Schweizerinnen und Schweizer stehen auf saubere Energie: 2002 hat sich der Bezug von Ökostrom gegenüber dem Vorjahr mehr als verdreifacht. Rund 90'000 Haushalte und Firmen schwören heute auf Alternativstrom aus Sonne, Wind und Wasser.

Ökologischer Spitzenreiter ist Strom der Sorte «naturemade star». Dieses Gütesiegel erhalten nur Solar-, Wind- und Wasserkraftanlagen, die strengste Umweltauflagen erfüllen. Vergeben wird das Zertifikat vom Verein für umweltgerechte Elektrizität (VUE), in dessen Vorstand neben Firmen aus der Stromindustrie auch die Umweltschutzorganisationen Pro Natura und WWF sitzen.

Für Irritation sorgt hingegen das optisch fast identische «naturemade-basic»-Label, das für alle Sorten von Wasserkraftstrom vergeben wird – auch für Energie aus Pumpspeicherkraftwerken. Noch vor wenigen Jahren galten diese als «Batterien für schmutzigen Kohle- und Atomstrom», und die Umweltverbände liefen Sturm gegen Ausbauprojekte – wie etwa jenes der Kraftwerke Oberhasli auf der Grimsel.

Heute vermarkten die Kraftwerke Oberhasli ihren «naturemade basic»-Strom keck als «sauberen Ökostrom» – was die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) auf die Barrikaden bringt. «Pumpspeicherstrom gehört in die gleiche Kategorie wie klimaschädliche Kohle- oder Gaskraftwerke», sagt SES-Geschäftsleiter Armin Braunwalder. «Den Grimselstrom als Ökostrom zu vermarkten ist ein Etikettenschwindel.»

Anzeige

Enorme Stromvernichtung jedes Jahr
Laut Angaben der Kraftwerke Oberhasli stammt ein Drittel der Jahresproduktion von rund 2400 Gigawattstunden (GWh) aus dem Pumpbetrieb. Pumpstrom wird vor allem in der Nacht aus dem europäischen Energiemix zugekauft, der grosse Mengen fossile Energie und Atomstrom enthält. Erstaunlicherweise berechnen die Kraftwerke Oberhasli auf ihrer Website die hohen CO2-Emissionen des Euro-Strommixes gleich selbst und kommen auf 520 Gramm pro Kilowattstunde (kWh). Umgerechnet auf die gesamte Produktion ergibt sich daraus eine durchschnittliche CO2-Belastung des Grimselstroms von 180 Gramm pro kWh.

Zudem frisst der Pumpbetrieb massiv Energie: Die Verluste betragen rund 30 Prozent. Bei den Kraftwerken Oberhasli ergibt das eine Stromvernichtung von 240 GWh Strom pro Jahr, was der 18fachen jährlichen Solarstromproduktion in der Schweiz entspricht. Trotzdem fördert das Unternehmen den Pumpstrom: Seit 2001 hat sich der Verbrauch verdoppelt.

Anzeige

«Wir haben nicht den Pumpstrom zertifiziert, sondern nur jenen Grimselstrom, der aus natürlichen Zuflüssen produziert wird», stellt VUE-Geschäftsleiterin Cornelia Brandes klar. Die von den Kraftwerken Oberhasli vertriebene «naturemade-basic»-Energie dürfe allenfalls als «erneuerbar, aber nicht als Ökostrom» bezeichnet werden.

Ein Fragezeichen hinter Brandes’ Argumentation setzt Beat Jans, Abteilungsleiter Politik bei der Pro Natura: «Die Trennung von Pumpstrom und übrigem Grimselstrom mag in der Theorie stimmen, aber in der Praxis, das heisst bei Marketing und Kontrolle, funktioniert das kaum.»

Immerhin: Die Kraftwerke Oberhasli nehmen die Kritik des VUE ernst. Der Begriff «Ökostrom» sei «vielleicht nicht ganz richtig», räumt Sprecher Ernst Baumberger ein – und verspricht Abhilfe: «Wir werden das ändern.»

Anzeige
Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.