«Ooh biutifuuul.» Dünne Schuhe rutschen über den Schnee. «Picture, picture.» Fotoapparate werden gezückt. Und Handys. Schnell noch ein Anruf nach Hause – von hier oben, «Top of Europe». Die Gruppe lacht und schäkert. Man streckt die Hände in den Schnee und zieht sie fröstelnd wieder zurück. «It’s just beautiful. Lovely!»

Wir befinden uns auf dem Jungfraujoch, der höchstgelegenen Bahnstation Europas. «Für uns ist das der Himmel auf Erden», sagt Om Prakash. Er grinst übers ganze Gesicht und stellt sich gross und aufrecht mitten in die Gruppe. Klick, klick. «One more, one more.» «Wird hier ein neuer "James Bond" gedreht?», fragen zwei junge Schweizer, die ihre Tourenski montieren. Nein, es sind 30 indische Reisebüroeinkäufer und -manager, die sich an diesem strahlenden Nachmittag auf 3454 Meter über Meer vor lauter Freude über den bezaubernden Augenblick umarmen.

Die Schokoladenseite der Schweiz
Eingeladen hat Schweiz Tourismus, die Dachorganisation des Schweizer Fremdenverkehrs. Während vier Tagen wird den indischen Geschäftsleuten die Schweiz von ihrer schönsten Seite gezeigt – damit sie ihren Landsleuten in Zukunft eine Reise ins Land der Berge, Kuhglocken und der Schokolade besser verkaufen können. Das Programm kann sich sehen lassen.

Anzeige

Erster Tag: Exkursion mit Abendessen auf dem Jungfraujoch; zweiter Tag: Seminare und Businesstalk in Wengen, anschliessend Exkursion mit Abendessen auf dem Schilthorn; dritter und vierter Tag: individuelle Weiterreise an einen Schweizer Tourismusort nach Wahl.

Der Auftakt ist gelungen. Kein Wölkchen kratzt den Himmel. Der wuchtige Aletschgletscher glitzert geheimnisvoll in der Abendsonne. «Wie bestellt.» Federico Sommaruga, Manager für die so genannten touristischen Zukunftsmärkte bei Schweiz Tourismus, ist sehr zufrieden. «Schauen Sie, wie die sich begeistern können.» Er zeigt auf zwei Inder, die sich gegenseitig mit Schnee bewerfen.

Auch bei ihm herrscht Freude. «Der indische Markt ist einer der besten touristischen Zukunftsmärkte überhaupt», gerät Sommaruga ins Schwärmen. 165'000 indische Logiernächte zählten seine Statistiker letztes Jahr, und jährlich kommen 30 Prozent dazu. Sommaruga schätzt, dass sich die Zahlen in den nächsten fünf Jahren gar verdoppeln.

Anzeige

Tatsächlich hat in Indien ein regelrechter Reiseboom eingesetzt. Vor allem für die reiche Oberschicht und zunehmend auch für die stark wachsende Mittelschicht steht irgendwann eine Europareise auf dem Programm – Schweiz inklusive.

«Es gibt fast eine Milliarde Inderinnen und Inder. Wenn davon auch nur ein Prozent die Schweiz besuchen würde… Stellen Sie sich das vor!» Sommarugas Augen glänzen. Und erst die Wertschöpfung!

400 Franken lässt der durchschnittliche indische Gast pro Tag in der Schweiz liegen, ein Amerikaner nur 280 Franken, ein Schweizer gar nur 120 Franken.

Also wird der indische Reisemarkt kräftig beackert. Schweiz Tourismus hat bereits vier ständige Vertreter in Indien, die Swissair fliegt seit einem halben Jahr täglich nach Bombay und Delhi. Selbst die Jungfraubahnen haben inzwischen einen eigenen Gesandten nach Indien delegiert. Doch am wichtigsten sind Einladungen wie diese hier. «Das Geheimnis ist einfach», verrät Sommaruga. «You see it, then you sell it – Sie sehen es, dann verkaufen Sie es.»

Anzeige

Der Gedanke beschwingt den drahtigen Tessiner sichtlich: «Herzlich willkommen in der Schweiz. Indische Gäste sind uns immer besonders willkommen», begrüsst er die inzwischen schlotternden Inderinnen und Inder. Diese danken es ihm begeistert und lassen ihn hochleben. «Hipp, hipp, hurra!»

Etwas abseits beobachtet Jörg Gnotke von Wengen Tourismus das Geschehen. «Solche Gesten sind wichtig», erklärt er. «Wenn man den Indern den Eindruck gibt, dass sie etwas Besonderes sind und es nicht nur ums Geschäftemachen geht, sind sie die dankbarsten Gäste der Welt.» Will heissen: Sie sind freundlich und bereit, alles gut zu finden – den Schnee, die Uhren, die Sackmesser. Als wolle er dies beweisen, steuert Om Prakash strahlend auf Gnotke zu. «Hello, Jörg, wie gehts? Es ist so schön hier, nicht wahr?» Prakash kennt Gnotke gerade mal ein paar Stunden, aber schon behandelt er ihn wie einen guten alten Freund. Herzlichkeit ist ansteckend.

Anzeige

Offen und mitteilsam sind die Inder allerdings auch, wenn es ums Reklamieren geht. «Schrecklich», findet Madhulika Saraf aus Kalkutta. Lustlos stochert sie im Essen rum. Sie ist nicht die Einzige.

Die eben noch aufgeräumte Gruppe sitzt plötzlich ziemlich ruhig vor ihren Tellern. «Das soll indisches Essen sein?»

Die eigene Küche mit im Gepäck
Die Schweizer am Tisch und der japanische Kellner schauen leicht irritiert. Reis und Gemüsecurry: indisch, nicht? Nein? Der Koch des Restaurants auf dem Jungfraujoch hat sich bemüht – erfolglos. «Vielleicht hätten wir doch besser ein Schweizer Gericht aufgetragen», meint Urs Kessler, Vizepräsident der Jungfraubahnen.

Keine gute Idee. «Sie können einen Inder auf der Reise in ein schlechtes Hotel bringen. Das macht nichts, solange das Essen stimmt», erklärt Kali Godiwala aus Bombay. Und stimmen tut es für die Inderinnen und Inder, wenn sie mindestens einmal am Tag richtig indisch essen können. «Sonst fühlen wir uns nicht wohl», sagt Godiwala. Er weiss, wovon er spricht. Neben seiner Tätigkeit als Managing Director bei Chirag Travels führt er mit seinem Bruder ein indisches Catering-Unternehmen in London. Mit kleinen fahrenden Küchen begleitet die Firma die Inder auf ihrer zwei- bis dreiwöchigen Busreise durch Europa. Zweimal täglich bekocht der indische Koch die Reisenden mit heimischen Gerichten – auf Autobahnraststätten oder Hotelparkplätzen.

Anzeige

«Das mit dem Essen war ein kleiner Fauxpas», räumt Federico Sommaruga auf der Talfahrt durch die Bergnacht ein. Auch die Schinkengipfeli beim Apéro hätten nicht sein dürfen, denn viele Inder sind aus religiösen Gründen Vegetarier. Doch wirklich ärgern mag sich Sommaruga nicht. «Morgen wird es besser klappen», verspricht er. Hat er doch einen indischen Koch aus Interlaken damit beauftragt, ein gewürzechtes Indian Curry nach Wengen zu liefern.

Ist das nicht alles umständlich? «Herausfordernd», korrigiert Sommaruga. Nachtragend sind die «neuen Japaner» sowieso nicht. Bereits wird wieder lautstark diskutiert und endlos gefragt: Sind die Bahnen immer so pünktlich? Sitzen in der Schweizer Regierung auch Familienclans? Sind Sie verheiratet? Kann man auch auf den Berg dort drüben fahren?

Am nächsten Morgen ist Business angesagt. Die ausgelassene Stimmung ist konzentrierter Freundlichkeit gewichen. Heute geht es ums Geschäft. «Ich will mehr über das Schweizer Bahnnetz und geeignete Honeymoon-Destinationen erfahren», sagt Jasleen Oberoi aus New Delhi.

Anzeige

Hochzeitsreisen in die Schweiz sind beliebt. Verantwortlich dafür – wie überhaupt für den Reiseboom der Inder in die Schweiz – ist die gigantische indische Filmindustrie, die jährlich 600 bis 800 Streifen in die Kinos bringt. Seit die Unruhen zwischen Indien und Pakistan das Drehen im eigenen Gebirge Kaschmir schwierig gemacht haben, dient die Schweiz als viel benutzte Kulisse für schmalzige Liebesszenen: «Wohin wollen wir auf die Hochzeitsreise?», fragt der Held seine Angebetete. «In die Schweiz», haucht die Schöne. Und schon sinken sich die Turteltauben auf Blumenmatten in die Arme. Happy End im Paradies!

«Das ist der Traum», erklärt Jasleen Oberoi, «und diesen Traum wollen sie in der Wirklichkeit nachleben.» So verweilen die indischen Europareisenden nirgends so lange wie in den Schweizer Alpen – in einem zweiwöchigen Programm bis zu fünf Tagen.

Anzeige

Das wissen auch die Schweizer Touristiker, die sich heute in Wengen zum Indian Workshop gemeldet haben. Alle wollen sich ein Stück vom Kuchen abschneiden. «Jeder will natürlich, dass die Leute in seine Region kommen», sagt Eugen Rohner von den Rhätischen Bahnen. Er hat seine Prospekte vor sich ausgebreitet, er ist gerüstet für die Überzeugungsschlacht. Die dauert exakt 15 Minuten. So lange hat je-der Schweizer Anbieter Zeit, um die Inder im Einzelgespräch zu bearbeiten. Dann schwingt ein Mitarbeiter von Schweiz Tourismus eine Kuhglocke: «Change – Wechsel!» Er ist unerbittlich: «"Swiss time", nicht "Indian stretching time".»

Frank Bumann von Tourismus Saas Fee kommt schnell zur Sache. «Saas Fee wird auch "Pearl of the Alps" genannt – Perle der Alpen», preist er Jasleen Oberoi den Walliser Tourismusort an. Er spricht von der Schönheit des Allalinhorns, von tollen Ausflügen und romantischen Hotels. «Ideal für Ihre Honeymoon-Gäste.» Nebenbei breitet er jeweils den passenden Prospekt aus. Sogar mit Exemplaren in Hindi kann er aufwarten. Bumann spricht schnell, die Uhr tickt. Er schielt auf die Kuhglocke.

Anzeige

Bei aller Begeisterung über die Invasion der «neuen Japaner» hegen einige Schweizer Anbieter auch Vorbehalte. «An Gruppenreisen bin ich nicht interessiert», sagt Fritz Langenegger vom Seiler-Hotel Schweizerhof in Zermatt unverblümt. «Sonst nehmen sie mir das Haus auseinander.» Wie er das meint? Langenegger erzählt von Bunsenbrennern, die in Hotelzimmern aufgestellt würden, um die heimischen Gerichte zu kochen, oder von ganzen Clans, die zusätzlich zu den angemeldeten Gästen ohne Vorwarnung auftauchten. Nein, selber erlebt habe er das noch nie, aber gehört. «Das reicht.»

Der Workshop kommt an: Jasleen Oberoi möchte Saas Fee und Villars ins Programm aufnehmen. Und natürlich das Schilthorn: «Das Essen dort oben war gut, und Federico hat gesungen», erklärt sie. «Fortan kann ich die Schweiz meinen Kunden besser verkaufen», ist auch Manish Kirpalani überzeugt. Bisher schickte er seine Landsleute vor allem nach Zürich, Genf und Interlaken. Jetzt will er Wengen ins Programm aufnehmen. «You see it, you sell it.»

Anzeige

Der Titlis steht bei Bombay
«Alles ist einfach wunderschön», schwärmt Madhulika Saraf. Die Schweizer Alpen erinnern sie an die schneebedeckten Gipfel des geliebten Kaschmir. «Dort ist es fast noch ein bisschen schöner als hier in der Schweiz. Aber die Unruhen…» Sofort entbrennt eine hitzige Diskussion über die politischen Konflikte in Kaschmir. «Man müsste einfach Krieg beginnen.» – «Nein, das wäre falsch.» Die Debatte wechselt vom Englischen ins Hindi und gewinnt an Lautstärke, während der Zug gemächlich den Berg nach Engelberg hochtuckert.

Engelberg. Das ist der Titlis mit seinen Bergbahnen – und das Hotel Terrace. Wer die Lobby des Hotels betritt, ist plötzlich in Indien. Über der Réception prangt eine Uhr mit Bombay-Zeit. Junge Mädchen und Frauen in farbigen Saris stehen in Grüppchen beisammen. Ganz in Orange gekleidete buddhistische Mönche durchqueren die Hotelhalle – barfuss. Ihr Guru, seine Heiligkeit Acharya Swamishree Purushottampriyadasji, hat sich in einem Zimmer niedergelassen und betet für den Weltfrieden, morgen auf dem Jungfraujoch.

Anzeige

Seit einem Jahr hat sich das Hotel Terrace jeweils von Mai bis Ende August – in der Hauptreisezeit der Inderinnen und Inder – ganz diesen Gästen verschrieben: Vier indische Köche sorgen fürs leibliche Wohl. Hoteldirektor Marcel Huber holt sie mit einer Sonderbewilligung Anfang Saison direkt von Indien in die Schweiz. Das Essen wird an grossen, runden Tischen serviert: Hier hat die ganze Grossfamilie Platz. Plastiktischtücher liegen auf den Tischen. «Die Inder finden das hygienischer als Stofftischtücher», erklärt Huber.

Das Hotelkonzept ist in Zusammenarbeit mit Kuoni und den Titlisbahnen entstanden, um der wachsenden Gästeschar eine indische Basis in der Schweiz zu geben. Das Konzept geht auf. 1999 verzeichnete das «Terrace» 34'000 indische Übernachtungen. Bereits hält Kuoni, die mit ihren indischen Töchtern SOTC und Sita Travels rund 60 Prozent der indischen Gruppenreisen abdeckt, im Berner Oberland und im Wallis nach neuen Standorten für ähnliche Hotelprojekte Ausschau.

Anzeige

Deshalb versteht Hoteldirektor Huber die Skepsis seiner Berufskollegen gegenüber den indischen Gästen nicht. Zwar habe man anfangs etwas herablassende Umgangsformen der Gäste beobachtet. «Die indische Oberschicht ist es nun mal gewohnt, bedient zu werden.» Manchmal seien sie auch etwas laut, oder sie wollten alle etwas gleichzeitig. Aber dann könne man sie freundlich darauf hinweisen und sie bitten, sich in die Reihe zu stellen. «Sagen Sie das mal einem Deutschen…»

Inzwischen hat sich Huber völlig seinen Gästen angepasst. Wer an der Bar einen Schnaps trinkt oder zwei, kann den Preis aushandeln. «Feilschen liegt ihnen eben im Blut», weiss der Direktor und zuckt mit den Schultern. Seine Angestellten wissen schon, wie weit sie runtergehen dürfen.

Einige Geschäfte im Dorf bekunden damit mehr Mühe. «Manche wollen sich partout nicht auf das Feilschen einlassen», sagt Huber. «Die merken nicht, dass ihnen mit ihrer sturen Haltung manch einträgliches Geschäft durch die Latten geht.»

Anzeige

Bereits ganz auf indische Gäste eingestellt haben sich hingegen die Titlisbahnen. Zu den Hinweistafeln in Englisch und Japanisch haben sich auch welche in Hindi gesellt, und den Sessellift auf dem Gipfel über dem Gletscher verkaufen die Bahnen den asiatischen Gästen als besondere Attraktion: «Ice-Flyer – geniessen Sie die absolut einmalige Fahrt über die spektakuläre Welt des Titlis-Gletschers.»

«Wunderschön. Und diese Sicht.» Manish Kirpalani ist begeistert. Stundenlang könnte er hoch- und runterfahren. Wenn sich die Inder im Vierersässeli kreuzen, gibts ein grosses Hallo. «Picture, picture.» Klick, klick. Manish Kirpalani grinst. Auch der Titlis wird in seinem Reiseprospekt landen. «Very biutifuuul!»