Daten sammeln, Theorien entwickeln – das ist wichtig bei der Erforschung des Klimawandels, aber das überlassen wir den Wissenschaftlern. Uns als Porträtfotografen geht es um die ­Menschen. Die Menschen, die bereits heute unter dem Klimawandel leiden, an den grossen Klima­konferenzen aber nie dabei sind. Ihnen wol­len wir eine Stimme geben. Deshalb das Pro­jekt «The Human Face of Climate Change» – «Das menschliche Gesicht des Klimawan­dels», deshalb sind wir zu ihnen gegangen.

Zum Kuhhirten Gouro Modi nach Mali, dessen Vieh verendet, weil kein Gras mehr wächst und die Wasserstellen ausgetrocknet sind. Zum Bauern Rinchen Wangail ins indische Ladakh, der seine Felder nicht mehr bestellen kann, weil der Gletscher fast verschwunden ist und im Sommer nun das Schmelzwasser zum Bewässern fehlt. Zum Winzer Miguel A. Torres nach Katalonien, der einige seiner Rebberge in höhere Lagen verlegen muss, weil die in den letzten 40 Jahren um ein Grad höhere Temperatur den Charakter des Weines verändert.

Die ersten Opfer des Klimawandels sind die Menschen, die eng mit und von der ­Natur leben. Sie tauchen nie in den Schlagzeilen auf. Man findet sie auch nicht mit den Mitteln des Google-Journalismus, wo jeder jedem abschreibt und am Schluss die immer gleichen Geschichten herauskommen. Deshalb mussten wir zuerst monatelang recherchieren, Organisationen kontak­tieren, bei Klimaforschern nachfragen.

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«Klimawandel? Vergesst es!»

Für die erste Etappe gingen wir nach Austra­lien: nach Deniliquin in New South Wales, wo es 13 Jahre lang nicht mehr geregnet hat. Dort steht die grösste Reismühle der südlichen Hemisphäre. Sie ist stillgelegt, weil das Wasser fehlt, um in der Gegend noch Reis anbauen zu können. Am zweiten Tag zeigte das Thermometer 47,2 Grad Celsius, so viel wie nie zuvor. Doch das Erste, was uns der Bürgermeister zur Begrüssung sagte, war: «Klimawandel? Vergesst es! Wir leiden nur unter einer extremen Dürre.» Das haben wir später immer wieder erlebt, diese Vogel-Strauss-Mentalität. Man will das Unvermeidliche um keinen Preis wahrhaben, auch wenn es die eigene Lebensgrundlage langsam zerstört.

Später, im Outback, trafen wir den Schafzüchter Ken Butcher, einen ehemaligen Agronomieprofessor. Er hat sich auf Dorperschafe spezialisiert – eine genügsame Rasse, die auch in Dürreregionen überlebt. Von seinen 2000 Schafen waren ihm 600 geblieben, 400 schrieb er gerade zum Verkauf aus. Ken war verzweifelt. Es wachse kein Gras mehr, die Wasserlöcher seien trocken. Wenn es in den nächsten zwölf Monaten nicht regne, müsse er aufgeben. «Manchmal sehe ich mir Bilder von früher an, damit ich nicht vergesse, wie grün und fruchtbar die Gegend hier war», erzählte er uns.

Familie Nazarjan, Sibirien, deren Haus im auftauenden Permafrostboden einsinkt

Quelle: Monika Fischer/Mathias Braschler

Tiger tötet Honigsammler

Am härtesten trifft der Klimawandel aber die Armen. Sie können nicht einfach weggehen. Sie müssen sich mit den veränder­ten Verhältnissen arrangieren. Wie der 50-jährige Awetik Oganesowitsch Nazarjan, der mit seiner Frau Ludmilla und Tochter Liana in Jakutsk im Osten Sibiriens lebt. Alles, was sie haben, ist ihr Haus, das langsam in den aufgetauten Permafrostboden versinkt. Man muss sich ducken, wenn man durch die Türen geht. Die Szenerie war magisch absurd. Die fünfjährige Liana, keine 1.20 Meter gross, sah wie eine Erwach­sene aus, ihr Vater wirkte wie ein Riese in einem Spielhaus. Das auf instabilem Grund stehende Haus verbiegt sich weiter. Vor zwei Jahren ist Awetik ein Stück Decke auf den Kopf gefallen. Er lag einen Monat mit einem Schädelbruch im Spital.

Der Klimawandel trifft die Leute anders, als man meint. Zum Beispiel Hosnaara Khatun im Süden Bangladeshs, das unter Überschwemmungen leidet. Der Meeresspiegel steigt weiter, und die Stürme werden immer häufiger. Auf der Insel Gabura, wo Hosnaara wohnt, kann man keinen Reis mehr anbauen, da die Böden total versalzt sind. Ihr Mann wusste nicht mehr, wie er seine Familie ernähren sollte. Deshalb zog es ihn wie viele andere in den Nationalpark, wo er illegal Honig sammelte und fischte. In den Sunderbans leben aber über 300 Tiger – und der Jäger wurde zum Gejagten, Hosnaara zur «Tiger-Witwe» – wie vor ihr viele Frauen im Dorf. Der Klimawandel schlägt immer wieder anders zu.

Solche Geschichten kann man nicht bloss mit Porträtbildern erzählen. Man muss mit den Menschen reden, ihnen zuhören. Deshalb nahmen wir uns vor jedem Shooting viel Zeit für das Gespräch. Erst dann bauten wir unsere Ausrüstung auf, was immer mit einigem Aufwand verbunden ist. Schliesslich wollten wir die Menschen so abbilden, wie man das sonst nur mit Berühmtheiten macht: leicht von unten und in einem glamourösen Licht, um sie mit einer gewissen Würde zu zeigen. Bis wir so weit waren, erregten wir natürlich Aufsehen. In Bangladesh zum Beispiel kam es zu einem regelrechten ­Menschenauflauf. Trotz unerträglicher Hitze sahen uns über 100 Menschen bei der Arbeit zu. Plötzlich waren wir die Attraktion.

Eine haarsträubende CO2-Bilanz

Acht Monate reisten wir um den Globus, besuchten 16 Länder. Wir legten 200'000 Flugkilometer zurück. Ein ökologischer Unsinn, unsere CO2-Bilanz ist eine Kata­strophe. Aber es geht nicht anders. Wir mussten zu den Opfern gehen, damit wir mit unseren Bildern den Menschen hier die Augen öffnen. Darum geht es ja: zeigen, dass der Klimawandel nichts Abstraktes ist, sondern Existenzen zerstört. Deshalb werden wir auch ohne schlechtes Gewissen nächstens nach Edinburgh fliegen, um ­unser Projekt dem schottischen Parlament vorzustellen. Wir können sensibilisieren. Mit der Klimapolitik vorwärtsmachen müssen dann aber die Politiker. Und unser Verhalten ändern müssen wir alle.

In den letzten Jahren waren wir ständig unterwegs. Unsere Projekte machen uns zu Nomaden. Natürlich waren wir froh, endlich nach Hause zu kommen. Wir freuten uns extrem auf Zürich. Hier ist es schön, ist alles unkompliziert und das Leben gemütlich. Und man muss nicht aus dem Koffer leben. Aber das ständige Nomadisieren macht süchtig. Und Zürich ist ja nicht die ganze Welt. Wir sind wieder am Punkt, an dem wir aufbrechen müssen.

Die beeindruckenden Bilder des Projekts «The Human Face of Climate Change» findet man unter «Affected» auf www.braschlerfischer.com.