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Alte Bäume

Ausladende Zeitzeugen

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Seit Jahrhunderten trotzen sie Wind, Wetter und der Axt: Alte Bäume, eigentliche Kathedralen der Natur, können viel erzählen.

von aktualisiert am 20. Mai 2016

Wo die grossen Bäume stehen

Aufrecht stehst du da. Fest verwurzelt, die Krone dem Himmel entgegengereckt. 33 Meter hoch, rund zwei Meter dick. Du, die Rottanne. Picea abies. Ein immergrüner Gigant im Calfeisental. Vor sechs Jahren noch die dickste Fichte der Welt, bis eine noch mächtigere im Göscheneralptal dich übertrumpfte. Um wenige Zentimeter.

Doch du legst keinen Wert darauf, Rekorde zu brechen. Alles, was du willst, ist wachsen, dicker und höher werden. Du bist ein gesunder Baum, vital von der Wurzel bis zur Krone. Mit üppigem Tannengrün, das beinah den Boden berührt. Du bist nicht wie die Tannen im Wald, die dicht gedrängt stehen und deren untere Zweige ab­sterben, weil zu wenig Licht zu ihnen durchdringt. Du stehst nicht in Reih und Glied wie die Jungbäume in den Kulturen, die in die Höhe getrieben werden. Du konntest dir Zeit lassen, deine mächtige Krone ausbilden. Denn du stehst alleine da. Ein Solitär im Sonnenlicht. Genau wie die eigenwillige Alteiche in Morrens und die imposanten ­Lärchen am Fuss des Dent de Nendaz.

Seit gut 350 Jahren stehst du auf dem Stockboden im Calfeisental, 1580 Meter über Meer. Warst vielleicht schon Zeugin, als die letzte Walserfamilie anno 1652 das Tal verliess. Das Leben hier oben war ihr zu rau, zu unwirtlich geworden. Du hattest keine Wahl, hast ausgeharrt. In deiner Senke warst du den Winden weniger stark ausgesetzt, konntest den Stürmen trotzen, obschon du flach wurzelst. Aus dem kalkhaltigen Boden hast du genügend Nährstoffe ziehen können, Wasser auch. Strenge Winter mit viel Schnee schrecken dich nicht. Bis zu minus 60 Grad überstehst du unbeschadet. Schlimmer wäre für dich Trockenheit. Doch so stark leiden wie die Fichten im Mittelland wirst du nicht, wenn weniger Regen fällt. In den Bergen wird es immer noch kühl und feucht genug sein für dich.

Zu gross, um unter Axtschlägen zu fallen

Du hattest Glück, kein Tier hat dich versehrt, als du noch ein empfindlicher Spross warst, ein Sämling. Sonst wärst du ein «Geissetannli» geworden, kleinwüchsig, verkrüppelt. Doch du konntest dich entfalten. Du, die Weide­fichte. Das Vieh, das auf der Alp sömmert, drängt sich um deinen Stamm, wenn es schüttet oder die Sonne vom Himmel brennt. Die Rinder reiben ihre Leiber an dir, bis ihnen wohl ist. Käfer, Schmetterlinge und Vögel wie der Fichtenkreuzschnabel sind auf dich angewiesen. Dem Eichhörnchen sind deine Samen das wichtigste Futter, das Auerhuhn zehrt im Winter von deinen Nadeln. Zwischen deinen Wurzeln hausen Füchse, ziehen hier gut versteckt ihre Jungen auf.

Du hattest Glück. Wurdest weder vom Blitz noch von der Axt gespalten.

Die Menschen begegnen dir mit Respekt. Mächtig, weithin sichtbar stehst du bei den Koordinaten 746 000/199 000. Bietest Schutz, wenn es blitzt und donnert. Du, die Wettertanne. Irgendwann warst du zu gross, um ­gefällt zu werden. Damals, als man noch mit dem Beil ans Werk musste. So hat man dich einfach stehen lassen.

22 Kubikmeter Material. Genug Holz für acht Dachböden. Doch das Schicksal anderer Bäume auf der Alp ist dir ­erspart geblieben. Du wurdest nicht zerteilt, verbrannt, verbaut.

Du bist etwas Besonderes. Von gleichmässigem Wuchs. Birgst ein ebenmässiges, langsam wachsendes Holz, stark und flexibel zugleich. Du schwingst. Das wissen auch die Geigenbauer, die aus deinesgleichen ihre Instrumente fertigen. Die schnell wachsenden Fichten im Flachland werden zu Bauholz, Papier, Brennholz.

Für manche bist du ein Lebewesen, das Kraft spendet, Ruhe und Gelassenheit. Sie umarmen dich, streichen mit ihren Händen über deine raue, borkige Rinde. Andere ­sehen ein phallisches Symbol in dir, deinen Zapfen. Frauen suchten Fichten auf, wenn sie sich ein Kind wünschten. Die Männer habt ihr, so erzählt eine Sage, in Frauen­gestalt verführt, um sie auf ihre Treue zu testen. Wer nicht bestand, wurde in die Sümpfe gelockt, ins ­Unglück gestürzt. Du, die geheimnisvolle grüne Dame. Wer vor dir steht, kann nur staunen. Über deine Grösse, deine Er­habenheit, dein Streben nach Licht.

Buchtipps
Michel Brunner: «Baumriesen der Schweiz»; Werd-Verlag, 2012, 240 Seiten, 62 Franken

Michel Brunner: «Wege zu Baumriesen. 20 Wanderungen zu alten Bäumen der Schweiz»; ­Werd-Verlag, 2011, 184 Seiten, CHF 36.90