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FischotterFlinke Jäger erobern ­ihren Lebensraum zurück

Bild: Getty Images

Der Fischotter ist auf dem Weg zurück in die Schweiz. Doch ist unser Land schon bereit? Forscher haben in Österreich Fischotter mit Sendern versehen, um diese Frage zu klären.

von Stefan Bachmann

Alena piepst. «Gleich haben wir sie», sagt Barbara Schnüriger. Um zehn Uhr abends ist es im Lamingtal in der Steiermark bereits ziemlich finster. Schnüriger steigt aus dem Auto, hängt sich den piepsenden Empfänger um und nimmt die Antenne in die Hand. «Schnell, vielleicht sehen wir Alena», sagt sie. Alena ist eine Fischotterdame. Die Pieptöne stammen von einem Sender in ihrem Bauch.

Barbara Schnüriger läuft durch ein Wäldchen, Glühwürmchen blitzen auf. ­Immer wieder richtet die Biologin ihre Antenne aus, dreht sie nach links, nach rechts. Dann zeigt sie wortlos auf einen Bach.

Erst ist nichts zu sehen, nichts zu ­hören. Plötzlich durchdringt ein lautes Fauchen die Stille. «Alena», flüstert die Forscherin. Darauf, von links, zwei Pfiffe. «Das müssen die Jungen sein.» Nun faucht, platscht und pfeift es während vieler Minuten, doch zu sehen ist nichts.

Schnüriger zeichnet einen Kreis auf ­ihrer Karte ein, schreibt Notizen in ein kleines Buch. «Die Jungen sind zwei Monate alt», sagt sie. Der Bau sei ganz in der Nähe, unter einer Tanne am Ufer des Bachs.

Barbara Schnüriger ist seit März nahezu jede Nacht in der Steiermark unterwegs. Im Rahmen des Projekts «Lutra alpina» der Schweizer Stiftung Pro Lutra hat sie die Aufgabe, sieben besenderte Fischotter (Lutra lutra) zu orten. Die Gegend um Bruck an der Mur erinnert mit ihren Flusstälern, Wäldern und Industriestädtchen ein wenig an das Entlebuch. «Anfangs fand ich es ziemlich gruselig, allein durch die Nacht zu streifen», sagt sie. «Aber ich habe ja Sören dabei.» Sören, ihr Tibetterrier, ­wedelt freudig mit dem Schwanz.

Von der Steiermark und auch vom französischen Zentralmassiv aus breiten sich die Fischotter derzeit aus (siehe nachfolgender Hinweis «Fischotter: Wieder auf dem Vormarsch»). Die Tiere könnten also auch in der Schweiz bald wieder heimisch werden. Deshalb soll «Lutra alpina» herausfinden, wie die Otter im Alpenraum leben. Und vor allem: was ihre Ansprüche an den Lebensraum sind. Die Erkenntnisse sollen dann auf die Schweiz übertragen werden. Eine Wissenschaftlerin wird im Rahmen ihrer Doktorarbeit eine Karte ­erstellen, die potentielle Fischottergebiete zeigt. «Die Ankunft der Otter ist nur noch eine Frage der Zeit», sagt Christian Buchli, Geschäftsführer von Pro Lutra. «Mit der Karte können wir sie dann unterstützen und ihre Lebensräume aufwerten.»

Die Forscher können von ihren nächtlichen Streifzügen bereits spannende Ergebnisse vorweisen. So entdeckten sie, dass sich Fischotter vom Menschen nicht gross stören lassen. Einer der Otter schläft oft in einem Asthaufen direkt neben einer vielbefahrenen Strasse. Ein anderer bevorzugt ein lärmiges Fabrikareal. Und alle Tiere sind häufig in betonierten Kanälen unterwegs, die mit natürlichen Gewässern nicht viel gemein haben. «Das ist ermutigend», sagt Buchli. «Wenn der Fischotter nur in unberührter Natur überleben könnte, würde er in der dichtbesiedelten Schweiz nie wieder heimisch.»

Kurz vor Mitternacht steigt Barbara Schnüriger wieder ins Auto. Nun ist Baukje an der Reihe, ein weiteres Otterweibchen. Schnüriger stellt den Empfänger auf das Armaturenbrett und fährt los.

Selbstbedienung im Fischteich

Als der Empfänger piepst, weiss sie: Baukje ist dort, wo sie meistens ist: im Stausee des Flusskraftwerks, mitten im Städtchen Bruck an der Mur. Als Schnüriger aussteigen will, tollen drei Steinmarder über die Strasse. Die Schweizerin lacht. «Einmal rannten zwei glühende Augenpaare direkt auf mich zu», erzählt sie. «Erst als ich aufschrie, stolperten die Tiere zur Seite. Ich weiss bis heute nicht, was es war.» Jede Nacht sehe sie Rehe, Füchse, Hasen. Oder Spaziergänger, die sie misstrauisch mus­terten. «Die denken wohl, ich wolle mit meiner Antenne den Code ihrer Alarm­anlage ausspionieren. Deshalb erkläre ich immer, was ich tue.» Kaum einer wisse, dass hier Fischotter leben. «Wenn man es ihnen erzählt, freut es die Leute sehr.»

Ausser die Besitzer der vielen Fischteiche in der Gegend. Denn die Teiche sind für Otter regelrechte Fastfood-Stationen. Bis zu eineinhalb Kilo Fisch frisst ein Otter pro Nacht. «Mit einem Elektrozaun könnten die Besitzer ihren Teich auf einfache Art schützen», sagt Schnüriger.

Die Forscherin streckt ihre Antenne in alle Richtungen und geht los. Nach einigen Minuten hört sie das vertraute Platschen. «Da ist Baukje ja», flüstert sie. Zu sehen ist wieder nichts, trotzdem reicht es für einen Kreis auf der Karte.

«Ich selber habe erst fünfmal einen ­Otter gesehen», gesteht Schnüriger. Man müsse sich eben vorstellen, wie sie durchs Wasser schiessen und Fische jagen. Fischotter sind optimal ans Wasser angepasst: Stromlinienförmig flitzen die rund einen Meter langen Säuger durch Flüsse und Seen, und wenn sie an die Oberfläche kommen, ragt der flache Kopf gerade mal zwei Zentimeter aus dem Wasser. Das Fell ist völlig wasserdicht, dank unglaublichen 50'000 Haaren pro Quadratzentimeter Haut und einem stinkenden, aber fettenden Sekret aus der Analdrüse.

Die Jagd gelingt dem Otter nur, wenn er sich den Fischen unbemerkt nähern kann. Bis zu 15 Meter tief kann er tauchen; durchschnittlich 30 Sekunden dauert ein Tauchgang.

Otterreviere sind unterschiedlich gross. Mal genügen acht Kilometer Flussabschnitt, mal sind es 15. «Je mehr Fische in einem Fluss leben, umso kleiner können die Reviere sein», weiss die Forscherin.

Erste Sichtung in der Schweiz

Es ist nun halb vier Uhr morgens, ein ­kühler Wind weht durch das Tal. Barbara Schnüriger hat Baukje zweieinhalb Stunden lang regelmässig gepeilt, nie hat der Otter den Stausee verlassen. Jetzt ist die Forscherin müde, möchte einige Stunden schlafen. Denn am nächsten Nachmittag stehen bereits wieder Peilungen an.

Eingefangen haben die Forscher die Tiere mit speziellen, gepolsterten Teller­eisen, die die Pfoten der Tiere nicht ver­letzen. Denn Otter sind vorsichtig und ­gehen nie in Kastenfallen. Ein Tierarzt implantierte ihnen einen kleinen Sender in den Bauch und liess sie rasch wieder frei. Eine Alternative zu dieser Operation gebe es nicht, sagt Andreas Kranz, der Leiter des Projekts. «Ein Senderhalsband würde der Otter sofort abstreifen.» Zum Glück seien Fischotter extrem robust, ihr Immunsys­tem «topfit».

Am folgenden Nachmittag regnet es in Strömen. Gemäss Plan soll Schnüriger heute die Schlafplätze aller sieben besenderten Otter ausfindig machen. Sie fährt flussaufwärts, flussabwärts, die Seitentäler hoch und wieder hinunter.

Alena schläft in ihrem Bau, dort, wo vor einigen Stunden noch die Glühwürmchen tanzten.

Cleo hat es sich unter einem Baum ­gemütlich gemacht, mitten im Jagdgebiet eines schwerreichen Industriemoguls.

Dan schläft im Areal einer Stahlgiesserei, zehn Meter neben einem Parkplatz.

Der Sender von Fee piepst aus einer Uferböschung, ­einen Meter neben einem Wanderweg.

«Es wäre schon schön, wenn die Otter in der Schweiz wieder heimisch würden», sagt die Forscherin.

Die Zeichen dafür stehen gut; mehrere Einzeltiere wurden schon in der Nähe ­unseres Landes entdeckt. Ein Fischotter geriet ab Dezember 2009 gar mehrmals in eine Fotofalle, die bei Domat/Ems GR bei einer Fischtreppe im Rhein installiert ist. Auf den verschwommenen Bildern sieht man, wie er eine Forelle jagt.

Ausgestorben ist der Fischotter in der Schweiz erst im Jahr 1989. Den letzten Nachweis lieferte eine stinkende Portion «Fischottergelee» – das Sekret der Anal­drüse –, die man bei Champmartin VD am ­Neuenburgersee fand. Die Gründe für das Aussterben waren vielfältig: Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Otter als Schädling gejagt und massiv dezimiert. Der Mensch verbaute die Flüsse. Und die Zahl der Fische ging zurück. Vor allem aber waren die Otter stark mit polychlorierten Biphenylen (PCB) belastet, wodurch die Weibchen unfruchtbar wurden.

PCB sind langlebige chemische Verbindungen, die als Kühlmittel oder Isolatoren verwendet wurden. Die Stoffe waren damals überall: im Wasser, in den Böden, in den Tieren, in der menschlichen Muttermilch. Auch die Fische waren mit tausendfach zu hohen Werten belastet. Nochmals tausendfach höher war die Konzentration im Otterfett. Ende der achtziger Jahre stand deshalb in einem Bericht einer ­Expertengruppe des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft: «Die Belastung der Fische mit PCB ist generell so hoch, dass die Reproduktion freilebender Fischotterpopulationen unmöglich erscheint.»

Jetzt, wo die PCB-Werte überall gesunken sind, ist der Otter wieder auf dem Vormarsch. Und zwar rasant: «Die Fischotter wandern schneller als gedacht», sagt Andreas Kranz vom Projekt «Lutra alpina». «Vom Inn aus, von der Rhone aus, vom Rhein aus, von überall her können sie den Weg in die Schweiz finden.» Schon in fünf oder zehn Jahren könne sich eine Population etablieren.

Vielleicht sind sie schon hier

Es ist eine Entwicklung, über die sich nicht alle freuen. Vor allem die Fischer schauen dem Otter mit Unmut entgegen. «Sollte er wieder ansässig werden, müsste die ­Entwicklung genau beobachtet werden», sagt Roland Seiler, Zentralpräsident des Schweizerischen Fischerei-Verbands. Sobald vom Aussterben gefährdete Fisch­arten betroffen seien, müsse man auch an Eingriffe denken.

Für die Berufsfischer wären die Otter freilich kein Problem: Sie machen ihre Beute in den Seen, die Fischotter jagen in den Flüssen. Nur Hobbyangler könnten dort, wo Otter ansässig sind, etwas weniger Fische fangen. Doch Reinhard Schnidrig, der zuständige Sektionsleiter beim Bundesamt für Umwelt, ist überzeugt: «Wenn der Fischotter bei uns überleben kann, geht es auch den Fischern gut.» Denn: «Es sind ja beide von guten Fisch­beständen abhängig.»

Angesichts des Fischsterbens stellt sich gleichwohl die Frage, ob es in der Schweiz noch genügend grössere, fischreiche Lebensräume gibt. Laut Schnidrig käme am ehesten die Region von Neuenburger-, Murten- und Bielersee in Frage; eventuell auch das Wasserschloss bei Brugg AG. Ob auch andere Regionen geeignet sein könnten, wird das Projekt «Lutra alpina» klären.

Doch vielleicht sind sie ja längst da. «Fischotter leben enorm heimlich», sagt Christian Buchli. «Auch in Österreich wusste man lange nichts von ihrer An­wesenheit. Nicht einmal die Fischer haben etwas bemerkt.»

In der Steiermark ist es inzwischen ­wieder Abend geworden. Pünktlich um neun steht Barbara Schnüriger im Lamingtal. Wieder blinken die Glühwürmchen. Wieder piepst Alena. «Wenn ich nur mal die Jungen sehen könnte», sagt die Forscherin. Wie zum Trotz faucht es laut.n

Nachdem der Fischotter im 20. Jahrhundert in fast ganz Mitteleuropa ­ausgestorben war, ist die Art nun ­vielerorts wieder auf dem Vormarsch. Rückläufig sind die Bestände im Baltikum, in Schottland, in Weissrussland und auf den Shetlandinseln. Die Karte zeigt die aktuelle Verbreitung in ­Europa (gelbe Flächen auf nachfolgender Karte).

Rund um die Schweiz und auch in Graubünden bei Domat/Ems wurden in den vergangenen Jahren immer wieder einzelne wildlebende Otter gesichtet (rote Punkte). Die Sichtungen im Elsass und bei Chamonix südlich des Wallis gehen allerdings auf Aussetzungen zurück. Nicht eingezeichnet sind Sichtungen von Ottern, die Privathaltern entwischt sind.

Quelle: Alka Wildlife; Infografik: Beobachter/MB
Veröffentlicht am 2011 M08 08