im Licht der Scheinwerfer.

Auch sein Westschweizer Mitstreiter Christian Meyer aus Nyon gab als Kind «Astronaut» als Traumberuf an. «Die Kolonialisierung des Planeten ist der logische nächste Schritt in der Entwicklung der Menschheit», sagt der 35-jährige Informatiker, der in seiner Freizeit Bogen schiesst und am liebsten Zehenschuhe trägt.

Keine Spaziergänge, kein Fussball

Einer künftigen Freundin würde er sofort von seinen Plänen erzählen. Und wenn kurz vor Abflug Nachwuchs ansteht? Die Antwort kommt prompt: «Es wird Möglichkeiten geben, miteinander zu kommunizieren – mit Videonachrichten per Skype beispielsweise. Ich will das unbedingt machen.» Dass er auf dem Mars sterben könnte, beunruhigt Meyer wenig. «Das Leben ist endlich – überall. Vielleicht wird man auf dem Mars wegen der geringeren Schwerkraft älter als auf der Erde.»

Der dritte Anwärter für die Marsmis­sion, der Thurgauer Steve Schild, ist glücklich verlobt. Für den Mars würde er seine Liebste allerdings verlassen. «Ich mag mein Leben hier wirklich, aber ich will der Menschheit zeigen, dass wir alles schaffen können, wenn wir wollen.»

Der 28-Jährige, der Überwachungs­kameras verkauft, sucht das Aussergewöhnliche, hat mit Distanzrutschen (stundenlangem Rutschen auf einer Schwimmbadrutsche) Weltrekorde aufgestellt und will den Ärmelkanal in einem Laufrad überqueren. Er vergleicht die Marsreise mit Auswandern. «Jeder Tag wird vollgepackt sein mit Herausforderungen. Genau das suche ich. Ich will Dinge tun, die niemand vor mir getan hat.» Natürlich habe er auch Angst – «die macht vorsichtig, was auf dem Mars überlebenswichtig ist».

Damit die Marsmobile auf dem unwirtlichen Planeten überleben, waren viele Spezialanfertigungen nötig. In der Werkhalle von Maxon Motor schauen sich die vier Astronauten-Aspiranten das Innen­leben der teils nur wenige Zentimeter gros­sen Motoren an, die unter anderem auch in medizinischen Geräten und in Flugzeugen stecken.

Die Arbeitsplätze sind hell beleuchtet, überall stehen Mikroskope, unter denen feine Hände mit Pinzetten hauchdünne Drähte anbringen und richten. Während die Gruppe hier und dort Maxon-Angestellten über die Schulter blickt, erzählt Steve Schild, der Fachmann für Überwachungsanlangen, von seinen Skype-Gesprächen mit dem medizinischen Verantwortlichen von Mars One. Der hat lange bei der Nasa gearbeitet. «Die Kandidaten müssen als Teil des Auswahlprozederes in Teams in Isolationskammern zusammenleben. Denn die Reise auf engem Raum dauert sieben bis acht Monate. Das muss man psychisch verkraften.»

Nikolaus Wyss, mit 64 Jahren der älteste der vier Bewerber, beugt sich über einen Schaukasten, staunt über das feinmaschige Drahtkorsett im Innern der Präzisions­motoren. Dann schweift sein Blick durch die Fenster auf den Sarnersee. Er schüttelt den Kopf. «Wenn ich an einem schönen Tag draussen sitze, ist der Mars als Wohnort wenig attraktiv. Auf der Erde können wir selbst im Urwald ohne Technik über­leben. Auf dem Mars geht nichts ohne Spezialanzug und Hightechgeräte. Keine Spaziergänge, kein Fussballspielen, und vom Ruhm hat man auch nichts.»

Auf Polarexpeditionen war es nicht besser

Der Westschweizer Christian Meyer sieht darin keinen Grund, auf den Trip zu verzichten: «Schon vor Jahrhunderten verbrachten Menschen auf Entdeckungs­reisen Monate und Jahre zusammengepfercht auf Schiffen und konnten sich bei Polar­expeditionen nicht uneingeschränkt draussen bewegen.» Er werde die Freiheiten vermissen, «aber dafür ist man der Erste, der einen Berg erforscht, der eine Entdeckung macht». 

Frührentner Nikolaus Wyss schätzt, dass er 2023 mit 74 Jahren nicht mehr fit genug sein wird für die Mission. «Ich werde in der ersten Runde rausfallen», prophezeit der ehemalige Leiter der Schule für Design und Kunst in Luzern. Unglücklich wäre er nicht: Für ihn sei Mars One eine willkommene Alternative zur Beschäftigung mit dem Altersheim und habe einen Aktivitätsschub ausgelöst, der sich beispielsweise in einem Mars-Blog zeigt.

Der 64-Jährige sieht in einer älteren Besatzung für die Marsmission durchaus auch Vorteile. Er fixiert den 18-jährigen Philipp Studer durch seine rot umrandete Brille: «Stell dir vor, es kommen keine Frauen mit – oder nur solche, die dir nicht gefallen. Du könntest die Reise bereuen.» Studer überlegt, zuckt die Schultern. «Wenn ich in zehn Jahren eine Freundin habe, fliege ich vielleicht nicht. Das muss ich nicht jetzt entscheiden.»

Ohnehin ist offen, wie die Chancen des Projekts stehen. Die Voten gingen von «Harakiri» bis «utopisch». Anderseits konnten die Initianten Experten für ihre Idee gewinnen. Und schliesslich haben auch die Nasa und ihr europäisches Pendant, die ESA, den Mars auf dem Radar. Der Zeithorizont für eine bemannte Marsmission ist allerdings deutlich später angesetzt: für die 2030er Jahre.

Die Gruppe trifft nun Robin Phillips. Der Aerospace-Projektleiter von Maxon Motor beschäftigt sich seit Jahren beruflich mit dem Weltall und Planeten – privat begeistern ihn die Themen seit seiner Kindheit. Vor seinem Job bei Maxon war der studierte Astronom mit von der Partie, als Experten entschieden, ob Pluto noch als Planet gelten soll. Bei Maxon zitterte er mit, als die «Curiosity» ihre Mis­sion auf dem Mars aufnahm.

Robin Phillips
Quelle: Getty Images

Für wertvolle Metalle zu den Asteroiden

Seine Arbeit führt ihn zur Nasa ebenso wie zur ESA. Auch die Fabrikhallen von Elon Musk hat er gesehen, des milliardenschweren US-Unternehmers, der mit seinen Elektrosportwagen Tesla Autofans ebenso in Begeisterungsstürme versetzt wie die Börse. Seit zehn Jahren investiert der gefeierte Geschäftsmann Musk ins Weltraumgeschäft. Die Spezialisten seiner Firma Spacex tüfteln an einem Raumschiff, das nicht nur ins Weltall starten, sondern auch wieder auf der Erde landen kann. Es soll irgendwann Astronauten transportieren. Die Mars-One-Gründer listen Musks Firma als Wunschpartner für ihre Mission auf.

«Technisch wird es möglich sein, dass Menschen auf den Mars fliegen», erklärt Phillips den vier Mars-Aspiranten, während er ihnen Bilder von Marsmobilen zeigt. «Aber es braucht einen guten Grund, die Kosten sind enorm hoch.» Kommerzielles Interesse wäre einer. «Irgendwann werden Firmen die wertvollen Metalle auf Asteroiden abbauen wollen. Da wäre der Mars ein gutes Basislager.»

Phillips bestätigt, was die vier denken: «Menschen werden auch künftig bereit sein, für Fortschritt Gefahren einzu­gehen.» Allerdings sieht er ein Problem: ­Sicherheit werde heute wesentlich höher gewichtet als etwa beim Apollo-Programm der USA in den sechziger Jahren.

Was heisst das für das Projekt Mars One? Vier Augenpaare ruhen gespannt auf Robin Phillips. «Der Mensch überschätzt meist, was kurzfristig erreichbar ist, und unterschätzt, was langfristig umsetzbar ist. Bereits 2023 mit nur sechs Milliarden Dollar auf den Mars zu fliegen, halte ich für unrealistisch.» Ruhe. Phillips schaut in die Runde und ergänzt: «Aber ich würde gerne falsch liegen.»

«Technisch ist es möglich, das ist relevant», freut sich Christian Meyer. Phillips’ Einwände scheinen in den Weiten des Raums verklungen. Auch für den 18-jährigen Philipp Studer: «Es ist möglich! Ob 2023 oder später, ist egal.» Steve Schild, der Profi für Überwachungskameras, pflichtet ihm bei. Er will von Phillips wissen, ob er ebenfalls auf den Mars fliegen würde. Der zögert keine Sekunde: «Ja», sagt er. «Aber nicht ohne meine Familie.»

Das Marsvirus greift inzwischen weiter um sich: Kurz vor Anmeldeschluss schalteten vier weitere Schweizer ihre Bewerbungsvideos auf.

Information

«Es wird schwierig, aber es ist nicht unmöglich»

Beobachter: Eine private Organisation will den Mars bevölkern und sucht weltweit Kandidaten. Zehntausende bewerben sich. Erstaunt Sie das?
Claude Nicollier: Überhaupt nicht. Wer sich bewirbt, kann sagen, er sei Kandidat für eine Marsmission! Die Bewerber kommen ihrem Traum, ins All zu reisen, einen Schritt näher. Sie wollen raus, den Weltraum erkunden, die Erde von aussen sehen. Ich kann diese Faszination gut nachvollziehen. Ich hatte sie immer.

Beobachter: Bisher waren Weltallmissionen Sache staatlicher Weltraumorganisationen. Es konnte sich nicht jeder bewerben.

Claude Nicollier: Die Bedeutung von privaten Initiativen nimmt jedoch zu. Die Nasa hat diese Entwicklung mit angestossen. Beispielsweise die Firma Spacex, die bereits Material zur Interna­tionalen Raumstation (ISS) bringt. Ein weiteres privates Projekt ist jenes des US-Unternehmers und früheren Raum­fahrt­inge­nieurs Dennis Tito. Er war 2001 der erste Tourist im Weltall. Und er will 2018 zwei Freiwillige auf eine Marsumrundung schicken. Ich denke, er kann es schaffen.

Beobachter: Welche Chance geben Sie der Mars-One-Mission?
Claude Nicollier: Wenn man Menschen auf den Mars schickt, darf es auf keinen Fall eine Suizidmission sein. Natürlich ist es plan­­mäs­sig eine Reise ohne Rückkehr, und die Pio­niere werden ihr Grab auf dem Mars finden. Aber man sollte gewährleisten können, dass die Lebenserwartung etwa gleich hoch ist wie auf der Erde. Es muss sichergestellt sein, dass die Astronauten Nahrung haben, medizinisch versorgt und vor Strahlung geschützt sind. Diese vielen Herausforderungen in den nächsten zehn Jahren zu lösen wird sehr schwierig. Aber um positiv zu bleiben: Es ist nicht unmöglich!

Beobachter: Würden Sie ein Angebot von Mars One annehmen?
Claude Nicollier: Auch wenn ich meine Familie sehr vermissen würde: Ich wäre bereit, ohne Rückkehr auf den Mars zu fliegen – eben unter der Bedingung, dass es keine Selbstmordaktion ist. Beim Mars-One-Projekt hätte ich allerdings Mühe damit, mich fortwährend filmen zu lassen. Ich habe mehrere schwierige Missionen ins Weltall unternommen, für die wir hart, unter Druck – aber in grosser Ruhe – trainierten. Wenn man der Öffentlichkeit ausgesetzt ist, macht das die Sache schwieriger, glaube ich. Die Kandidaten stehen über Jahre im Rampenlicht. Das muss man sich gut überlegen.

Beobachter: Wird man genügend geeignete Leute finden?
Claude Nicollier: Bei den staatlichen Weltraumorganisationen kann sich nur als Astronautenkandidat bewerben, wer studiert und danach mehrere Jahre als Wissenschaftler, Ingenieur oder Pilot gearbeitet hat, bei guter Gesundheit und geübt in Gefahrenmanagement ist: etwa vom Fallschirmspringen her, vom Klettern oder Tiefseetauchen. Unter den Mars-One-Aspiranten werden einige sein, die solche Qualifikationen erfüllen. Gut möglich, dass sich der eine oder andere bewirbt, der es bei einer der staatlichen Weltraum­organisationen nicht schaffte, aber gut ist. Ich kenne viele, die heute hervorragende Astronauten sind, sich bei der Nasa aber mehrmals bewerben mussten. Für alle, die es bei Mars One nicht schaffen, gilt: Sie haben den ersten Schritt gemacht – und das ist cool! Ich wünsche den Schweizer Bewerbern viel Glück.

Veröffentlicht am 16. Oktober 2013