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Ueli Steck«Auf keinen Fall kann ich loslassen!»

Der Berner Extrembergsteiger Ueli Steck über das Aufgeben, die innere Stimme und das Kürzertreten, wenn man 40 wird.

«Erst denkt man, diese Wand schaffe ich nie»: 
Ueli Steck auf der Aiguille Blanche de Peuterey 
im Mont-Blanc-Massiv.
von

Beobachter: Was heisst Loslassen für Sie?
Ueli Steck: Aus Sicht eines Bergsteigers bedeutet Loslassen einen Sturz, etwas Unangenehmes, etwas, was man vermeiden will. Beim Klettern will man nicht loslassen, auf keinen Fall.

Beobachter: Belastet Sie das?
Steck: Gerade das Soloklettern gibt mir ex­trem viel. Erst denkt man, diese Wand schaffe ich nie, dann fängt man an zu trainieren und merkt, hier ist ein kleiner Griff und dort. Geht ja doch, ich kann das schaffen, allein. Danach muss man die Kletterroute durchziehen, und es muss alles perfekt funktionieren. Es gibt kein Retour, da lässt man nicht los. Es ist sehr befriedigend, die totale Kontrolle zu haben.

Beobachter: Und im «normalen» Leben?
Steck: Da ist Loslassen für mich kein Thema. Ich lebe völlig im Hier und Jetzt. Die Vergangenheit interessiert mich nicht, ich schaue vorwärts. Das kann manchmal auch negativ sein. Meine Frau sagt immer wieder, schau doch, was du schon alles gemacht hast, sei doch mal zufrieden. Für mich ist das, was war, irrelevant. Ich lebe zwar davon, in Vorträgen und Büchern davon zu erzählen, was ich geleistet habe. Aber für mich ist es etwas mühsam, darüber reden zu müssen.

Beobachter: Sie würden lieber von künftigen Projekten erzählen?
Steck: Ja, aber das geht ja nicht. Darüber kann ich noch keine Geschichten erzählen. Ich muss mir einfach sagen, dass das meine Arbeit ist und dazugehört. Dabei ist es das nächste Projekt, das nächste Training, das mich wirklich beschäftigt.

Beobachter: Am Berg gab es aber sicher Situationen, in denen Sie umkehren, das Ziel Gipfel­besteigung fallen lassen mussten?
Steck: Klar, aber das ist eine Frage der Zielsetzung. Als Sportler muss man prozessorientiert sein, sich an einzelnen Schritten messen, sonst wird man frustriert. In normalen Berufen scheitert man nie so oft wie im Sport. Klar, du willst auf den Gipfel. Du erreichst ihn aber oft nicht, weil deine Ziele sehr hoch gesteckt sind. Du lernst nie mehr, als wenn du umkehren musstest.

«Du lernst nie mehr, als wenn du umkehren musstest.»

Ueli Steck, Extrembergsteiger

Beobachter: Wann kehren Sie um?
Steck: Wenn die Verhältnisse nicht stimmen, das Wetter umschlägt. Oder aus körperlichen Gründen, wenn ich merke, dass ich es nicht packe. Die Entscheidung, ein Projekt abzubrechen, ist oft intuitiv, eine Gefühlssache. Wichtig ist für mich, dass ich im Nachhinein gut analysiere, was los war. Bei all meinen Expeditionen im Himalaya bin ich ­sicher bei der Hälfte gescheitert und nicht bis zum Gipfel gekommen.

Beobachter: Die innere Stimme ist also wichtig.
Steck: Unbedingt. Man muss aufs eigene Gefühl achten, darf sich nicht von aussen beeinflussen lassen. Diese Beeinflussung von aussen ist die grösste Gefahr im Bergsport.

Beobachter: Was meinen Sie mit «Beeinflussung von aussen»?
Steck: Erwartungshaltungen, Presse, Social Media. Davon muss man sich abgrenzen können.

Beobachter: Nach Ihrer Solobegehung der Südwand der Annapurna im Jahr 2013 sagten Sie, dass Sie so eine Besteigung heute nicht mehr machen würden.
Steck: Ich bin nicht gefeit vor äusseren Beeinflussungen, das ist mir klar. Die Annapurna war ein Schlüsselerlebnis. Wenn ich in diesem Stil weitermachen würde, käme es nicht gut, dann «chläpfts». Damals habe ich das Risiko akzeptiert und durchgezogen. Es war mir bewusst, dass ich sehr viel wage, aber es war mir egal. Im Nachhinein muss ich sagen, das war ein Fehler. Denn die Chance, dass es schiefgeht, war sehr gross. Heute würde ich mehr Sicherheitsmaschen einbauen, es langsamer angehen.

Beobachter: Ihre Hauptbotschaft lautet also: Ich habe etwas Extremes geschafft, aber im Nachhinein gemerkt, dass es so nicht geht. Eine heilsame Lehre?
Steck: Vielleicht. Sobald man in die Berge geht, geht man ein Risiko ein, egal, wie schwierig der Berg ist. Das kann man nicht schönreden. Man macht es wegen des Erlebnisses. Ich sage immer: Jemand, der nicht akzeptiert, dass er einen Autounfall haben könnte, darf sich nicht in ein Auto setzen.

Beobachter: Sie sind jetzt 40 und wollen sich neu organisieren, da die Leistungsfähigkeit abnimmt. Woran merken Sie das?
Steck: Die Leute, die derzeit im Bergsport mega Gas geben, sind alle zwischen 25 und 35. Mit 40 kann ich nicht mehr gleich viel schaffen wie ein 25-Jähriger, das muss ich akzeptieren. Ich kann schon noch Peaks setzen, aber nicht mehr vier oder fünf pro Jahr, sondern vielleicht noch einen.

Beobachter: Kratzt das am Selbstbewusstsein?
Steck: Tja, was soll ich sagen? Ich bin ein ehrgeiziger Mensch, definiere mich stark über meine sportlichen Leistungen. 2009 und 2010 waren meine besten Jahre, das bringe ich heute nicht mehr. Anderes wird wichtiger. Ich habe mehr Zeit, mehr Ruhe. Ich vergleiche mich mit anderen Spitzensportlern. Die meisten in meinem Alter haben schon abgedankt. Kürzlich habe ich mit dem früheren Skirennfahrer Didier Cuche diskutiert; er ist meine Generation und seit drei Jahren weg vom Leistungssport. Das Leben ist spannend und geht weiter.

Beobachter: Was sind Ihre neuen Ziele?
Steck: Die nächsten paar Jahre werde ich weiterhin bergsteigen. Für den Frühling plane ich eine Everest-Lhotse-Traversierung. Was danach kommt, werde ich sehen. Vielleicht finde ich irgendwann auch die relativ einfache Besteigung des Kilimandscharo reizvoll.

Beobachter: Was sagt Ihre Frau dazu, dass Sie kürzertreten wollen?
Steck: Im Moment trete ich noch nicht kürzer. Aber für uns beide wird es einfacher, wenn wir uns mehr sehen und mehr Zeit zusammen haben.

Zur Person

Der Extrembergsteiger Ueli Steck, 40, ist in Langnau im Emmental aufgewachsen. Sein Lieblingsberg ist der Mönch, dessen Nordwand er 41-mal durchklettert hat. Er trainiert rund 1200 Stunden pro Jahr. Steck ist seit 2009 verheiratet. Er lebt in Ringgenberg bei Interlaken.

Seine besonderen alpinistischen Leistungen:
Erstbegehung der Nordwände des Mönchs in der Direttissima und des 8034 Meter hohen Gasherbrum II in Zentralasien. Der gelernte Zimmermann erhielt zweimal den «Piolet d’Or», die höchste alpinistische Auszeichnung. 2015 hat er in 62 Tagen alle 82 Viertausender der Alpen bestiegen.

Veröffentlicht am 05. Dezember 2016

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2 Kommentare

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Zumoberhaus Erich
Ich wünsche den Angehörigen mein herzliches Beileid. Schade ist dieser tolle Bergsteiger auf solch eine tragische Art und Weise abgestürzt. Erich Zumoberhaus

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Jörg Hanspeter
Ich bin kein Bergsteiger, aber "totale Kontrolle" ?

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