Tina reicht den Feldstecher weiter. «Da, unterhalb der drei Tannen», flüstert die 15-Jährige. Peilen. Scharfstellen. Tatsächlich: Eine Hirschkuh liegt im kniehohen Dickicht und lässt sich beim Wiederkäuen nicht stören. Als wüsste sie, dass ihr von Tina, ihrem Bruder Urs, 14, und dem Cousin Janin, 16, keine Gefahr droht. Die Jugendlichen aus dem Weiler Stels im Prättigau liegen nicht mit der Flinte im Anschlag, sondern mit der Kamera. Sie filmen für die Dokumentarsendung «Netz Natur» des Schweizer Fernsehens (siehe nachfolgender Hinweis «Festival: Die besten Filme werden prämiert»).

Quelle: Stephan Rappo

«Wir möchten die Vielfalt der Tiere bei uns in den Bergen zeigen», sagt Tina. Dafür sind die jungen Filmer schon seit Februar regelmässig mit der Kamera unterwegs, sie marschieren weite Strecken auf den Spuren von Gämse oder Steinbock, beobachten stundenlang einen Adlerhorst und nehmen die Kamera sogar mit auf die Skipiste oder zum Rausgehen mit dem Hund. «Es könnte ja sein, dass gerade dann ein Rehbock hinter dem Haus am Äsen ist», sagt Janin.

Anzeige

Urs, Janin und Tina könnten spielend auch vom Stubenfenster aus Tiere filmen, denn auf dem Stelserberg beginnt die wilde Alpenwelt direkt vor der Haustür. Die drei sind aber keine Stubenhocker, und viel lieber als vor dem Computer sitzen sie mit der Kamera auf dem Hochsitz. «Wir haben gelernt zu beobachten, auszuharren», berichtet Tina, noch immer im Flüsterton. Sie will auf keinen Fall, dass die Hirschkuh weiterzieht; vielleicht macht sie ja noch etwas Spektakuläreres, als nur zu kauen.
Doch das Warten abzukürzen oder filmreife Szenen zu provozieren, indem sie Tiere aufscheuchen, käme den jungen Filmern nie in den Sinn. Solche Aufnahmen hätten bei «Netz Natur» ohnehin keine Chance, was in den Richtlinien zum Projekt auch klar festgehalten ist. Also ist Warten angesagt, bis sich die Hirschkuh näher heranwagt oder auf Artgenossen trifft. «Die Tiere dann aber tatsächlich so auf den Film zu bekommen, wie man sich das vorstellt, ist eine ganz schöne Herausforderung», sagt Janin, ohne den Feldstecher abzusetzen.

Anzeige
Quelle: Stephan Rappo

«Eine Herausforderung, die von den mehr als 100 Kameraleuten im Alter von sieben bis 17 Jahren, die an der ersten Staffel teilgenommen haben, hervorragend gemeistert wurde», findet Tierfilmer und «Netz Natur»-Redaktionsleiter Andreas Moser. «Zum Teil gelangen ihnen wirklich einzigartige Aufnahmen von professioneller Qualität.» Ziel des Filmprojekts sei es, Kindern und Jugendlichen eine «Brücke zur Natur» zu schlagen, sagt Moser. «Wir wollen ihnen die Möglichkeit bieten, eine direkte Beziehung zur Natur herzustellen – und das in zeitgemässer Form.» Und mit individuellem Profil. Denn Support leisteten die Profis vom Fernsehen vor allem in technischen Belangen. Welches Tier gefilmt wurde, wie lang die Beiträge und wie ausführlich die Kommentare sein sollten – das alles entschieden die Filmer selber.

Anzeige
Quelle: Stephan Rappo

Das Filmteam aus Stels etwa überraschte mit einem Kunstgriff und untermalte seinen Beitrag «Unsere Alpentiere» mit selbstgespielter alpenländischer Filmmusik. So gerät der auf Film gebannte Balzkampf zweier Birkhähne zum Tänzchen mit Slapstickcharakter, und ein Murmeltier dreht seinen Kopf im Takt der Ländlerkapelle hin und her. Doch obwohl sich die Tierbilder im Film spielerisch präsentieren – für gute Aufnahmen braucht es vor allem Ausdauer und viel Geduld, haben die Jungfilmer gelernt. Und technisches Verständnis. Dieses haben sich Janin, Tina und Urs selber angeeignet. «Wir lernten ziemlich schnell, dass man die Kamera nicht so rasch schwenken darf», sagt Janin, «die ersten Bilder waren ziemlich verwackelt.»

Anzeige

Tonspur: Die Multitalente Janin, Tina und Urs (von links) haben ihren Tierfilm mit selbstgespieltem Alpensound vertont.

Quelle: Stephan Rappo

Auch das Schneiden und Vertonen war kein Kinderspiel. Filmmaterial für viele Stunden straffte Tina am Computer zu einer Produktion von insgesamt sieben Minuten. Das Ergebnis aber überzeugt: Der erste Alpentierfilm aus Stels wurde samt Team zusammen mit anderen Beiträgen in einer eigenen Sendung der Reihe «Netz Natur» vorgestellt. Sonst aber gibt es weder Gewinner noch Verlierer.

«Uns war wichtig, die Kinder und Jugendlichen auch ohne lockende Preise zum Mitmachen animieren zu können», betont Andreas Moser, «den Wettbewerbscharakter wollten wir bewusst meiden.» Und vielleicht finden besonders motivierte Naturfilmer in Zukunft auch eine Plattform bei «Schweizer Jugend forscht». Erste Kontakte hat das «Netz Natur»-Team bereits angebahnt. In Vorbereitung ist zudem eine DVD für Museen und Schulen. Dem Engagement in diesem Naturfilmprojekt misst Moser sogar eine politische Wirkung bei: Es könnte helfen, das häufig negativ geprägte Bild der Jugend zu relativieren.

Anzeige

Die Motivation von Janin, Urs und Tina jedenfalls ist ungebremst. Ob es allerdings die Hirschkuh auf den Film für die zweite Staffel schaffen wird, ist ungewiss. «Zu weit weg», schätzt Urs fachmännisch.

Trotzdem harren die jungen Filmer geduldig aus. «Manchmal gelingen die besten Aufnahmen, wenn man es gar nicht mehr erwartet», flüstert Tina. Und plötzlich röhrt ganz in der Nähe ein Hirsch. Wer weiss, vielleicht ist er der nächste Star im Film «Unsere Alpentiere, Teil II».

Quelle: Stephan Rappo
Anzeige

Festival: Die besten Filme werden prämiert

Mehr als 100 Kinder und Jugendliche ­beteiligten sich an der ersten Staffel ­des ­Projekts «Schweizer Jugend filmt… wilde Tiere!» von «Netz Natur» des Schweizer Fernsehens. Im Frühjahr 2009 waren sie schweizweit mit der Kamera unterwegs. Den Jungfilmern gelangen spektakuläre Aufnahmen von Wildtieren. Sie filmten nachtaktive Biber, beobach­teten über ­Monate hinweg das Liebesleben von Eidechsen oder lagen stundenlang auf der Lauer für Sequenzen über Fuchs oder Murmeltier. In zwei Sendungen wurden Beispiele der fertigen Produktionen gezeigt und die jungen ­Filmer porträtiert.

Jetzt arbeiten 20 Jugendliche an neuen Tierfilmen für die zweite Staffel. Die besten Reportagen werden am Mittwoch, 10. Februar 2010, am Jugend-Naturfilm-Festival im Stadtkino Basel ­gezeigt und von der Jury prämiert.