Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Ende 2002 wies die Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner (AGSTG) ein Vermögen von 1,75 Millionen Franken aus. Mitte 2005 waren es nur noch gut 900000 Franken. Der Dachverband mit Sitz in Urnäsch AR gibt pro Jahr durchschnittlich 350000 Franken mehr aus, als er über Spenden und Gönnerbeiträge einnimmt.

Bei Fridolin Kalt, dem Kassier der AGSTG, läuten sämtliche Alarmglocken: «Wenn wir so weitermachen, laufen wir in den Ruin.» Der pensionierte Buchhalter will diesem Treiben nicht mehr länger zusehen – er tritt Ende 2005 zurück. Es gebe kein Budget, keine Finanzplanung, nichts.

Thorsten Tönjes, seit März 2003 AGSTG-Präsident, gibt sich generös: «Wir sind keine Bank. Das Geld wird für die Ziele des Verbands eingesetzt, und das wissen die Mitglieder sicher zu schätzen.» Weil das zuvor nicht der Fall gewesen sei, befinde man sich noch immer im Wiederaufbau. Und: «Ich wäre bei einem finanziellen Engpass der Erste, der auf meinen Lohn als Geschäftsführer verzichten würde.»

Schöne Worte, doch ein internes Papier stellt das Geschäftsgebaren des 34-jährigen Deutschen in einem anderen Licht dar: Als Geschäftsführer kassierte er im letzten Jahr zusammen mit der AGSTG-Sekretärin – sie war damals seine Lebenspartnerin – rund 15000 Franken monatlich. Stossend daran: Trotz Vereinbarung führte Tönjes keine Sozialversicherungsbeiträge und Quellensteuern ab.

Im Juli schrieb Tönjes in einem Brief an die Mitgliedsvereine von «erheblichen Säumnisfehlern» infolge Arbeitsüberlastung und «einem massiven Einbruch meiner Kräfte». Interne Kritiker werfen ihm vor, er habe den Verband «um fast 40000 Franken betrogen». Nun muss Tönjes seine «Säumnisfehler» monatlich abstottern.

Der gelernte Maschinenmechaniker und Heilpädagoge nimmt es auch in Sachen Spesen nicht so genau. Im April 2004 reiste er an ein internationales Treffen der Tierversuchsgegner nach Dublin. Mit seiner damaligen Partnerin; die beiden hatten anschliessend Irlandferien gebucht. Tönjes liess sich die Hotelspesen während des Kongresses vom Verband bezahlen – für sich und seine Partnerin.

Für das Büro in seinem Wohnhaus in Urnäsch verrechnet Tönjes 750 Franken pro Monat – knapp ein Drittel der Gesamtmiete. Bei der Kontrolle der hohen Stromrechnung zeigte sich zudem, dass Waschmaschine und Trockner über den Bürozähler laufen und ebenfalls dem Verband belastet wurden. Tönjes sagt, er gleiche dies jeweils über die Gesamtrechnung aus.

Wildernder Hund, tote Hasen

Wenig schmeichelhaft ist auch ein Tierhalteverbot für Huf- und Klauentiere, das der Kantonstierarzt im letzten Jahr gegen den AGSTG-Präsidenten aussprach. Bei der amtlichen Kontrolle wurde ein total verkoteter Stall, zu kleine Boxen für die Ponys und der ungenügende Auslauf im Freien beanstandet. Tönjes zeigt sich wenig einsichtig: «Sicher kann man eine Tierhaltung immer optimieren, aber ich habe mir hier nichts vorzuwerfen.» Er behauptet, das Tierhalteverbot sei zurückgezogen worden. Der Kantonstierarzt widerspricht.

Der Beobachter weiss von weiteren Vorfällen: Einer der Hunde von Tönjes früherer Partnerin wilderte und wurde zeitweise an der Kette gehalten. Eine junge Ziege fiel ins ungesicherte Güllenloch und ertrank. Junge Hasen wurden vom Bock nach der Geburt gefressen. «Die Tiere leben in einem grossen Freilaufstall mit vielen Verstecken», rechtfertigt sich Tönjes.

«Das Tierhalteverbot wurde dem Vorstand bewusst verschwiegen», sagt Vizepräsident Peter Beck. Und bei der Mitgliederorganisation Tierschutzbund Basel ist Geschäftsführerin Claudine Resch entsetzt: «Das ist, wie wenn ein Kettenraucher eine Nichtraucherkampagne lancieren würde.» Für Beck ist Tönjes nicht mehr länger tragbar: «Aus gravierenden Gründen fordere ich innerhalb des Vorstands schon seit Monaten seine Entlassung.»

Doch der Gescholtene will das Feld nicht freiwillig räumen. Im Juli suspendierte er seinen Vize Beck mit Hilfe einer Getreuen im dreiköpfigen Vorstand. Zudem wurden der Tierschutzbund Basel und der Verein «Tier und wir» aus dem Verband ausgeschlossen. Suspendierung und Ausschluss sind im Moment sistiert. Gleichzeitig wurden neue Vereine aufgenommen – offensichtlich, um die Hausmacht des Präsidenten zu stärken.

Ob dessen Rechnung aufgeht, wird sich Mitte Oktober zeigen. Dann findet eine ausserordentliche Delegiertenversammlung statt, gegen deren Durchführung sich Tönjes lange gesträubt hat.

Quelle: Archiv
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