Die Tierwelt Afrikas kennenlernen – davon träumten Judith Burri, 45, und Lorenz A. Fischer, 44, schon lange. 1998 zogen die beiden Biologen zum ersten Mal in Richtung Afrika los. Der schwarze Kontinent hat sie seither nicht mehr losgelassen. Insgesamt eineinhalb Jahre hat das Luzerner Paar in der Wildnis Afrikas gelebt, Tiere beobachtet und fotografiert. Seit ein paar Monaten sind sie aus Sambia zurück – dem wasserreichsten Land des südlichen Afrika mit den drei grossen Flüssen Sambesi, Kafue und Luangwa, mit atemberaubenden Landschaften und Naturparadiesen. Der Süd-Luangwa- und der Kafue-Nationalpark gehören zu den grössten und artenreichsten in Afrika.

Für einmal interessierte sie nicht die Trockenzeit. «Tiere, die sich in der ausgetrockneten Savanne um ein Wasserloch scharen – das hat man tausendfach gesehen», sagt Fischer, der für seine Naturfotografie mehrfach ausgezeichnet worden ist. Nein, die beiden wollten die Savanne des südlichen Afrika zeigen, wie man sie noch nicht gesehen hat: als grünes Paradies, das Pflanzen und Tiere im Überfluss schwelgen lässt. Ein ehrgeiziges Projekt. Denn in der Regenzeit, die in Sambia von November bis April dauert, werden die Böden schlammig, Strassen und Wege verschwinden im Morast, ganze Verbindungswege sind unterbrochen. «Das Land verwandelt sich in einen einzigen, grossen Sumpf», erzählen die beiden in ihrer Stadtwohnung mit Blick auf den Vierwaldstättersee. Das macht das Weiterkommen schwierig, oft gar unmöglich. Ihr Landrover blieb alle paar Meter stecken. «Das kann einen schon zur Verzweiflung treiben», sagt Fischer und lacht. Einmal mussten sie im Sumpf übernachten, weil sie das tonnenschwere Gefährt nicht rechtzeitig frei kriegten. Was sie in den nächsten Monaten erlebten, machte die Strapazen jedoch mehr als wett. «Die Regenzeit bringt die Magie Afrikas erst so richtig hervor», sagt Fischer.

Schon vor dem grossen Regen ereignet sich Erstaunliches: Zehntausende rot schillernde Karminspinte, eine Bienenfresser-Art, versammeln sich zur Brut und beginnen, an den Steilufern der Flüsse ihre Bruthöhlen zu bauen, mehrere Meter tief ins Erdreich hinein, damit die Eier vor Schlangen und Waranen geschützt sind. Burri und Fischer beobachten die Kolonie vom Fluss her, von einem Boot mit Tarnzelt aus, um die Tiere nicht zu stören. «Karminspinte sind auf die Steilufer unverbauter Flüsse angewiesen – in Sambia gibt es diese unverbauten Flüsse noch», sagt Judith Burri, die sich dem Umweltschutz verschrieben hat.

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Wenn dann, nach Monaten der Trockenheit, endlich der Regen kommt, wäscht er Sand, Staub und Dunst aus der Luft, der Himmel leuchtet tiefblau, es riecht nach feuchter Erde. Frisches Grün überzieht das Land, die Savanne verwandelt sich in eine Blumenwiese, Insekten schwärmen aus, Termiten verlassen ihre Bauten zum Hochzeitsflug, Frösche und Kröten erwachen aus dem Trockenschlaf, graben sich aus den Böden, erfüllen die Nächte mit ihren Werberufen. Wasser und Futter sind plötzlich im Überfluss vorhanden. Gnus, Zebras, Impalas, Pukus und Giraffen wandern zu den saftigsten Matten, Jungtiere staksen ihren Müttern auf unsicheren Beinen hinterher. Raubtiere wie Löwen und Leoparden, Wildhunde und Hyänen haben jetzt ein leichtes Spiel.

Gegen Ende der Regenzeit läuft die Natur dann zum grossen Showdown auf: Die grossen Schwemmebenen sind überflutet, die Gewässer voller Seerosen, Wasser scheint auf Himmel zu treffen. Pelikane, Nimmersatte und Kraniche versammeln sich zum grossen Fischgelage. Millionen Flughunde fallen über die reifenden Früchte, Feigen und Mangos, her. Natur und Tierwelt überbieten sich ständig mit neuen Spektakeln. «Ein Traum für jeden Fotografen», schwärmt Fischer.

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Der Liuwa-Plain-Nationalpark ist eines der ältesten Schutzgebiete der Welt; bereits 1880 wurde die Region vom König der Lozi zum geschützten Stammesgebiet erklärt. Der heutige Nationalpark umfasst 360'000 Hektar, das Kerngebiet über eine Million Hektar.

Doch nicht jedes Tier lässt sich bereitwillig ablichten. Die grosse Löwin im Liuwa-Plain-Nationalpark ist selbst mit einer Fotofalle nicht zu überlisten. Lady Liuwa, eine besonders grosse und zähe Löwin, ist die letzte ihrer Art; alle anderen Tiere des Rudels fielen Wilderern zum Opfer. Als Basis ihres Reviers hat sie sich das ehemalige Wildhüter-Camp ausgesucht. Nächtelang streicht das Raubtier ums Zelt der Schweizer. «Das tiefe Schnurren liess unseren Adrenalinspiegel rasant in die Höhe schnellen», erinnert sich Burri. Mensch und Tier sind sich so nahe, dass sie sich in die Augen sehen können, nur durch ein Moskitonetz getrennt. «Das muss man erst verkraften», sagt Fischer. In seiner Stimme schwingt Respekt mit. Die Löwin sei paarungsbereit gewesen, habe Gesellschaft gesucht, erklärt der Biologe das ungewöhnliche Verhalten der Grosskatze.

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Bei den Hyänen sind es Burri und Fischer, die Gesellschaft suchen: Sie schlagen ihr Lager in der Nähe des Clans auf. Nach ein paar Tagen haben sich die Tiere an die Zweibeiner gewöhnt, Jungtiere nähern sich ihnen neugierig, schnuppern an den Schuhen. Ungefährlich ist auch diese Begegnung nicht: Die Tüpfelhyäne ist das zweitmächtigste Raubtier der Savanne. Zu seiner bevorzugten Beute gehören Gnus, die lebendig in Stücke gerissen und samt Haut, Haaren und Knochen verschlungen werden.

Kein Grund zur Besorgnis für die beiden Biologen: Es sei eine schrittweise Annäherung gewesen. Aber natürlich bestehe im Umgang mit wilden Tieren immer ein Restrisiko. In diesem Fall hat es sich besonders ausgezahlt: Für ein Hyänenbild wurde Fischer als «Wildlife Photographer of the Year 2009» ausgezeichnet.

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Noch in den 1980er und 1990ier Jahren wurden Tiere in Sambia massiv gewildert, zehntausende ihres Fleisches und Elfenbeins wegen abgeschlachtet. In den letzten fünf Jahren hat sich die Tierwelt dank neuen Schutzbestrebungen weitgehend erholt, manche Arten wie die Gnus haben sich sogar vervielfacht. Denn die ursprünglichen Lebensräume sind noch vorhanden und weitgehend unberührt. «Es ist faszinierend, wie schnell sich die Natur regeneriert, wie sie Sprünge macht», sagt Fischer. Nashörner hingegen haben in Sambia nur in einem Gehege überlebt – von Elitetruppen rund um die Uhr bewacht.

Auch für Lady Liuwa besteht Hoffnung: Zwei Löwenmännchen aus dem Kafue-Nationalpark wurden in ihr Revier umgesiedelt. «Man will ihre Gene um jeden Preis erhalten», sagt Burri. Nicht nur Biologen, auch Lady-Liuwa-Fans in aller Welt hoffen auf Nachwuchs, seit ein Film von National Geographic auf ihr Schicksal aufmerksam gemacht hat. Die letzte Löwin ist längst zum Symbol für Widerstand und Hoffnung geworden. Der Hoffnung darauf, dass der Artenreichtum Afrikas erhalten bleibt.

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Lorenz A. Fischer, Jahrgang 1966, arbeitete nach dem Biologiestudium als Mittelschullehrer. 2005 machte er sein Hobby – das Fotografieren – zum Beruf. Seine Bilder wurden an internationalen Wettbewerben ausgezeichnet; 2006 erhielt er den Titel «Europäischer Naturfotograf des Jahres».

Judith Burri, Jahrgang 1965, Biologin und Publizistin, engagiert sich beruflich wie privat im Umweltschutz. Sie schreibt die Texte zu Fischers Bildern.

Im Januar und Februar 2011 sind Fischer und Burri mit ihrer neuen Multivisions-Show «Afrika. Die Magie des Sambesi» in der Schweiz unterwegs.
www.explora.ch

Buchtipps

Judith Burri, Lorenz A. Fischer: «Die Savanne erwacht. Wenn der Regen kommt in Afrika»; Verlag Frederking & Thaler, 2010, 200 Seiten, mit 150 Abbildungen, 70.90 CHF.

Judith Burri, Lorenz A. Fischer: «Kalahari – Wildes Afrika»; C. J. Bucher Verlag, 2007, 191 Seiten, 33.90 CHF.

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