Die sechs Männer, die in der Halle stehen, haben genau auf diesen Moment gewartet. Um ihren Auftrag erfüllen zu können, muss das Gebäude zuerst menschenleer und dunkel sein. Und an diesem späten Maiabend liegt das Hauptgebäude der Universität Zürich verlassen da. Einzig in den Treppenhäusern zeigen Signalisationen den Fluchtweg, und der eine oder andere Schaukasten ist beleuchtet, beim Eingang flackert ein einsamer PC-Bildschirm.

Die Männer horchen auf das kleinste Summen. Sie achten auf jedes Lämpchen. Sie machen sich Notizen, lesen Stromzähler ab und machen Fotos mit einer Wärmebildkamera. Der Zürcher Energiefachmann Conrad U. Brunner und Kollegen sind auf der Pirsch nach dem BoN, dem «Betrieb ohne Nutzung»: Sie suchen nach Apparaten, die laufen, obwohl sie nicht benötigt werden. Aufgrund von Tests und Berechnungen im Zürcher Uni-Hauptgebäude sowie an Dienstleistungsgebäuden in Thun schätzt Brunner den jährlichen BoN-Verbrauch der Schweiz auf rund fünf Milliarden Kilowattstunden. Das entspricht etwa acht Prozent des Schweizer Stromverbrauchs - oder knapp der doppelten Jahresproduktion des AKWs Mühleberg. «Da liegt ein riesiges Potential brach, das bisher einfach noch nicht erkannt wurde», schwärmt Brunner.

Quelle: Rainer Sturm, pixelio.de

Fast unerschöpfliche SparmöglichkeitenEs ist viel von «Potentialen» die Rede, seit man in der Schweiz über eine angebliche Versorgungslücke und die Notwendigkeit eines neuen AKWs diskutiert. In einer Studie im Auftrag des Bundesamts für Energie von 2007 schätzt das Beratungsunternehmen Infras, dass allein in Schweizer Haushalten mit effizienteren Geräten und einem bewussteren Umgang mit Strom rund 6,7 Milliarden Kilowattstunden eingespart werden könnten. Das ist ein Drittel des gesamten Stromverbrauchs von Privaten. Noch nicht darin eingerechnet sind die rund 250000 stromfressenden Elektroheizungen aus den siebziger und achtziger Jahren. Würden sie durch Wärmepumpen ersetzt, könnten nach Schätzungen der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz (SAFE) weitere 2,3 Milliarden Kilowattstunden gespart werden.

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Das Wort «sparen» hört Conrad U. Brunner jedoch nicht gern. Es riecht zu sehr nach Komforteinbusse, und eine solche ist seiner Ansicht nach nicht nötig. Er setzt auf die Strategie der Best Available Technology, kurz BAT: Konsumentinnen und Konsumenten sollen motiviert werden, bei der Beschaffung von Tiefkühltruhen, Computern oder Lampen jeweils das energieeffizienteste Gerät zu kaufen. Hinzu kommt: Geräte ganz ausschalten, statt im Stand-by-Modus zu belassen, alte Apparate rechtzeitig durch Modelle ersetzen, die weniger Strom verbrauchen, die Strassenbeleuchtung auf Effizienz trimmen, bei industriellen Anwendungen bessere Motoren einsetzen - die Liste lässt sich fast beliebig verlängern und führt zu einem weitherum akzeptierten Schluss: Ein Grossteil der Elektrizität, die wir konsumieren, verpufft wirkungslos. Privathaushalte, Industrie und öffentliche Betriebe zusammen könnten nach Brunners Schätzungen etwa 18 Milliarden Kilowattstunden einsparen, ohne negative Folgen hinnehmen zu müssen. Das entspricht knapp einem Drittel des heute verbrauchten Stroms oder zwei Dritteln der in der Schweiz mit Atomkraft produzierten Energie. Ein Blick in die Elektrizitätsstatistik zeigt zudem, dass die Einsparung auch in finanzieller Hinsicht interessant wäre: 2006 bezahlten die Endverbraucher rund 8,5 Milliarden Franken für Elektrizität.

 

Die Top Ten der EnergiesparmöglichkeitenDank fortschrittlicher Technik kann in manchen Bereichen mehr als die Hälfte des effektiven Verbrauchs eingespart werden.
  Verbrauch in GWh* Sparpotential**
Industriemotoren 15'471
3868 RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
Beleuchtung Haushalte/Nichthaushalte 7501
3364 RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
konventionelle Elektroheitzungen 3358
2350 RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
Warmwasser Elektroboiler 2464
1232 RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
Haustechnik: Umwälzpumpen 1719
1031 RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
Haushaltgeräte in der Küche 3782
945 RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
Ventilatoren, Klimaanlagen 2865
860 RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
gewerbliche Anwendungen 2447
734 RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
Büro, EDV, Heimbüro 2001
600 RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
Haushaltgeräte für Wäsche 1891
567 RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
* Elektrizitätsverbrauch 2005 in der Schweiz in Gigawattstunden
** Sparpotential mit bester Technik in Gigawattstunden
Quelle: Schweizerische Agentur für Energieeffizienz


 

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Wandel kommt nur schleppend

Sparpotentiale sind jedoch bloss die eine Seite. Allzu oft scheitert die Umsetzung schlicht an der Realität und der Bequemlichkeit derjenigen, die sie realisieren sollten: der Konsumentinnen und Konsumenten. Die Kernfragen einer grünen Energiepolitik, die ohne Atomkraft auskommen will, lauten deshalb: Wie wird aus dem Potential eine effektive und vor allem substantielle Einsparung? Und wie schnell kann sie realisiert werden? Die Antwort darauf ist relativ ernüchternd.

Beispiel Kühlschränke: Die Auswahl an Geräten der Energieeffizienzklasse A++ ist in den letzten Jahren stetig gewachsen, und sie sind nicht viel teurer als die stromfressenden Geräte. Die durchschnittliche Lebensdauer eines Kühlschranks liegt jedoch bei 10 bis 15 Jahren, und so lange dürfte es dauern, bis der gesamte Bestand an Kühlschränken einmal ausgewechselt wurde - ohne Garantie, dass die alten Geräte dann auch tatsächlich durch die energieeffizientesten ersetzt werden.

Noch länger dauert es bei den Gebäudesanierungen, bei denen das energetische Sparpotential riesig ist: 20 bis 50 Jahre dauert es, bis der Schweizer Gebäudepark einmal erneuert ist.

Conrad U. Brunner hat auf die Frage nach dem Potential und seiner Realisierung ein amerikanisches Sprichwort parat: «You can take the horse to the water, but can you make it drink? - Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber bringt man es auch zum Trinken?» Anders ausgedrückt: Ohne Zwang wird sich nicht allzu viel bewegen.

Dabei müssten substantielle Einsparungen auch im Interesse der Stromversorger sein, wie Conrad U. Brunner betont: «Alle Studien zeigen immer wieder das Gleiche: Eine Senkung der Nachfrage ist billiger als eine Steigerung des Angebots.» Will heissen: Wenn Elektrizitätsunternehmen aktiv dafür sorgen, dass ihre Kundschaft weniger Strom konsumiert, profitieren sie selber davon, weil etwa Kosten für teure Produktions- und Infrastrukturanlagen wenigstens teilweise entfallen.

Von einem echten Interesse an Effizienz- und Sparmassnahmen ist jedoch bei den Schweizer Stromversorgern wenig zu spüren. In einer Studie aus dem Jahr 2007 stellt das Bundesamt für Energie (BFE) fest, dass sich die meisten Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) «im Bereich der Energieeffizienz eher passiv» verhalten. Eine im Sommer vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) durchgeführte Umfrage bei seinen Mitgliedern bestätigt die Aussage: Massnahmen für einen sparsameren Umgang mit Strom sind bei den Anbietern nicht sehr hoch im Kurs. Zwar informieren zwei Drittel der EVU ihre Kundschaft mit Broschüren und Internetauftritten über Effizienzmassnahmen, und knapp die Hälfte der teilnehmenden Unternehmen betreibt in dieser Hinsicht nach eigenen Angaben auch aktive Öffentlichkeitsarbeit. Sobald es jedoch ans Portemonnaie geht, ist es mit der Unterstützung nicht mehr weit her: Nur ein Viertel der befragten EVU unterstützt die Kunden mit einem finanziellen Zustupf bei der Anschaffung von energieeffizienten Haushaltsgeräten. Und sogar nur rund 20 Prozent unterstützen mit Beiträgen Hausbesitzer, die ihr Wasser statt mit Strom mit der Sonne erwärmen wollen.
 

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Wenig konkrete Unterstützung beim EnergiesparenStromunternehmen beschränken sich mehrheitlich auf Beratung.
Energieversorgungsunternehmen (EVU) mit Angeboten, in Prozent*
   
Information / Beratung  
Informationsmaterial
64% RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
Beratung, Verbrauchsmessung
39% RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
   
Konkrete Fördermassnahmen  
Förderung ...  
von Wärmepumpen
26% RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
von effizienten Haushaltsger.
25% RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
solarer Warmwasseraufber.
22% RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
bei Umrüstung Elektroheizung
12% RTEmagicC_9f7d9d004d.gif.gif
*Die zu 100 fehlenden Prozente fallen unter «Angebot in Planung oder kein Angebot».

Quelle: Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen
(Befragung von rund 100 EVU); Infografik: Beobachter


Der Energiekonzern BKW beispielsweise warb bis vor kurzem mit Gutscheinen für die verbilligte Anschaffung von Kühlgeräten. Wer seinen alten Kühlschrank durch ein Gerät der Effizienzklasse A++ ersetzte, konnte bei der BKW einen Gutschein über 200 Franken beziehen. Die Aktion, an der auch Partnerunternehmen der BKW teilnahmen, war aber auf 6000 Gutscheine beschränkt - und dies bei einem Versorgungsgebiet, das eine Million Menschen umfasst. Eingelöst wurden bislang erst 3000 Gutscheine. Die ganze Aktion dürfte den Stromgrossverteiler somit nur einen sechsstelligen Betrag kosten.

Die Hoffnungen, dass Stromversorger, Wirtschaft und Konsumenten die Kurve in Richtung Energieeffizienz doch noch kriegen, ruhen zurzeit auf dem Bundesrat. Mit dem revidierten Energiegesetz hat er die Kompetenz, gewisse Massnahmen für eine Verbesserung der Energieeffizienz zu verordnen, und wird dies voraussichtlich noch dieses Jahr tun. Das Bundesamt für Energie hat der Regierung einen ganzen Strauss von möglichen Massnahmen präsentiert. Im Zentrum stehen dabei Vorschriften für Mindestanforderungen an elektrische Haushaltsgeräte, Motoren und an die Beleuchtung. Von einem Sparpotential der Kilowattstunden in zweistelliger Milliardenhöhe, wie es selbst in BFE-Berichten auftaucht, ist dabei jedoch nicht die Rede. Vielmehr begnügen sich die im Entwurf des «Aktionsplans Energieeffizienz» formulierten Zielsetzungen damit, dass der Verbrauch zwischen 2010 und 2020 maximal um fünf Prozent zunehmen soll. Zudem sollen die Zuwachsraten ab spätestens 2015 laufend sinken.
 

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Deutschland ist der Schweiz weit voraus

Von einem Potential spricht auch Pius Hüsser. Genauer: von einem «Riesenpotential». Der Verwaltungsratspräsident der Firma Edisun Power AG will jedoch nicht nur Energie einsparen, sondern diese mit Fotovoltaik-Anlagen produzieren - mangels investitionsfreundlicher Rahmenbedingungen hierzulande jedoch zukünftig primär in Frankreich, Spanien und Deutschland. Seit 1997 hat die Firma so Anlagen mit einer Leistung von knapp fünf Megawatt gebaut - das ist etwa ein Siebtel der in der Schweiz insgesamt installierten Leistung. Die Wachstumskurve der Zürcher Firma zeigt steil nach oben: Seit Ende September werden ihre Aktien an der Börse gehandelt.

Hüssers Rechnung: Die gesamte Dachfläche in der Schweiz beträgt rund 450 Millionen Quadratmeter. Etwa ein Drittel davon ist für die Montage von Fotovoltaik-Anlagen geeignet. Würden nun auf jedem dieser 150 Millionen Quadratmeter pro Jahr 150 Kilowattstunden Strom produziert, ergäbe das 22,5 Milliarden Kilowattstunden Solarstrom - mehr als ein Drittel des gesamten schweizerischen Elektrizitätsverbrauchs. Eine Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) aus dem Jahr 2002 kommt zu einem ähnlichen Schluss: 18,5 Milliarden Kilowattstunden liessen sich gemäss IEA-Schätzungen auf Dächern und an Fassaden in der Schweiz rein durch Sonnenkraft produzieren (siehe nachfolgende Box «Die Strombranche lästert»). Der Konjunktiv steht allerdings nicht zufällig: Hüsser rechnet selber mit rund 40 Jahren, bis diese Vision Tatsache wird.

Tatsache ist: In den vergangenen Jahren hat die Sonnenenergie massiv zugelegt. Laut einer Statistik des BFE nahm die installierte Leistung allein zwischen 2006 und 2007 um 16 Prozent, die produzierte Strommenge gar um 21 Prozent zu. Phantastische Zuwachsraten täuschen jedoch leicht darüber hinweg, dass die Schweiz weder ein Solarland noch ein Paradies für Betreiber von Windparks und Biomasseanlagen ist. Während in Deutschland diese «neuen» erneuerbaren Energien dank einer effektiven Einspeisevergütung mittlerweile 7,8 Prozent ausmachen, dümpelt ihr Anteil in der Schweiz immer noch bei 0,2 Prozent herum.

Dass sich das ändern muss, ist auch die feste Überzeugung von Reto Rigassi. 600 Millionen bis eine Milliarde Kilowattstunden könnten dereinst aus Windenergieanlagen stammen, hofft der Vertreter des Branchenverbands Suisse Eole. Das wäre eine Steigerung um bis zu 6200 Prozent, stammen doch heute erst 16 Millionen Kilowattstunden Strom von Windrädern. Realistisch sind für Rigassi in den nächsten vier bis fünf Jahren denn auch eher 150 bis 250 Millionen Kilowattstunden: «Wenn ein neues AKW gebaut wird und das Problem der Stromlücke damit scheinbar gelöst ist, ist zu befürchten, dass die Anstrengungen für die Förderung der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien wieder nachlassen. Auch die Windenergie würde dann wieder stagnieren.» Zum Vergleich: Im benachbarten deutschen Bundesland Baden-Württemberg - laut Rigassi «das Stiefkind in Sachen Windkraft in Deutschland» - werden jährlich rund 560 Millionen Kilowattstunden Elektrizität aus Windkraftanlagen produziert.

Die Prognose sei gewagt: Trotz hohen Zuwachsraten und viel brancheninternem Optimismus wird es jede Fotozelle, jedes Kilo Biomasse und jedes Windrad brauchen, um selbst das mässig ambitionierte Ziel zu erreichen, das die Politik gesetzt hat: 5,4 Milliarden Kilowattstunden Elektrizität aus erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2030. Die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV), die auf Anfang 2009 in Kraft tritt und den erneuerbaren Energien zum Durchbruch verhelfen soll, ist nämlich weniger ein grosser Schritt als ein minimaler, in zahlreichen Parlamentssitzungen errungener Kompromiss.

Insbesondere die Windenergie-Branche, die ihrer Ansicht nach zu tiefe Ansätze erhalten hat, und die Erbauer von Fotovoltaik-Anlagen laufen Sturm gegen die Regelung, Letztere wegen des sogenannten Deckels: Von den rund 320 Millionen Franken, die für die Förderung erneuerbarer Energien zur Verfügung stehen, kommen der solaren Stromerzeugung in einer ersten Phase höchstens 16 Millionen zugute. Die Überlegung hinter diesem Deckel: Man wollte mit möglichst wenig Geld möglichst viel Strom produzieren. Die Fotovoltaik mit einem Gestehungspreis von knapp 80 Rappen pro Kilowattstunde gilt als die teuerste Technologie. Dennoch ist das Interesse daran auch bei privaten Hausbesitzern riesig: Knapp 3000 Gesuche um eine Einspeisevergütung musste das BFE zurückstellen - für viele investitionswillige Hausbesitzer ein Riesenfrust. «Uns wird nach wie vor in Hunderten von Telefonaten und in überaus deutlichen Worten mitgeteilt, dass das Volk bei der Förderung der erneuerbaren Energien sehr wenig von homöopathischen Dosen hält», erklärte BFE-Direktor Walter Steinmann Mitte September an einer Tagung der Schweizerischen Energie-Stiftung.

Die überbelegten Telefonleitungen des BFE sind für Pius Hüsser keine Überraschung: «Der Deckel muss weg», so der Fotovoltaik-Unternehmer und Swissolar-Vizepräsident. «Noch in jedem Land, das einen solchen Deckel eingeführt hat, ist das Chaos ausgebrochen.» Der in Aussicht gestellte Batzen aus Bundesbern hat jedoch nicht nur bei privaten Hausbesitzern ein riesiges Interesse geweckt, sondern auch bei den grossen Stromversorgern. BKW-Vizedirektor Martin Pfisterer etwa spricht von «150 Projekten in unterschiedlichen Phasen», die die eigens gegründete Tochterfirma Sol-E Suisse zurzeit bearbeite. Und auch Axpo-Chef Heinz Karrer verweist stolz auf «mehr als 100» Projekte, die sein Unternehmen für die KEV angemeldet habe.
 

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Stromversorger wittern Gewinnchance

Bis 2030, so erklärte der Branchenverband Swisselectric im Frühling 2007, wolle man in erneuerbare Energien acht bis zehn Milliarden Franken investieren. Das Bekenntnis zu alternativen Formen der Stromerzeugung kam just zwei Wochen nach dem Parlamentsbeschluss über die kostendeckende Einspeisevergütung. Diese sorgt denn auch dafür, dass die Kosten, die die Stromversorger selber tragen müssen, nicht allzu hoch ausfallen. Werden bis 2030 bei der KEV Jahr für Jahr die erwarteten 320 Millionen Franken ausgeschüttet, kommt die stolze Summe von sieben Milliarden Franken zusammen - in etwa die Baukosten für ein neues AKW.Seitdem die KEV das finanzielle Risiko abzufedern verspricht und gar Gewinne locken, hat sich der Wind bei den grossen Stromversorgern gedreht. Noch vor knapp drei Jahren hatte BKW-Vize Martin Pfisterer in der Zeitschrift «Facts» gelästert: «Es wird wie in Deutschland sein: Bürgerinitiativen und Bauern stellen ein Windrad auf und kassieren ab.»

Die Strombranche lästert

 

Mangelnde Zivilcourage kann man Manfred Thumann nicht vorwerfen. Mitte September nutzte der CEO der Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) ausgerechnet eine Veranstaltung der links-grünen Schweizerischen Energie-Stiftung, um vor rund 350 Zuhörern seine Berechnungen über das theoretische Potential von Fotovoltaik auszubreiten. Sein Fazit: Theoretisch könnte Fotovoltaik in der Schweiz pro Jahr 5,3 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren. Damit lag Thumanns Resultat fast viermal tiefer als das Ergebnis einer Berechnung der Internationalen Energieagentur (siehe Grafik weiter oben) - aber voll auf der Argumentationslinie der Stromwirtschaft. Während die Befürworter erneuerbarer Energien zu (Zweck-)Optimismus neigen, nutzen Vertreter von Stromversorgern jede Gelegenheit, um auf deren beschränktes Potential hinzuweisen:

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  • BKW-Direktionspräsident Kurt Rohrbach erklärt an der Generalversammlung der BKW, der Beitrag der erneuerbaren Energien an die Stromversorgung werde «noch über Jahre im einstelligen Bereich bleiben».
  • In einem Kinospot mit Nati-Trainer Köbi Kuhn streikt die Solaruhr von Jasskollege Chlüppli. Der Spot zum Thema «Was leistet Solarenergie?» wird Anfang 2007 nach Protesten der Fotovoltaik-Branche gestoppt.
  • Auf energiedialog.ch publiziert die Axpo im August die Mitteilung: «Strom wird teurer.» Thema ist aber nicht der Beitrag von 0,9 Rappen pro Kilowattstunde, der wegen der Strommarktöffnung erhoben wird, sondern die 0,45 Rappen, die wegen der kostendeckenden Einspeisevergütung auf den Strompreis geschlagen werden.
  • An der Bilanzpressekonferenz der Atel im Frühjahr 2007 bezeichnet CEO Giovanni Leonardi das Potential erneuerbarer Energien als tauglich, «die Kommastellen hinter der Null» zu füllen.

Serie: Braucht die Schweiz ein neues AKW?

Dies ist der vierte Teil einer vierteiligen Serie mit Fakten und Argumenten zur Stromfrage.

Teil 1: Atomkraft: Ein strahlendes Comeback
Teil 2: Atomkraftwerke: Die Kosten werden schöngerechnet
Teil 3: Wasserkraft: Der Mythos der sauberen Energie

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