Beobachter: Aus der Arbeitswelt hören wir täglich Negativmeldungen. Verunsichert die Wirtschaftskrise die Schweizerinnen und Schweizer?
Ueli Mäder: Bei einem Teil der Bevölkerung hat die Verunsicherung in den letzten Monaten sicher deutlich zugenommen. Bisherige Gewissheiten sind aufgebrochen, wie etwa der Glaube, dass es immer besser und immer weiter aufwärts geht.

Beobachter: Wie reagiert der Einzelne auf diese Verunsicherung?
Mäder: Ganz unterschiedlich. Leute, die über wenig Ressourcen verfügen – sei es in Form von Geld, Beziehungen oder Wissen –, kommen mit dem Bröckeln dieser Sicherheiten weniger gut klar und reagieren eher angstbesetzt. Wer hingegen in der Gewissheit aufgewachsen ist, dass immer irgendwo ein Türchen aufgeht, kann auf Krisen viel gelassener reagieren.

Beobachter: In anderen europäischen Ländern, in Frankreich beispielsweise, gehen die Leute auf die Strasse, streiken und besetzen Fabriken. Wie steht es aus Ihrer Sicht um den Arbeitsfrieden in der Schweiz?
Mäder: Im internationalen Vergleich steht die Schweiz gut da, die soziale Sicherung ist insgesamt immer noch relativ gut, was mit ein stabilisierender Faktor ist. Aber ich bin nicht sicher, ob dies auf ewig so bleibt. Noch vor zehn Jahren fühlten sich viele Menschen in der untersten Einkommensklasse für ihre Situation selber verantwortlich. In unseren neueren Studien über Working Poor (2004) und Auswege aus der Sozialhilfe (2009) zeigt sich, dass sich die Resignation teilweise in eine Empörung verkehrt. Die Leute finden es zum Beispiel nicht in Ordnung, dass die Tochter keine Lehrstelle findet, obschon sie gute Noten heimgebracht hat – und die Wirtschaftsbosse gleichzeitig kräftig absahnen. Das Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit nimmt zu, das könnte auch Einbrüche beim Arbeitsfrieden zur Folge haben.

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Beobachter: In der Arbeitswelt wird immer mehr Flexibilität verlangt. Welche Folgen hat das für das individuelle Sicherheitsgefühl?
Mäder: Heute muss der Einzelne permanent flexibel sein, alles muss effizient sein, optimiert werden, schneller gehen. Bis vor wenigen Jahren haben die meisten Angestellten noch davon profitiert, wenn sie flexibel waren und den Beruf wechselten. Heute verdienen viele weniger, wenn sie dies tun. Diese Flexibilisierung kann den Einzelnen unter Zugzwang bringen, prekäre Arbeiten anzunehmen und Sicherheiten aufzugeben. Damit erhöht sich die Gefahr, dass man an Gelassenheit einbüsst.

Beobachter: Es ist nicht einfach, in einer hektischen, von Krisen gebeutelten Zeit Gelassenheit zu bewahren.
Mäder: Dabei wäre mehr Gelassenheit gerade auch in der Wirtschaft vonnöten. Viele Manager glauben, sie müssten ständig vorwärtsstürmen, und zwar mit den Hörnern voran. Dabei wäre Besonnenheit oft die bessere Strategie. Ein bekannter Unternehmer sagte mir, er hätte viele Millionen nicht in den Sand gesetzt, wenn er sich bei Entscheiden mehr Zeit gelassen hätte. Übrigens ist es bezeichnend, dass Depressionen gerade bei den extrem Leistungsorientierten zunehmen – eine Krankheit, die in der Hektik eine Verlangsamung erzwingt.

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Beobachter: Der moderne Mensch setzt sich in der Freizeit gleich dem nächsten Stress aus – und sucht in Extremsportarten den Kick.
Mäder: Der Mensch sucht extreme Erfahrungen, um Grenzen zu spüren. Neugier ist eine positive Triebkraft. Wer Risiken eingeht, vergrössert im günstigen Fall seinen Erfahrungsreichtum, erweitert sein Bewusstsein. Dennoch schwingt bei diesem Verhalten etwas Kompensatorisches mit. Mit risikoreichem Verhalten kompensieren wir den Verlust von sinnlicher Erfahrung im Alltag.

Ueli Mäder, 58, ist Professor für Sozio­logie an der Universität Basel und alt Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät. Er lehrt auch an der Hochschule für Soziale Arbeit und ­leitet das Nachdiplomstudium «Konflikt­analysen und Konfliktbewältigung». Sein ­Forschungsschwerpunkt ist die soziale ­Ungleichheit. Mäder ist Autor von Werken wie «Gewalt: Ursachen, Formen, Prävention», «Für eine solidarische Gesellschaft» und «Reichtum in der Schweiz».

Ueli Mäder ist Vater von drei erwachsenen Kindern. Er hat bis 2001 Teilzeit gearbeitet und die Erziehungsarbeit mit seiner Frau ­geteilt. In seiner Freizeit spielt er aktiv ­Fussball und Handball.

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«Ich bin dieser aufkommenden Überwachungsmentalität gegenüber sehr skeptisch. Sie erinnert an die Phase der Fichierung.»

Quelle: Renate Wernli

Beobachter: Sie spielen Handball und Fussball. Brauchen Sie keinen Nervenkitzel?
Mäder: Ich bin auch schon im Spital aufgewacht. (Lacht.) Meine Sportarten bergen aber ein berechenbares Risiko.

Beobachter: Menschen in weniger qualifizierten Berufen verhalten sich in der Freizeit überdurchschnittlich riskant. Warum?
Mäder: Das kann ich nicht bestätigen. Ich kenne Leute aus der oberen Mittelschicht, die nach mehreren Gläsern Wein bedenkenlos ins Auto steigen und nach Hause fahren. Dass das klassische Rasertum in den einfachen Schichten ausgeprägter ist, mag sein.

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Beobachter: Was steckt hinter riskantem Verhalten?
Mäder: Man kann aus einer gewissen Sicherheit heraus etwas wagen, aber auch aus einer Verunsicherung heraus: um sich zu beweisen, dass es trotzdem geht.

Beobachter: Lässt sich sicheres Verhalten im Alltag fördern?
Mäder: Ja. Durch das Vermitteln einer vernunftorientierten Haltung. Im Sinne von: Ich setze mich nicht allen Risiken aus und ich gehe gewisse nicht ein, um die Chance zu erhöhen, das Zeitliche nicht vorzeitig segnen zu müssen.

Beobachter: Das Prinzip der Rationalität greift allerdings nicht immer. Gerade Ängste sind oft irrational begründet. Beispielsweise die Angst vor dem Fliegen - obschon die Autofahrt zum Flughafen im Grunde gefährlicher ist.
Mäder: Mit Statistiken kann man den Leuten die Angst tatsächlich nur ein Stück weit nehmen. Oft braucht es sinnliche Erfahrung statt nackte Zahlen. Ein Unternehmer sagte mir einmal, seit er Tixi, Behindertentaxi, fahre, sehe er die Welt anders. Das Wahrnehmen von anderen Realitäten kann einem dabei helfen, im Alltag nicht mehr so angstbesetzt zu reagieren.

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Beobachter: Schweizerinnen und Schweizer sind offenbar besonders ängstlich: Wir sind das bestversicherte Volk der Welt. Woher kommt unser ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit?
Mäder: Schauen Sie, es gibt immer eine Diskrepanz zwischen den objektiven Sicherheitsfaktoren und dem subjektiven Empfinden des Einzelnen. Jemand kann überversichert sein – und sich gleichzeitig doch nicht sicher fühlen.

Beobachter: Weil es eine 100-prozentige Sicherheit gar nicht gibt?
Mäder: Ja. Es gibt nach wie vor klare Risiken – den Tod beispielsweise. Aber auch die Gefahr von neuen Kriegen, AKW-Unfällen, von Umweltzerstörung oder Ressourcenknappheit. Anderseits, wenn wir an die Sicherheit im öffentlichen Raum denken, bei uns in der Schweiz beispielsweise, kommen auf 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner 20 schwere Gewalttaten. In Deutschland sind es bereits 50, in Frankreich 80, in Wales gar 150. Die Bedrohung wird dort aber nicht als grösser empfunden, sondern zum Teil sogar weniger stark als bei uns.

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Beobachter: Trotzdem wird der Ruf nach präventiven Massnahmen lauter, und die Zahl der Überwachungskameras wächst.
Mäder: Ich bin dieser aufkommenden Überwachungsmentalität gegenüber sehr skeptisch. Sie erinnert an die Phase der Fichierung, die eine präventive Sicherheit hätte schaffen sollen und de facto eine gefährliche Entmündigung mit sich gebracht hat. Wer überall Kameras aufstellt, erzieht die Menschen doch dazu, sich nur noch sozial zu verhalten, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist. Auch die polizeiliche Aufrüstung im Fussball ist eine Provokation. Sie entrückt die Beteiligten von der Selbstverantwortung.

Beobachter: Statt auf Kontrolle setzen Sie also auf die Selbstverantwortung der Menschen.
Mäder: Ich gehe immer noch davon aus, dass Menschen soziale, lernfähige Wesen sind, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie ernst genommen werden. Wenn alles an die Gesellschaft, an Polizei und Kameras delegiert wird, schwächt man auch die Selbstverantwortung und die Zivilcourage.

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Beobachter: In der liberalen Tradition unseres Landes ist das selbstverantwortliche Denken stark verankert. Sie sehen dennoch einen Grund zur Sorge?
Mäder: In den letzten Jahren ist der politische Liberalismus in der Schweiz teilweise zum engstirnigen, wirtschaftlichen Liberalismus verkommen, der das Individuum nicht mehr als mündig emanzipiertes Wesen anschaut. Stattdessen wird das Konzept der Ellbogen propagiert, das impliziert, dass wir von den vermeintlichen Niederlagen der Schwächeren profitieren. Wenn es in der Arbeitswelt enger wird, kann jemand durchaus vom Versagen eines Kollegen «profitieren». Das führt dazu, dass Werte wie Solidarität permanent unterwandert werden.

Beobachter: Nimmt das Gefühl von Sicherheit mit der materiellen Sicherheit zu? Anders gefragt: Fühlen sich Reiche sicherer?
Mäder: Nur beschränkt. Auch dort, wo Menschen materiell mehrfach abgesichert sind, sind enorme Ängste vorhanden. Das kenne ich aus Gesprächen mit Reichen, die wir im Zusammenhang mit unseren Studien geführt haben. Denn: Wer viel hat, kann auch viel verlieren. Zudem bringt der materielle Konsum nicht die erhoffte Befriedigung. Wir sollten uns immer wieder fragen: «Was brauche ich wirklich, um zu einer grösseren Zufriedenheit zu kommen?»

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Beobachter: Philosophie als Rezept gegen die Unsicherheiten und Unwägbarkeiten des Lebens?
Mäder: Teilweise schon. Wer nur auf das fokussiert, was vor der Nasenspitze liegt, reagiert eher angstbesetzt. Darum sollten wir immer wieder unsere Scheuklappen lockern, den Blick in die Weite schweifen lassen, in den Sternenhimmel schauen und die philosophische Frage zulassen: «Wozu denn das alles?»