«Nach dem Ausgang bin ich meistens blau», sagt Elvira. Die 16jährige lässt sich manchmal vollaufen, ganz bewusst: «Wenn ich trinke, bin ich ein anderer Mensch, selbstbewusster, lockerer, lustiger.» Sie weiss, dass das der Gesundheit schadet. Öfter denkt sie: «Jetzt muss ich aufhören. Aber dann sehe ich die Flaschen vor mir und kann nicht anders.»

Ob Technoparty, Theaterpause, ein gediegenes Essen - kaum ein «besonderer» Anlass, an dem heute nicht getrunken wird. Zwar geht der Pro-Kopf-Verbrauch von alkoholischen Getränken in der Schweiz seit 1985 sukzessive zurück. Doch der Gesamtkonsum steigt stetig an. Das bedeutet: Immer weniger trinken immer mehr. Und diese Vieltrinker finden sich zunehmend in einer Bevölkerungsgruppe: bei den Jugendlichen.

Treffpunkt Party, Disco oder bei jemandem zu Hause. Es wird gebechert, was die Kollegen und Kolleginnen gerade dabeihaben. Elvira trinkt Bier, Wodka, Tequila. Meistens zirkuliert dazu noch ein Joint. Normaler Schüleralltag. Die junge Frau besucht die Sekundarschule. Sie wohnt mit ihren Geschwistern bei den Eltern und zählt sich zur Hip-Hop-Szene. Ab und zu gibt es zwar zu Hause Zoff - Elvira ist auch schon für ein paar Tage abgehauen -, doch man findet sich immer wieder. Ein Teenager aus ganz gewöhnlichen Verhältnissen.

Das erste Mal trank Elvira vor anderthalb Jahren an einer privaten Party Alkohol: «Da gab es megaviel Bier.» Hinterher war sie stockbesoffen, doch dem Bier blieb sie treu: «Es fährt am besten ein.» Harte Sachen braucht sie nicht, obwohl sie nicht nein sage, wenn die Flasche herumgeht. Vor kurzem tranken sie zu viert eine Flasche Wodka mit Orangensaft. Danach - Elvira muss kichern - habe sie es «nicht mehr gecheckt».

12000 Schulkinder nehmen täglich alkoholische Getränke zu sich. Acht Prozent der 11- bis 16jährigen trinken mindestens einmal wöchentlich Bier; 20 Prozent dieser Altersgruppe haben Erfahrungen mit richtigen Räuschen. Vor allem die Mädchen scheinen auf den Geschmack gekommen zu sein: Seit 1978 hat sich die Zahl der jungen Frauen, die täglich trinken, verdreifacht.

Die Bierbrauer sehen es gelassen. Sie haben die «Teenager-Trinker» bereits fest und erfolgreich in ihre Marketingkonzepte integriert: Beim Empfang des Snowboard-Olympiasiegers Gian Simmen in Chur etwa wurde gratis Bier verteilt. Unter den Jugendlichen wechselten unzählige Flaschen begeistert die Hand. Besonders beliebt war «Which», ein leichteres Getränk mit «nur» 4,2 Prozent Alkohol. Das von Calanda Haldenbräu spendierte Getränk gehört zur Sorte der «Alcopops» und ist für Jugendliche so verführerisch wie Pulverschnee für Snöber.

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Das Trendprodukt ohne verwirrenden Nachgeschmack hat die Szene 1997 im Sturm erobert. Es ist sprudelnd, leicht und süss, wie das Leben sein soll. Szenespruch: Man merkt gar nicht, dass man Alkohol trinkt - von den Eltern ganz zu schweigen.

Marktführend war bis vor kurzem «Hooch» (sprich: Huutsch), ein englisches Produkt. Es war für die Schweiz der Alcopop der ersten Stunde. Bis vor kurzem gingen 3,5 Millionen Flaschen davon monatlich über Ladentisch und Tresen. Mit Zitrone, Wasser und Zucker gegoren, schmeckt es wie Pepita, auch wenn es 4,7 Prozent Alkohol enthält. Direkte Werbung konnte man sich sparen. Bevor das Produkt auf den Markt geworfen wurde, hatten Trendforscher längst bewiesen: Ein freches Outfit, schrille Farben und vor allem die richtige Verkaufsumgebung garantieren den Erfolg. Die Schweizer Detaillisten verdoppelten den Umsatz von Alcopops im Zwei-Monate-Rhythmus. Das neuste Trendgetränk allerdings ist hochprozentiges Bier. Erst vor fünf Wochen kam mit «Ballermann» ein neues Produkt mit 6,9 Prozent Alkoholgehalt auf den Markt. «Ein voller Erfolg», sagt die Vertreiberfirma.

«Wann wir das erste Mal Alkohol konsumiert haben? Sie meinen probiert oder richtig getrunken?» Schon als Kind, sagt Enrico, habe er am Weinglas seines Vaters genippt. Mit 13 oder 14 griff er dann selbst zur Flasche. Seither trinkt der 16jährige ab und zu, «aber mit Mass», wie er betont.

Dreimal in der Woche trainiert Enrico mit den Kollegen vom Fussballklub. Der A-Junior ist ehrgeizig und schaut auf seine Fitness. Rauchen, findet er, sei nicht gut für den Sport. Alkohol hingegen schade ihm nicht - denn er trinke so unregelmässig, dass keine Gefahr bestünde. Doch wenn er zugreift, dann richtig.

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Getrunken wird in Enricos Kollegenkreis vor allem an privaten Parties. Da geht manches Sixpack Bier die Kehle hinunter. Auch Alcopops und harte Sachen fliessen. Wenn nach sechs Spezli der Gang schwankt, der Blick sich trübt und der «Flash», der Rausch, im Anzug ist, dann werde es «richtig geil» - «als ob man fliegen würde». «Aber», so Enrico, «richtige Abstürze hatte ich noch nie.»

Der Grat, auf dem Jugendliche wie Enrico wandern, ist freilich schmal. «Alkoholkonsum ist grundsätzlich Teil einer normalen Entwicklung», sagt Martin Küng, Leiter von Radix, einer vom Bund eingesetzten Suchtpräventionsstelle. Grenzüberschreitungen seien ein legitimer Wunsch jedes Heranwachsenden: «Dass dabei Risiken in Kauf genommen werden, liegt in der Natur der Sache. Gefährlich wird es, wenn dieses Verhalten regelmässig auftritt.»

Auch Prahlereien zum eigenen Alkoholkonsum sind normal. Sie gehören wohl zu den ältesten «Ritualen» von Jugendlichen. Wer sich wieder einmal so richtig hat vollaufen lassen, erntet oft Bewunderung. «Wer aber auf dieser Tour permanent der Grösste sein will», warnt Küng, «verdient erhöhte Aufmerksamkeit.»

«Eine Stange Bier? Zu teuer. Wir trinken Lagerbier, das kostet neunzig Rappen die Flasche.» Rahel und Esther kalkulieren scharf, denn Geld haben sie nicht, die beiden 17jährigen. Geld wird «gemischelt» - sie betteln so lange, bis es reicht für ein paar Sandwiches und einige Flaschen Bier. Schwarze Lederjacken, Stiefel mit Stahlkappen, gefärbte Irokesenfrisuren und ein Mercedes-Stern, der an einer Sicherheitsnadel baumelt - die zwei Freundinnen sind Punks. Und zwar aus Prinzip: «Das System ist Scheisse. Wir müssen versuchen, gegen das System zu leben.»

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Das System hat es bis jetzt nicht sonderlich gut gemeint mit ihnen. Uber ihre Beziehung mit den Eltern mag Rahel nicht sprechen, sie lebt jetzt in einer Jugendwohngruppe. Esther wohnt noch zu Hause, ist aber schon zweimal abgehauen. Vor einiger Zeit hat sie ihre letzte Lehrstelle als Schriftenmalerin aufgegeben. Der Anschiss war übermächtig geworden. Auch Rahel arbeitet nicht - sie ist auf der Suche nach einer Lehrstelle. Beide verbringen ihre Tage auf der Gasse, in ihrer Clique.

Bei Rahel zu Hause ist die Hausbar immer reich gefüllt - die Eltern schauen gern ins Glas. Als Rahel einmal allein zu Hause war, trank sie sich durch das ganze Sortiment. Anschliessend erlebte sie ihren ersten Flash. Damals war sie zehn Jahre alt. Ein Jahr später trank sie täglich. Vor der Schule ging sie jeweils an die Hausbar. Manchmal füllte sie ein Pet-Fläschchen mit Likör, um es in die Schule mitzunehmen.

Eltern und Lehrer haben nie etwas gemerkt, dem Kaugummi sei Dank. Jetzt trinkt Rahel wieder weniger - aber noch immer «mindestens ein Bier pro Tag». Die erste Flasche kippen sie und Esther am Morgen, «wenn es gut geht», sonst später, sobald sie den «Stutz» beieinanderhaben. «Bier ist billig», sagen sie, «aber es gibt geileren Alk.» Zum Beispiel Wodka, Whiskey, Bailey’s. Dazu konsumieren sie regelmässig Haschisch, Kokain und LSD.

«Wegen dem Flash», sagen sie. Der Flash ist das Endziel. Dazu braucht es je nachdem einige Joints, eine Flasche Wodka mit Orangensaft oder fünf Liter Bier. «Wenn ich einen Flash habe, vergesse ich, was mich stresst», sagt Rahel. Und das ist viel. Es sind «die Bullen und die Bonzen», dann die Gesellschaft und schliesslich «die ganze verschissene Welt», in der sich Rahel und Esther einfach nicht wohl fühlen können.

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Dass der Alkohol ihr Leben kaputtmachen kann, stört sie nicht: «Was soll ich an die Zukunft denken?» fragt Rahel rhetorisch. «An welche Zukunft? Wie soll ich leben in dieser Gesellschaft, in der die meisten Menschen gar nicht wissen, was leben heisst?» Und überhaupt - jetzt ist es Zeit für ein Sandwich: «He Esther, gömmer go mischle?»

Es ist ein Teufelskreis: Die Zahl der Lehrstellen ist in den letzten Jahren massiv zurückgegangen, die Zukunft voller Fragezeichen. Die Folge: Wer nur schwache Leistungen vorweisen kann, bleibt oft auf der Strecke und wird erst recht anfällig für den Absturz. Eine Zürcher Studie ergab, dass Jugendliche ohne Ausbildung ausgesprochen gefährdet sind: 5,5 Prozent von ihnen trinken täglich Alkohol - über dreimal soviel wie Gleichaltrige mit einer Ausbildung.

Als Grundregel unter Fachleuten gilt deshalb: Die gleichen Menschen, die einem Jugendlichen Probleme bereiten, können ihn auch wieder auffangen. Wer mehr Unterstützung bekommt im Lehrbetrieb, in der Familie, bei seinen Freunden, braucht den alkoholischen «Helfer» vielleicht bald nicht mehr.

«Treffen» kann es jeden jungen Menschen - aus jeder Gesellschaftsschicht. Und oft, so wissen die Fachleute, wird die Sucht zu spät erkannt. Denn anders als bei andern Drogen lässt sich die Abhängigkeit sehr lang verstecken. Nicht selten suchen alkoholkranke Menschen erst nach zwanzig Jahren eine Beratungsstelle auf. Entsprechend gross sind dann die Schäden. Sicher ist: Je früher ein Mensch mit dem Alkoholmissbrauch beginnt, um so grösser ist die Gefahr, dass er nie wieder davon loskommt.

Die Forderungen der Präventionsstellen sind deshalb klar: Auch die Erwachsenen müssen besser über die Gefahren des «Elixiers» informiert werden. Denn hinter dem Alkoholmissbrauch versteckt sich immer ein anderes Problem - darüber sollte gesprochen werden. Je früher, desto besser! Ausserdem sind die Erwachsenen Vorbilder.

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Doch auch der Detailhandel muss in die Verantwortung eingebunden werden. Die Verkäufer müssen sich an die gesetzlich festgelegten Abgabebeschränkungen halten. Und schliesslich sind die Behörden angehalten, ihr Augenmerk auf den Jugendschutz zu lenken - um nötigenfalls Anzeige zu erstatten. Handhabe gäbe es genug.

Vorderhand jedenfalls: Seit dem 1. Dezember 1997 darf die Mehrzahl der Alcopops gemäss einem Entscheid der Eidgenössischen Alkoholverwaltung nicht mehr an Jugendliche unter 18 abgegeben werden. Zudem wurden die Preise massiv erhöht. Der Import ist vorläufig lahmgelegt.

Doch die Zäsur ist kaum von Dauer. Bereits ab Juli 1999 werden die Steuern ausländischer Alkoholprodukte den inländischen angeglichen. Alcopops werden dann wieder viel günstiger zu haben sein als heute - und mit ihnen der heissbegehrte Flash.