Die Kunst kommt an einem Mittwochmorgen ins Schimpansen­gehege. Benjamin Egger ist soeben im «Abenteuerland Walter Zoo» eingetroffen und öffnet ein paar Farbtöpfe. Revierleiterin Angela Widmer schiebt ein mit ­Papier bespanntes Brett unter dem Gitter hindurch. Zwei Jungtiere hangeln sich von Seil zu Seil. Ein grosser Schimpanse ­entleert geräuschvoll seine Blase. Die alte Affendame Blacky sitzt in einer Ecke und nickt der Tierwärterin heftig zu – eine Sympathiebezeugung. Kunststudent Benjamin Egger beginnt zu filmen. Seit einem halben Jahr kommt er einmal pro Woche in den Zoo, um hier ein aussergewöhnliches Experiment durchzuführen: Er will herausfinden, ob Schimpansen so etwas wie ein archaisches Bedürfnis nach künstlerischem Ausdruck verspüren.

Um es gleich vorwegzunehmen: Man kann diesem Projekt Anthropomorphismus vorwerfen, dass es also menschliche Eigenschaften auf Tiere projiziere. Doch diese Kritik führt unweigerlich zur Frage, ob der Mensch, der sich gerne als Zentrum der Welt versteht, künstlerische Ausdrucksfähigkeit zu Recht für sich allein beansprucht. Gerade wenn es sich beim Tier um unseren nächsten Verwandten handelt, den Schimpansen.

16 Schimpansen leben im Walter-Zoo in Gossau. Das improvisierte Atelier wird jeweils im engen, für die Zoobesucher nicht einsehbaren Verbindungstrakt zwischen Innen- und Aussenanlage eingerichtet. Fast die ganze Horde hat sich jetzt dort versammelt. Die Affen scheinen neugierig zu sein.

Die 56-jährige Blacky schleicht sich zum Malbrett. Das rangniedere Weibchen hat gewartet, bis Alphamännchen Digit den Weg freigegeben hat. Nun setzt sich Blacky vor das Papier, ergreift mit der linken Hand den Pinsel, taucht ihn in die weisse Farbe – und schleckt ihn ab. Die beiden Jungaffen Petiri und Pili versuchen, ihr den Pinsel aus der Hand zu reissen. Lautes Geschnatter. Angela Widmer verscheucht die Plagegeister. Blacky taucht den Pinsel wieder in die Farbe, diesmal in die grüne, und be­ginnt zu malen: In rhythmischen Bewegungen pinselt sie über das Papier. Ein hellgrüner Farbwechsel entsteht.

Störende Gruppendynamik

Benjamin Egger freut sich. Während der ersten Monate hatten die Affen nichts anderes im Sinn, als das Malpapier zu zerfetzen und die Farbe zu fressen. Kein Schimpanse wäre auch nur im Entferntesten auf die Idee gekommen, ein Bild zu malen. «Wir haben den Affen das Malen weder vorgezeigt noch beigebracht, sondern ihnen nur Papier und Fingerfarbe gereicht.» Weil die Schimpansen für das Experiment nicht von der Gruppe getrennt werden, seien sie zudem ständig der Gruppendynamik ausgesetzt.

Egger versuchte es mit flüssigerer Farbe und einem Pinsel. Nach weiteren zwei ­Monaten hatte der sechsjährige Malik es begriffen: Er brachte – den Pinsel im Mund – den ersten Klecks zu Papier. Für Egger war das «ein unglaublicher Moment». Kurz darauf kritzelte die Affendame Blacky zum ersten Mal. Danach herrschte Flaute. Egger und Widmer waren nahe daran, das Experiment abzubrechen. Doch einige Wochen später, am 11. Januar, setzte sich Blacky wieder vor das Malbrett. Um das erste Bild zu malen. Bis heute hat sie 27 Bilder produziert.

Blacky führt den Pinsel zum Mund und kostet Rot. Die Gruppe bricht in ohrenbetäubendes Gebrüll aus. Digit hämmert mit Füssen und Händen ans Gitter. Blacky bewegt sich unruhig hin und her, bevor sie sich wieder vor dem Malbrett niederlässt.

Bewegungen wie beim Nestbau

Benjamin Egger ist nicht der Erste, der sich mit dem «künstlerischen» Talent von Affen auseinandersetzt. Die russische Forscherin Nadia Kohts verglich schon 1913 Kritzeleien von Schimpansen mit solchen ihres Sohnes. Die US-Amerikanerin Rhoda ­Kellogg sammelte und analysierte von 1948 bis 1966 über 8000 Kinderzeichnungen. Mit dem Begriff «inherent cross» – so ­heisst auch Eggers Studie – bezeichnete sie die Schnittstelle zwischen der Kritzel- und der darstellenden Zeichnung. Auch wenn ihr Ansatz heute als überholt gilt, bleibt die Kernfrage doch dieselbe: Gibt es eine ­archaische Freude am gestalterischen ­Ausdruck?

Die breite Öffentlichkeit setzte sich 1957 erstmals mit «Affenkunst» auseinander, als das Londoner Institute of Con­temporary Arts gemeinsam mit der Zoo­logical Society of London und einem Fernsehsender die Ausstellung «Paintings by Chimpanzees» realisierte. Der englische Künstler und Verhaltensforscher Desmond Morris liess den von Hand aufgezogenen Zoo­affen Congo vor laufender Kamera Bilder für die Ausstellung malen. Er wandte Kelloggs Ansatz auf Congos Malerei an und erkannte darin «Fächermuster»: Das Tier setze jeden Pinselstrich am oberen Blattrand an und führe ihn dann in Richtung seines Körpers. Morris sah darin eine Analogie zu den Bewegungen beim Nestbau.

Führende Künstler waren fasziniert von Congos Malerei. Pablo Picasso soll eines seiner Bilder gekauft und in seinem Atelier aufgehängt haben. 1958 wurde Congos «Kunst» in der Royal Festival Hall in London neben Malereien von Kleinkindern und Werken von Vertretern der Action-Malerei ausgestellt.

«Ohne Titel», Blacky. 2014, Tierpark Gossau

Quelle: Evelyne Eichenberger

Expressionistische Schimpansen?

Die Ähnlichkeit der Bilder war erstaunlich. Und ist es heute noch. Doch was bedeutet sie? Zeugt sie vom Bemühen der damaligen künstlerischen Avantgarde, spontane Empfindungen möglichst direkt, ohne rationale Kontrolle, auf die Leinwand zu bringen? Verrät sie uns etwas über die Entstehung der ersten Kunstwerke, der prähistorischen Höhlenmalereien? Oder ist Affenkunst ganz einfach das Resultat der Begegnung von evolutionär interessierten Biologen und neugierigen Menschenaffen?

Bis jetzt hat Blacky weder Kreuze noch andere konkrete Formen gemalt. Wahrscheinlich ist ihre Malerei nicht mehr als ein Zusammenspiel von visuellen Sinneseindrücken und Bewegungen. Aber kann man ihr deshalb die Freude am bildnerischen Gestalten absprechen? Immerhin hat sie von dem Tag an, als sie den ersten Klecks aufs Papier gebracht hat, jede ­Woche zum Pinsel gegriffen. Er habe oft beobachtet, sagt Benjamin Egger, wie sie während des Malens alles um sich herum vergessen habe.

Auf die Frage, ob man Blackys Bilder als Kunst bezeichnen könne, hat der Kunst­student eine klare Antwort: «Nein. Dem Affen fehlt ein künstlerisches Konzept.» Auch scheint Blacky das fertige Bild ziemlich egal zu sein – obwohl sie durchaus weiss, wann es fertig ist: Sie beendet ihre «Werke», indem sie Angela Widmer den Pinsel zurückgibt.

Die 30-jährige Affendame Chicca, das ehemals ranghöchste Weibchen der Gruppe, sitzt etwas weiter oben im Gehege und lässt die malende Blacky nicht aus den ­Augen. Als Chicca vor zwei Wochen zum ersten Mal selbst zwei Blätter bekleckste, keimte in Egger die Hoffnung, nun würde der kreative Funke auf die Horde übergreifen. Doch das ist bis heute nicht geschehen. Chicca hat wieder ihren Beobachtungsposten bezogen.

Aufmerksamkeit wirkt motivierend

Nun ist auch Blacky die Lust vergangen. Sie war heute weniger konzentriert als sonst. «Die Gruppe war bereits am Morgen un­ruhig», sagt Widmer. «Und die dreijährigen Zwillinge Petiri und Pili werden immer frecher. Es macht ihnen richtig Spass, Blacky zu stören.»

Möglicherweise beeinflusst die Gruppendynamik das Experiment in einem weiteren Sinn: Vielleicht geniesst es die rangniedere Blacky, dass sich ihre Lieblingswärterin exklusiv mit ihr beschäftigt. Egger hält das für möglich: «Das ist beim Menschen auch nicht anders; Kin­­der malen motivierter, wenn man ihre Zeichnungen würdigt.» Er sammelt Blackys «Arbeiten» in einer grossen Mappe. Der Zoodirektor überlege sich, nach Beendigung des Experiments eine Ausstellung zu organisieren und die Bilder zu verkaufen. «Mit dem Erlös könnte neues Spielzeug für das Affengehege angeschafft werden.»

Benjamin Egger hat an der Zürcher Hochschule der Künste studiert und wird im Sommer den Studiengang Transdisziplinarität mit dem Master abschliessen. Er setzt sich in seiner Arbeit nicht zum ersten Mal mit Amateuren auseinander: Die Performance «Swan Song», in der ein Anfänger das weltberühmte Solo des «sterbenden Schwans» tanzt, bezieht sich auf den Traum, dass «alles möglich ist».

Für «Inherent Cross» musste Egger beim Bundesamt für Veterinärwesen eine Bewilligung einholen, da für Forschung mit Primaten strenge Auflagen gelten. Das Antropologische Institut Zürich begleitet das Projekt zur Selbstmotivation des malerischen Ausdrucks bei Schimpansen wissenschaftlich, und Egger hofft, es als Dissertation weiterführen zu können. Blackys erste Pinselstriche hat er gerahmt und in sein Atelier gehängt.