«Steinschlag, rechts gehen!» Die Warnung ist ernst gemeint. Das Schild ragt aus einer Felswand in die schmale Strasse. Die Menschen im Berner Oberland begegnen den Launen der Berge mit Achtsamkeit – und Gottvertrauen. «Gott, beschütze dieses Haus und all, die hier gehen ein und aus», prangt über der Tür von Johann Innigers Haus. Inniger, 57, ist Bergbauer. Sein Hof steht auf dem Linter, hoch über dem Fluss Engstlige. Die Leute hier haben sich seit je dem Herrn anbefohlen, er möge sie vor Unheil hüten. Und wenn Johann dieser Tage seine schaffigen Hände zum Gebet faltet, bittet auch er, der Liebgott möge seinen Hof vor Unheil schützen.

Gefahr droht auch heute von oben, allerdings weniger von den Bergen als «von denen da oben» in Bern. Mehr als alle Naturgewalten waren es in den letzten Jahren behördliche Entscheide, die den Bergbauern zusetzten. In den beratenden Kommissionen wird derzeit die Weiterentwicklung der Direktzahlungen diskutiert (siehe nachfolgende Box «Direktzahlungen»). Johann Inniger fürchtet, Bergbauern wie ihm könnten künftig wichtige Beiträge entgehen, das magere Auskommen würde weiter ausgedünnt. Aber Gott allein wirds nicht richten, und so nimmt Johann Stift und Papier zur Hand und schreibt Briefe: an Bundesrätin Doris Leuthard oder Manfred Bötsch, den Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft.

«Wir werden nie wettbewerbsfähig sein»: Bergbauer Johann Inniger

Quelle: Tomas Wüthrich
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«Kühe lernen auch nicht fliegen»

«Es geht dabei nicht um mich», sagt Johann Inniger zum wiederholten Mal und wetzt die Sense. In sieben Jahren wird er pensioniert, und keiner seiner drei Söhne will den Hof weiterführen. «Zu viel Arbeit für zu wenig Geld, das sagen sie mir ins Gesicht.» Inniger sagts ohne Gram. Er reibt sich ein paar Schweisstropfen aus dem Schnauz. Er versteht seine Söhne. «Aber es ist einfach verrückt.» Was, wenn irgendwann gar keine Jungen mehr nachkommen? Die Klinge huscht durch die Halme, das Gras knickt büschelweise ein.

Die Antworten auf seine Briefe vermögen Inniger nicht zu beruhigen. Es dränge sich keine Erhöhung der Hangbeiträge auf, auch nicht für besonders steile Lagen, schreibt Bundesrätin Leuthard. Amtsdirektor Bötsch hält Johanns Bedenken immerhin für «nicht ganz unberechtigt». Man verspricht, sie «ernsthaft zu prüfen». Johann hadert. Sie sind bestimmt nicht boshaft, die Leute in den Schreibstuben zu Bern – aber wortreich und gleichmütig.

Mit den Direktzahlungen sollen nachhaltige und wettbewerbsfähige Betriebe unterstützt werden – «und», nicht «oder». Wettbewerbsfähig: «Das werden wir nie sein. Kühe lernen schliesslich auch nicht fliegen.» Inniger lässt die Sense über den Boden gleiten. Wären Berghöfe wettbewerbsfähig, bräuchten sie keine Direktzahlungen. Auch was er sonst über die Neuorganisation hört, erfüllt ihn mit Sorge. Etwa dass die Flächen- und Hangbeiträge «teilweise angepasst» werden sollen. Das könnte Abstriche bedeuten; es wäre nicht das erste Mal. Ausgerechnet die Hangbeiträge. Es sind doch genau die Hänge, die steilen Flanken im Engstligental, die ihn zum Bergbauern und seine Arbeit schwierig machen: «Dass wir dafür Beiträge bekommen, das versteht die Bevölkerung am besten.»

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Gemessen am Aufwand, den die Hangbewirtschaftung mit sich bringt, seien die Zahlungen heute schon ungenügend, schimpfen Bauernvertreter. In den Berner Amtsstuben liegen die Parzellenpläne eben flach auf Schreibtischen. Und so berechnen die Beamten auch die bewirtschaftete Fläche – horizontal. Mit der Neigung des bewirtschafteten Landes nimmt auch dessen Fläche zu. Gelände wie seinem kämen so schnell einmal 10, 15 Prozent Fläche hinzu, sagt Johann. Noch mehr Arbeit.
Dort, wo er an diesem Tag heut und emdet, beträgt die Hangneigung mehr als 35 Prozent. In den Bergen brauchts zudem mehr Futter, weil hier oben länger Schnee liegt. Sieben Monate versorgen Innigers ihre Tiere im Stall.

Quelle: Tomas Wüthrich

Erst schloss die Post, dann die Schule

«Wir können nicht viermal mehr Aufwand betreiben und zum gleichen Preis produzieren wie die unten im Flachland.» Johann Inniger bewirtschaftet 15 Hektaren, eigenes Land und etwas in Pacht. Beim Emden ums Haus brauchen seine Frau Esther und er zwei Tage für eine Hektare. Dennoch sollen die Beiträge für die «Haltung Raufutter verzehrender Nutztiere» und für die «Tierhaltung unter erschwerenden Produktionsbedingungen» künftig entfallen. So stehts im neuen Konzept der Landwirtschaftsbeamten. Da wirds einem wirklich ums Beten.

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«Ich will nicht jammern», sagt Inniger. Er beklage lediglich Tatsachen. Irgendwann müssten die oben in Bern doch ein Einsehen haben. Doch jeder von Johanns Tatsachen steht ein Fachbegriff entgegen. Öde Silbenhalden wie «Ressourceneffizienz», «strukturelle Begrenzungskriterien», «Zielbezug». Ziel der Direktzahlungen ist auch, die dezentrale Besiedelung zu fördern. Aber wenn Betriebe eingehen, verschwinden auch die Menschen. Jeder der verbliebenen fünf Bauern auf Innigers Schpees (Bergschulter zwischen zwei Bächen) bewirtschaftet vier oder fünf Heimetli. Zuerst schloss die Post, dann die Schule. «Das kann man nie mehr rückgängig machen.»

>«Ich bin ein glücklicher Mensch», sagt Johann. Er arbeite hart und viel, aber gerne. Seine Frau Esther zieht das angewelkte Gras mit dem Rechen zusammen. Ihre Waden sind in Form und Kraft die einer Ballettschülerin, trotz ihren 54 Jahren. «Ins ganz Steile steige ich am liebsten barfuss», sagt sie und spreizt ihre Zehen. Das gibt Halt. Ihre roten Bäckchen leuchten. Unermüdlich steigt sie mit dem Rechen den Hang hoch und runter. «Das Gras wird für die Silage zu trocken, es muss aus der Sonne.» Seine Frau unterstütze ihn sehr, sagt Johann Inniger. «Sie arbeitet wie ein Mann – und trotzdem steht mittags immer etwas Gutes auf dem Tisch.» Das grenze ein bisschen an Zauberei.

Eigentlich könnte man ja das Vieh hier weiden lassen. Aber dann bleiben in den steilen Matten junge Bäumchen stehen; Esche und Ahorn sind die ersten. Reisst der Bauer die Junghölzer nicht aus, vergandet die Weide nach und nach. «Ausserdem sieht es nicht sauber aus. Mähnutzung ist die beste Landschaftspflege», sagt Johann. Und deshalb mäht er auch den schmalen Grassaum am Strassenrand. Für die Optik, nicht wegen des Futterwerts. Nur am schattigen Steilstück zwischen Waldrand und Strasse lässt er etwas Gras einfaulen. Dafür erntet man hier oben schnell argwöhnische Blicke von Nachbarn oder von der älteren Generation – «das isch nid suber puret», heisst es dann. «Mich stört es auch, wenns nicht sauber ist», sagt Esther.

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Neue Generation: Roland Kurzen, 30, hat mit seiner Frau Therese und seinem Bruder vor zwei Jahren den Hof der Eltern übernommen.

Quelle: Tomas Wüthrich

Der umstrittene Berufsstolz

In dieser Haltung sehen nüchterne Beamte das Hauptproblem. Nicht dürftige Direktzahlungen hinderten die Bauern am Weiterkommen, sondern Traditionsverhaftung, sozialer Druck und – nicht zuletzt – Berufsstolz. «Als Wettkampfhandmäher lege ich Wert darauf, dass es einigermassen aussieht», sagt Johann Inniger. Ehrensache. Den Kranz holt er fast immer. Bei diesen Wettbewerben im Mähen mit der Sägesse gehe es auch darum, dass die Jungen das Handwerk nicht ganz verlernen. Der amtierende Europameister lebt hier im Tal. «Ich habe auch keine Mühe damit, als Landschaftsgärtner bezeichnet zu werden. Das ist nicht gschämig.» Beiträge für die Offenhaltung der Kulturlandschaft sind in den Direktzahlungen weiterhin vorgesehen. Und dass die Bergbauern mit der helvetischen Versorgungssicherheit nichts zu tun haben, ist kein Geheimnis.

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Eine Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft hat ergeben, dass sich ältere Menschen – und die Bewohner des Berggebiets – sehr mit dem sauber gepflegten Landschaftsbild identifizieren. Allerdings: Jüngere Schweizer bevorzugen eine eher wildere Landschaft mit etwas Busch- und Baumwuchs. Aber Inniger und die Seinen denken nicht daran, die Weiden, die ihre Vorfahren einst dem wuchernden Wald abtrotzten und von Steinen freiräumten, wieder preiszugeben. Tradition und Berufsstolz eben. «Ausserdem kann man nicht bei ein bisschen Verwildern bleiben, sonst ist es innert zehn Jahren wieder ganz verwaldet», sagt Johann. Und das gefällt gemäss Studie auch den Jungen nicht. Und was die potentiellen Feriengäste denken, ist wichtig für die Bergbauern: «Das sind wiederum Kunden für uns.» Die Innigers sind Selbstvermarkter, sie verkaufen Käse und Fleisch.
Abends fahren sie zu den Ställen auf der anderen Talseite. Esther lässt auf 1400 Meter die Gusti ein, Johann fährt zu den Kühen und Kälbern weiter oben am Hang. «Chumm, sä-sä-sä! Chumm Chueli, chumm.» Die Tiere trotten in den Stall. Kein Stock, der treibt, nur Innigers Singsang lockt. Johann führt die Kühe aufs Läger, bindet ihnen die Schwänze fest und hängt die Melkmaschine an. Danach setzt er sich zum jüngsten Kalb in die Box. Das Jungtier saugt an Innigers Hand und verteilt ungestüme Stösse mit dem Kopf. «Kontakt, das macht sie zahm», sagt Johann und krault dem Kalb die krause Stirn. Ohne Gewöhnung verwildert das Vieh, das wiederum erschwert die Arbeit. «Mit 60 Stück kann man keine persönliche Beziehung zum einzelnen Tier aufbauen.» Inniger hat 22 Tiere: Gusti, Kälber und Kühe. Bei aller Zuneigung, die er seinen Tieren entgegenbringt, bleiben sie letztlich ein Produkt – in Päckli zu zehn Kilo. «Der hier», sagt Inniger und tätschelt einem stämmigen Muni zärtlich den Nacken, «der hier geht im Oktober.» Es ist eine Eigenheit der Bauern, das Tier und dessen Nutzwert gleichermassen zu schätzen.

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Die persönliche Beziehung zu jedem einzelnen Tier ist ihnen wichtig – auch wenn es letztlich in «Päckli zu zehn Kilo» endet: Johann und Esther Inniger

Quelle: Tomas Wüthrich

Ohne Nebenjob gehts nicht

Johann sagt von sich, er sei ein «unternehmerischer Bauer». Neben der Selbstvermarktung schnitzt er mit der Motorsäge Holzskulpturen. Adler, Hasen, Bären aus Lärchenholz, Kerzen aus Birkenästen. Das bringt ihm einen jährlichen Zustupf von ein paar tausend Franken. Kaum einer im Tal, der nicht einem Nebenerwerb nachgeht. Das war aber bei Bergbauern eigentlich schon immer so. Andererseits: Wegen des Stundenlohns bestellt hier niemand sein Land, sagt Johann. Wer zu genau rechnet, wird desillusioniert. «Es hatte einen hier im Tal, der konnte gut rechnen. Schon in der Schule war das sein Lieblingsfach. Der musste aufhören.»

Der ganz hohen Mathematik bedarf zu diesem Schluss nicht. Ein Beispiel: Innigers Kleintransporter, der Aebi, kostet um die 100'000 Franken. Mit Abschreibung, Zinsen und Unterhalt beläuft sich der jährliche Betriebsaufwand auf gegen 13'000 Franken. Obwohl Johann das Fahrzeug mit dem ihm eigenen Gottvertrauen auch in steilste Hänge lenkt, ist nur ein kleiner Teil seines Landes maschinell zu bewirtschaften. Wenn er mit der Maschine jährlich 50 Fuder einbrächte, betrügen die Kosten für das selbst produzierte Futter immer noch das Vier- bis Sechsfache des Kaufpreises – Arbeitszeit und Benzinkosten nicht eingerechnet.

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Warum nicht einfach Futter einkaufen? «Man muss ja den Mist auf dem eigenen Land verteilen. Zusammen mit dem einfaulenden Gras würden viel zu viele Nährstoffe ins Wasser gelangen.» Was wiederum Gewässerschutzvorschriften widerspräche. Es hilft alles nichts: Bergbauern ist harte Arbeit, und es gibt wenig zu rationalisieren. «Es darf nicht nur Beruf sein», sagt Inniger. Es ist eine Lebensweise.
«Bern» sieht das anders. Bauer muss der Beruf sein. Diesbezüglich wird in Amtsstuben scharf kalkuliert. Es lässt sich berechnen, wer als Landwirt gelten darf, auf drei Stellen hinter dem Komma genau. Diese Einheit, die den gesamtbetrieblichen Arbeitszeitbedarf beschreibt, heisst SAK – Standardarbeitskräfte. Der Wert ergibt sich aus Art und Zahl von Nutztieren und bewirtschafteter Fläche. Für Hang und Steillagen gibt es ein paar Punkte zusätzlich. Das einzelne Ferkel schlägt mit 0,007 SAK pro Grossvieheinheit (GVE) zu Buche. Eine GVE entspricht einer Kuh; sie ist das Eichmass der hiesigen Landwirtschaft. «Die Studierten müssen ja alle etwas zu tun haben», sagt Inniger mit leisem Spott.

Der SAK-Wert entscheidet, ob ein Hof als gewerbsmässiger Betrieb gilt. Im Kanton Bern stand diese «Gewerbegrenze» bisher bei 0,8. Nur was darüberliegt, ist unterstützungsberechtigte Landwirtschaft. Im Rahmen der Agrarpolitik 2011 wird diskutiert, die Gewerbegrenze auf 1,5 SAK zu erhöhen. Dies hätte zur Folge, dass viele kleine Betriebe den Gewerbestatus verlieren würden. «Mein Hof hat 0,99», sagt Innigers Nachbar Roland Kurzen. Er lebt auf gleicher Höhe, einen Schpees weiter. Für Junge wie ihn legt sich Johann ins Zeug – für die nächste Generation. Der 30-jährige Kurzen hat vor zwei Jahren den Hof seiner Eltern übernommen, zusammen mit dem Bruder. Als Nicht-Betrieb erhielte er keine Subventionen für bauliche Massnahmen mehr: «Zum Beispiel, um einen Laufstall zu bauen – und ohne den hätte ich auch keinen Anspruch auf Tierwohlbeiträge für besonders tierfreundliche Haltung.»

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Betriebe, die unter der Gewerbegrenze liegen, fallen zudem nicht unter das bäuerliche Bodenrecht. Damit ist es nicht mehr möglich, den elterlichen Hof zu vergünstigten Konditionen zu übernehmen. Ein weiteres finanzielles Hemmnis für die nächste Generation, den Einstieg in die Landwirtschaft zu wagen. «Strukturwandel erleichtern» heisst das in Berner Amtsdeutsch. Das Auskommen erschweren bedeutet es auf dem Schpees ob der Engstligen. «Weichklopfen» nennt es Inniger: «Vor dem Aufhören kommt die Phase, in der man nicht mehr investieren kann.» Und Investitionen wären vielerorts bitter nötig, denn kaum einer der gedrungenen Berghöfe hat einen Ökonomieteil, der diesen Namen verdient.

Quelle: Tomas Wüthrich

Die Schmerzgrenze

Wer lässt sich heute noch auf so etwas ein? Roland Kurzen hat Frau und Kind, ein zweites ist unterwegs. Seine Frau Therese ist wie er auf einem Berghof aufgewachsen. «Sie sagte immer, sie wolle keinen Bauern», sagt Kurzen. Dass sie ihn trotzdem genommen hat, spricht für seinen Charme. «Wir mögen beide die Tiere, die Natur. Und es gefällt uns, unser eigener Herr zu sein.» Auf dem Hof vielleicht. Aber über die grösseren Zusammenhänge entscheiden die Herren in Bern. «Irgendwann sind wir vielleicht Nationalparkwächter», so Kurzen. Und trotzdem: «Solange ich nicht wirklich muss, höre ich nicht auf.»

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So sehen das die meisten hier oben. Selbst wenn es weiterhin schwieriger wird – wer irgendwie kann, bauert weiter, sagt Johann Inniger. Aber irgendwann sei die Schmerzgrenze erreicht. «Und dann fängt einfach keiner mehr damit an.»

Die Schweizer Bauern erhalten jährlich Unterstützungsbeiträge in Form von landwirtschaftlichen Direktzahlungen. Für 2009 hat das Parlament rund 2,8 Milliarden Franken zur Verfügung gestellt. Diese Beiträge sollen künftig konsequenter auf die gemeinwirtschaftlichen Leistungen der Bauern ausgerichtet werden. Im aktuellen Bericht schlägt der Bundesrat Beiträge für folgende Leistungen vor:

  • Offenhaltung der Kulturlandschaft
  • Erhaltung der Produktionskapazitäten  
  • Förderung der Biodiversität
  • Förderung vielfältiger Kulturlandschaften
  • Förderung einer Tierhaltung, die über den Standard des Tierschutzgesetzes hinausgeht


Einige der heutigen Beiträge sollen in teilweise angepasster Form in das weiterentwickelte System integriert werden, andere nicht (etwa für die Haltung Raufutter verzehrender Nutztiere und für die Tierhaltung unter erschwerenden Produktionsbedingungen).