Nach bedeutenden Ereignissen, die auf der internationalen Störfall-Bewertungsskala INES der Stufe 2 oder höher zugeordnet sind, muss die Sicherheit aller Atomkraftwerke neu überprüft werden, insbesondere in Bezug auf die Ausserbetriebnahmekriterien, wie das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) in einer Mitteilung schreibt. Auch müsse untersucht werden, welche Lehren für die Schweiz gezogen werden müssen und ob kurz- oder mittelfristige Massnahmen in der Schweiz zu treffen sind.

In der Schweiz ist die Gefährdung durch Naturereignisse in den letzten Jahren nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen neu beurteilt worden: Sie liegt im weltweiten Vergleich auf einem niedrigen bis mittleren Niveau. Extremereignisse, die mit der Situation von Fukushima vergleichbar sind, treten in der Schweiz sehr selten auf. Die Sicherheit der Atomkraftwerke in der Schweiz werde deshalb durch die neuen Erkenntnisse aus Japan nicht grundsätzlich in Frage gestellt, wie das Ensi schreibt. Die Kraftwerke müssen jedoch bis zum 31. August darlegen, wie sie die Mängel beheben werden.

Das Vorgehen ist dreistufig, wobei drei Hauptfragen zu beantworten sind:

  • Droht eine unmittelbare Gefahr?
  • Sind Kriterien erfüllt, welche eine vorläufige Ausserbetriebnahme des Kernkraftwerks nötig machen?
  • Sind Massnahmen zur Verbesserung der Sicherheit notwendig?


Insgesamt fordert das Ensi von den Betreibern drei Nachweise, die gestaffelt einzureichen sind:

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  • Nachweis der Beherrschung des 10'000-jährlichen Hochwassers bis zum 30. Juni 2011.
  • Nachweis der Beherrschung des 10'000-jährlichen Erdbebens bis zum 31. März 2012.
  • Nachweis der Beherrschung der Kombination von Erdbeben und erdbebenbedingtem Versagen der Stauanlagen im Einflussbereich des AKW bis zum 31. März 2012.

Ausserbetriebnahme - wann?

Die Betreiber müssen bis zu den genannten Daten nachweisen, dass ein Schadensfall mit erhöhter Strahlenbelastung ausgeschlossen werden kann. Wenn nicht, wird das Ensi die vorläufige Ausserbetriebnahme des entsprechenden Kraftwerks verfügen. Allfällige Nachrüstmassnahmen wären umzusetzen, während das Kernkraftwerk abgeschaltet ist.

Im Rahmen dieser Analyse sind die nötigen Massnahmen zur Erhöhung der Sicherheit abzuleiten und umzusetzen. Diese Arbeiten werden voraussichtlich mehrere Jahre dauern und können vorgenommen werden, während das Kraftwerk in Betrieb ist.

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Als erste Sofortmassnahme im Bereich des Notfallmanagements hat das Ensi schon am 18. März angeordnet, dass jedes Atomkraftwerk zur Bekämpfung von schweren Unfällen bis zum 1. Juni 2011 Zugang zu einem externen Lager haben muss, in dem zusätzliche Sicherheitsausrüstungen bereitstehen. In der Verfügung vom 18. März hat das Ensi die Bewilligungsinhaber darüber hinaus aufgefordert, die Kühlwasserversorgung, die Brennelementlagerbecken und die Brennelementlagerbeckenkühlung aufgrund der Erkenntnisse von Fukushima bis zum 31. März 2011 neu zu prüfen.

Erste Resultate der Überprüfungen

Die Betreiber haben ihre Berichte termingerecht eingereicht. Das Ensi hat die Eingaben im April überprüft und die folgenden Schwachstellen identifiziert:

AKW Beznau: Das Erdbebenverhalten des Brennelementlagergebäudes ist verbesserungsbedürftig. Die Brennelementbeckenkühlung ist nicht genügend vor Erdbeben und Überflutung geschützt. Die Notfallmassnahmen zur Wiederherstellung der Kühlung nach Erdbeben oder Überflutung sind unvollständig.

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AKW Gösgen: Der Füllstand und die Temperatur des Brennelementlagerbeckens werden im Hauptkommandoraum angezeigt, nicht aber im Notstandleitstand.

AKW Leibstadt: Der Füllstand und die Temperatur des Brennelementlagerbeckens werden im Hauptkommandoraum angezeigt, aber nicht störfallfest. Im Notstandleitstand werden diese Messwerte nicht angezeigt.

AKW Mühleberg: Die Kühlmittelversorgung für das Notstandsystem weist keine Alternative zur Kühlwasserentnahme aus der Aare auf. Die Brennelementbeckenkühlung ist nicht genügend vor Erdbeben und Überflutung geschützt. Die Notfallmassnahmen zur Wiederherstellung der Kühlung nach Erdbeben oder Überflutung sind unvollständig.

Diese festgestellten Mängel stellen gemäss Ensi keine unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung dar und erfordern deshalb keine vorläufige Ausserbetriebnahme. Verbesserungsmassnahmen zur Behebung dieser Mängel sind bis zum 31. August 2011 einzureichen.

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Infolge der Erkenntnisse aus den ersten Berichten der Betreiber hat das Ensi am 5. Mai 2011 eine weitere Verfügung erlassen: Darin verlangt die Aufsichtsbehörde von allen Atomkraftwerken Massnahmenvorschläge zur Behebung der genannten Schwachstellen sowie zusätzliche Nachweise zur Erdbeben- und Hochwassersicherheit der Brennelementlagerbecken und zum Schutz der Brennelementlagerbecken vor Wasserstoffexplosionen.

Aufgrund der beobachteten Schwierigkeiten in Japan empfiehlt das Ensi zudem den zuständigen Bundesbehörden dafür zu sorgen, dass bei schweren Unfällen künftig spezialisierte Einheiten mit ihrem Personal und Material schnell zur Unterstützung der Betriebsmannschaft beigezogen werden können. (Ensi)

Weitere Infos

Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi: www.ensi.ch

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