Dass wir so wenig über die Psyche der Hühner wissen, hängt vermutlich mit Erich Rudolf Jaensch zusammen. Er war in der Zwischenkriegszeit einer der einflussreichsten Psychologen, und sein bevorzugtes Forschungsobjekt war das Haushuhn. Jaensch stellte eine Rassentheorie des Huhns auf, mit überlegenen Arierhühnern aus dem Norden. Er war ein eingefleischter Nazi.

Solche Irrungen sind zum Glück auf dem Misthaufen der Geschichte gelandet. Doch die Hühner gerieten für Jahrzehnte aus dem Blickfeld der Kognitionsforscher. Die inte­ressierten sich fortan mehr für Papageien, Krähen und Raben, die Intelligenzbestien unter den Vögeln. Es dauerte, bis die amerikanische Neurobiologin Lori Marino jetzt nachwies: Hühner sind gescheiter, als manche Pouletliebhaber es gern hätten.

Quelle: Holger Salach
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«Hühner sind gescheiter, als es manche Poulet-Liebhaber gerne hätten»

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Hühner vermögen einander auszutricksen und können sich die Flugbahn eines Balls drei Minuten lang merken. Sie wissen sogar, wie sie ihre Stellung in der Hackordnung verbessern können. Selbst Küken haben Persönlichkeit. Und erwachsene Tiere können mit über zwei Dutzend Lautäusserungen Artgenossen über Feind und Futter informieren.

So genau wusste das mein Kollege René Ammann nicht, als er den Thurgauer Biobauern Guido Leutenegger besuchte. Er wollte nur aufzeigen, dass man Hühner aufziehen kann, ohne dass ihr Fleisch allenfalls antibiotikaresistente Bakterien enthält. Was er aber zu hören und sehen bekam, liess ihm keine Ruhe. Er begann, für unsere Titel­geschichte zu recherchieren.

Weltweit werden pro Jahr 50 Milliarden Hühner geschlachtet, in der Schweiz gackern ständig neun Millionen. Die Aufzucht folgt rein industrieller Logik. Fast alle «Schweizer» Elterntiere kommen als Küken aus dem deutschen Cuxhafen und wachsen in Schweizer Brütereien tausendfach nach. Anders geht das nicht. Würde man sie mit einheimischen Tieren zur Fortpflanzung bringen, verlören sie ihre «guten» Gene. Sie würden langsamer wachsen und bräuchten mehr Bodenfläche. Dabei schaut die Schweiz beim Tierschutz genauer hin als andere Staaten.

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Umweltschonend ist Poulet nicht

Die Vorstellung, Poulet sei ökologisches Fleisch, vergessen wir besser. Es ist nur weniger umweltschädlich als andere Fleischsorten. Gemäss der Uni Wien fällt bei der Produktion eines Kilos Pouletfleisch so viel klimaschädigendes Kohlendioxid an wie für eine 31 Kilometer lange Autofahrt. Einheimisches Rind schneidet mit 111 Kilometern noch schlechter ab, Rind aus Brasilien ist mit 1600 Kilometern eigentlich untragbar. Und Kohlendioxid ist bei weitem nicht das einzige Problem.

Dass wir mit der Wahl unseres Essens etwas für die Umwelt tun können, ist eine Illusion. Im Zeitalter der Massenproduktion gibt es nicht Gut oder Böse, sondern nur weniger oder mehr umweltbelastend.

Aber immerhin: Diese Wahl haben wir. Jeder Einzelne von uns!

Zur Titelgeschichte

Poulet: Unser täglich Turbohuhn

Der Hunger nach Geflügel ist so gross, dass ihn nur noch Extremzüchtungen und Massen­haltung stillen können. Ein paar wenige Züchter trotzen dem Trend.

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Quelle: Getty Images

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Quelle: 123RF