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AKW BeznauDruckbehälter: Dokumente manipuliert?

Offene Frage: Stützen sich Axpo-Verantwortliche auf manipulierte Dokumente? Bild: Pascal Mora

Um das AKW Beznau 1 wieder in Betrieb nehmen zu können, hat die Axpo mehrere tausend Seiten Dokumente des französischen Herstellers des Reaktordruckbehälters geprüft. Nun zeigt eine Untersuchung in Frankreich, dass diese möglicherweise manipuliert sind.

von Thomas Angeli

Es klang schon fast beruhigend, was die Verantwortlichen der Axpo am 3. Mai vor den Medien erklärten: Bei den Unregelmässigkeiten am Reaktordruckbehälter des AKWs Beznau 1 handle es sich nicht um die gefürchteten Wasserstoffflocken. Deshalb gebe es «keine sicherheitstechnischen Vorbehalte» gegen ein Wiederanfahren. Beznau 1 steht seit Sommer 2015 still. Bei einer Kontrolle des Reaktordruckbehälters waren über 900 Unregelmässigkeiten im Stahl entdeckt worden, die ein mögliches Sicherheitsrisiko darstellen.

Das sei alles halb so schlimm, beteuerten die Axpo-Verantwortlichen. Sie präsentierten die Resultate von neuen Ultraschallmessungen und erläuterten, wie sie mit betagten ehemaligen Mitarbeitern der französischen Schmiede Creusot Forge gesprochen hätten, die Mitte der 1960er Jahre den Reaktordruckbehälter hergestellt hatten. Zudem habe man die mehrere tausend Seiten umfassende Herstellungsdokumentation des Reaktordruckbehälters geprüft. Dabei habe man lediglich ein Messresultat gefunden, das auf eine Unregelmässigkeit hinweise.

Beim Hersteller wurde getrickst

Was nicht in den Medienunterlagen der Axpo steht: Ein paar Tage zuvor war in Frankreich aufgeflogen, dass ausgerechnet bei Creusot Forge in grösserem Massstab Herstellungsdokumentationen gefälscht worden waren, und dies vermutlich schon seit über 50 Jahren. Die französische Atomaufsicht Autorité de sûreté nucléaire geht davon aus, dass bei den Herstellungskontrollen von rund 400 bei Creusot Forge gefertigten AKW-Bestandteilen Daten manipuliert wurden. Dabei handelt es sich gemäss der französischen Atomaufsicht um «Inkohärenzen, Modifikationen und Auslassungen in den Fabrikationsunterlagen».

Die Sache war aufgeflogen, nachdem man beim Bau des AKWs in Flamanville «sehr ernste Anomalien» entdeckt hatte. Der französische Atomkonzern Areva, zu dem Creusot Forge gehört, hat nun bis Ende Mai Zeit, der ASN eine Liste der manipulierten Dokumentationen auszuhändigen.

Ob der Reaktordruckbehälter von Beznau 1 auch auf dieser Liste stehen wird, ist derzeit unklar. Beim Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi hat man Informationen von der französischen Aufsicht erhalten. Allerdings sei man dank den Ultraschalluntersuchungen «auf dem aktuellen Stand», und die Herstellungsdokumentation sei deshalb «sekundär», erklärt Ensi-Sprecher David Suchet.

Die Axpo schweigt

Axpo-Mediensprecher Antonio Sommavilla lässt konkrete Fragen zu Creusot Forge unbeantwortet und erklärt lediglich, die Axpo habe bei Areva «bereits Informationen zu den Meldungen aus Frankreich angefordert».

Für Florian Kasser, Atomkampagnenleiter bei der Umweltorganisation Greenpeace, lässt sich die Sache jedoch nicht einfach so abtun: «Aufgrund der jetzt bekanntgewordenen Manipulationen bei Creusot Forge kann man nicht ausschliessen, dass bei der Herstellung des  Reaktordruckbehälters in den 1960er Jahren gepfuscht wurde und man dann die Resultate der Kontrollmessungen manipuliert hat. Oder aber die Unregelmässigkeiten entstanden durch den Betrieb. Das wäre auch nicht wirklich beruhigend.» Greenpeace fordert die Axpo nun auf, an einem öffentlichen Hearing zur Sicherheit von Beznau Stellung zu nehmen.

Das AKW Beznau 1 dürfte so oder so noch längere Zeit stillstehen. Bis das Ensi die von der Axpo eingereichten Nachweise für die Unbedenklichkeit der Unregelmässigkeiten geprüft hat, werden mehrere Monate vergehen.

Wurde in den 1960er Jahren von der französischen Schmiede Creusot Forge hergestellt: der Reaktordruckbehälter von...
Veröffentlicht am 2016 M05 13