Beobachter: Der Ensi-Rat, also das Kontrollorgan des Nuklearsicherheitsinspektorats Ensi, hat von einer externen Stelle untersuchen lassen, wie unabhängig das Ensi von der Nagra ist. Der Bericht kommt zum Schluss, das Ensi sei unabhängig. Sehen Sie das auch so?
Jean-Pierre Méan
: Die Aufsicht der Nuklearindustrie ist eine heikle Sache, denn es handelt sich um eine sehr kleine Gemeinschaft von Spezialisten, die sich kennen. Es ist daher wahrscheinlich schwierig, unabhängige Experten zu finden. Es entspricht daher wohl der Natur der Sache, dass das Ensi zur Nagra, der Nationalen Genossenschaft zur Lagerung radioaktiver Abfälle, eine gewisse Nähe hat.

Beobachter: Dann ist es also normal, dass die Nagra als beaufsichtigte Stelle vor dem Versand der Protokolle der Aufsichtsbehörde kontrollieren kann, was drinsteht?
Méan
: Aus praktischer Sicht kann ich das verstehen. Als Protokollführer möchte man sichergehen, dass man bei komplizierten Themen alles richtig mitbekommen hat, und fragt deshalb nach. Aber in diesem konkreten Fall geht das nicht. Das Ensi hätte auf anderem Weg sicherstellen müssen, dass alles korrekt ist. Wenn jemand an einem Protokoll herumbastelt, spielen dessen Ansichten und Interessen immer eine gewisse Rolle, und sei es nur unbewusst.

Beobachter: Ein anderer Kritikpunkt betrifft eine wichtige Sitzung zwischen dem Ensi und der Nagra, über die kein Protokoll geführt wurde.
Méan
: Das geht sogar noch weniger. Sitzungen müssen protokolliert werden, damit Transparenz herrscht.

Beobachter: Das Ensi pflegt bewusst die Nähe zur Nagra und zu AKW-Betreibern. Wie beurteilen Sie diese Form der Aufsicht durch eine Behörde?
Méan
: Es gibt Fälle, wo das durchaus Sinn macht. Aber in diesem spezifischen Fall ist es gefährlich. Die Experten der Nagra werden immer mehr Fachwissen haben als diejenigen des Ensi. Und wenn man über ein Problem spricht, ist immer derjenige im Vorteil, der mehr Fachwissen hat und daher die Lösung beeinflussen kann.

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Beobachter: Das Ensi gilt jetzt offiziell als unabhängig. Wie aussagekräftig ist ein Bericht, in dem weder Namen noch Funktion der Aus­kunfts­­per­sonen genannt werden?
Méan
: Für die Evaluation des Berichts ist es natürlich eine Schwäche, wenn man nicht weiss, wer befragt wurde, und den Hintergrund der Auskunftspersonen nicht kennt. Das macht es schwierig, die Glaubwürdigkeit des Berichts einzuschätzen.