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Anthropologie«Wir alle tragen ­Neandertaler-DNA»

Der Anthropologe Chris Stringer erklärt, warum das menschliche Gehirn immer kleiner wird. Und wie sich der Homo sapiens gegen den Neandertaler durchsetzte.

Forensische Rekonstruktion eines Neandertalers von Arturo Balseiro für das Buch «Them and Us» von Danny Vendramini.
von

BeobachterNatur: Herr Stringer, wie wirkt sich die ­heutige Lebensweise auf unsere Entwicklung aus? Steht die Evolution still?
Chris Stringer
: Nein, die Zahl der genetischen Veränderungen in unserem Erbgut nimmt sogar zu. Jedes Kind erbt von seinen Eltern um die 50 Mutationen. Soviel wir wissen, ist das mehr als früher.

BeobachterNatur: Wie kommt das?
Stringer: Es gibt verschiedene Gründe: Eine grös­sere Zahl von Menschen bedeutet auch eine breitere genetische Basis, auf der die ­Evolution wirken kann. Gleichzeitig ist die Mutationsrate das Resultat unseres ­Lebensstils. Es gibt heute viel mehr Chemikalien in der Umwelt als früher. Auch die moderne Ernährung führt vermutlich zu mehr Mutationen.

BeobachterNatur: Sinkt die Qualität unseres Erbguts?
Stringer: Auf individueller Ebene nimmt die Zahl der Mutationen zu. Das könnte man als Verschlechterung ansehen. Bei einer ­Weltbevölkerung von acht Milliarden Menschen ist die Vielfalt an Möglichkeiten aber deutlich grösser als bei unseren Vorgängern. Die meisten Mutationen bringen zwar keinen Vorteil, aber einige wenige eben schon.

BeobachterNatur: Wohin wird das führen?
Stringer: Wir werden uns sicher nicht zu Wesen mit Riesengehirnen entwickeln. Der Trend geht in die andere Richtung. Wie klein ­unser Gehirn werden kann, ohne an Leistungsfähigkeit einzubüssen, weiss ich nicht. Aber die Menschheit ist bestimmt nicht durch ihre eigene Evolution bedroht.

BeobachterNatur: Können Sie keine Prognosen über ­unsere weitere Entwicklung machen?
Stringer: Prognosen sind heikel. Vor zwei Millionen Jahren hätte niemand die Entwicklung des Homo sapiens voraussehen können. Aus kleinen Gruppen von Jägern und Sammlern gingen Milliarden von Menschen ­hervor. Aus der Sicht von damals sind wir eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.

BeobachterNatur: Wie haben wir uns denn in den vergangenen 20'000 Jahren noch verändert?
Stringer: Die neolithische Revolution vor 10'000 ­Jahren prägte unsere Lebensweise. Die Menschen lebten dichter beieinander, und ­Infektionskrankheiten traten häufiger auf. Das Abwehrsystem des Menschen passte sich an die Krankheitserreger an. Und weil mit der Viehzucht Milch auf den Speiseplan kam, bildeten wir für deren Abbau neue Enzyme. Anpassungen gab es auch im Hinblick auf die Verdauung von Stärke aus der aufkommenden Pflanzennahrung. Das lässt sich bis heute verfolgen: Die Verdauungsenzyme der Menschen unterscheiden sich von Kontinent zu Kontinent aufgrund der Ernährungsweise.

BeobachterNatur: Ist es auch zu Veränderungen im ­Gehirn gekommen?
Stringer: Das Gehirnvolumen ist in den vergangenen 20'000 Jahren um fünf bis zehn Prozent ­geschrumpft. Wir scheinen klüger und ­klüger zu werden, aber das Gehirn wird kleiner.

BeobachterNatur: Woran liegt das?
Stringer: Ein Grund ist, dass der Mensch kleiner wird. In der Steinzeit war das Leben sehr fordernd und der menschliche Körper deshalb etwas grösser und muskulöser. Entsprechend aufwendig war die Steuerung des Bewegungsapparats. Sie erforderte ein grösseres Gehirnvolumen. Das Gehirn ist das energieintensivste Organ des Körpers und verbraucht ein Fünftel der Energie. Wenn der Organismus mit einem kleineren Gehirn klarkommt, dann wirkt die Evolution in diese ­Richtung. Sie reduziert das Gehirnvolumen, um Energie zu sparen.

BeobachterNatur: Weniger Muskeln, kleineres Gehirn?
Stringer: Das Schrumpfen der Muskeln erklärt nur einen Teil des Gehirnschwunds. Ein ­weiterer Aspekt ist die einfachere Lebensführung. Das gilt übrigens auch für domes­tizierte Tiere: Der Hund etwa hat ein kleineres Gehirn als der Wolf. Wir haben uns in einem gewissen Sinn selbst domestiziert. Wir können ­jederzeit hinaus in die Natur und müssen uns nicht vor gefährlichen Tieren fürchten. Und wenn der Magen knurrt, gehen wir in ein Restaurant statt auf die Jagd.

BeobachterNatur: Der Genetiker Gerald Crabtree behauptet, dass die Jäger und Sammler vor ein paar zehntausend Jahren ­intelligenter waren als wir Menschen heute.
Stringer: Das ist eine schöne These, aber beweisen lässt sie sich nicht. Die nützlichen Fähigkeiten sind heute nicht dieselben wie ­damals. Ich bezweifle, dass ein Jäger und Sammler in einem heutigen Intelligenztest gut abschneiden würde.

BeobachterNatur: Vor 100'000 Jahren existierten verschiedene Menschenlinien neben­einander, darunter die Neandertaler, die Denisova-Menschen in Sibirien und die rätselhaften Zwergmenschen der indonesischen Insel Flores. Warum hat sich nur der Homo sapiens durchgesetzt?
Stringer: Das wissen wir nicht genau, aber ich denke, der Zufall spielte eine grosse Rolle.

BeobachterNatur: Die «Krone der Schöpfung» soll sich nur zufällig entwickelt haben?
Stringer: Rückblickend scheint es, als ob die Evolution gerichtet wäre und als Höhepunkt den Menschen hervorbringen wollte. Aber dem ist nicht so. Hätte sich das Klima in Afrika vor 200'000 Jahren anders entwickelt, gäbe es uns nicht. Vielleicht hätte sich der Neandertaler oder der Zwergmensch von Flores durchgesetzt. Oder gar keiner. Wir hatten Glück.

BeobachterNatur: Ihr Spezialgebiet sind die Neandertaler, die lange als unsere Vorgänger galten.
Stringer: Das war noch so, als ich in den siebziger Jahren meine Doktorarbeit begann. Ich konnte aber nachweisen, dass diese Theorie falsch sein musste. Der Homo sapiens entwickelte sich nicht in Europa aus dem Neandertaler, sondern parallel zu ihm in Afrika. Ich habe in ganz Europa Schädel von Neandertalern und Homo sapiens vermessen. Schädel von modernen Menschen aus Frankreich, die rund 30'000 Jahre alt ­waren, unterschieden sich deutlich von Neandertalerfossilien, die nur wenig älter waren. Und die Funde von Neandertalern zeigen, dass sich diese von der Form her immer stärker von uns entfernten.

BeobachterNatur: Wie reagierten die Kollegen auf Ihren Befund?
Stringer: Es gab viel Kritik von allen Seiten. Ich b­enötigte weitere zehn Jahre, um meine These zu untermauern. Manche Leute ­sagten: «Wenn wir nicht von den Neander­talern in Europa abstammen, dann von ­denen im Nahen Osten.» Also untersuchte ich Fossilien aus dem Nahen Osten und aus Asien. Nirgendwo zeigte sich eine Verbindung, und so rückte Afrika ins Zentrum meiner Überlegungen. Der Schädel des ­sogenannten Omo 1 aus Äthiopien ist ein wichtiges Beweisstück. Er zeigt klare Eigenschaften des Homo sapiens und wird auf 200'000 Jahre datiert. Deshalb muss Afrika der Geburtsplatz des modernen Menschen sein. Genetische Daten, zahl­reiche neuere Fossilien und klimatische Daten erhärten mittlerweile diese These.

BeobachterNatur: Der Homo sapiens hat überlebt, der ­Neandertaler nicht. Warum?
Stringer: Sein Aussterben ist noch immer rätselhaft. Mit Sicherheit wissen wir nur, dass er in Europa und Asien gleichzeitig mit dem Homo sapiens lebte und innerhalb von rund 25'000 Jahren ausstarb. Die letzten Zeugnisse des Neandertalers aus West­europa sind 30'000 bis 40'000 Jahre alt.

BeobachterNatur: Haben wir die Neandertaler ­ausgelöscht?
Stringer: Ich denke, wir haben die Neandertaler nicht bekriegt, aber konkurrenziert. Wir stritten mit ihnen um die besten Höhlen und um die ergiebigsten Jagdgründe. Wir ­waren gut organisiert und hatten besseres Werkzeug. Wir löschten sie unabsichtlich aus, so wie wir heute Territorien vereinnahmen und die dort lebenden Tiere und Pflanzen verdrängen.

BeobachterNatur: Könnten Klimaveränderungen den ­Neandertaler überfordert haben?
Stringer: Vor rund 70'000 Jahren begann in Europa eine Phase mit instabilem Klima. Der Golfstrom setzte ein und aus, und innerhalb von jeweils 1000 Jahren schwankte das Klima von warm zu kalt. Die Neandertalerpopulation expandierte in Warmphasen bis nach Sibirien und musste die neu besiedelten Gebiete bei Kälte wieder auf­geben. Das setzte dem Neandertaler zu. Wir wissen dank DNA-Studien zu verschiedenen Funden, dass seine genetische Vielfalt klein war. Seine Gruppen zählten jeweils nur ein paar tausend Leute. Man vergisst aber oft, dass auch weiter im ­Osten Neander­taler lebten, in Usbekistan und selbst in ­Indien. Über ihre Lebensweise ist leider kaum etwas bekannt.

BeobachterNatur: Welche Rolle spielte das Klima für den Homo sapiens, der von Afrika nach Europa drang?
Stringer: Der moderne Mensch kam wahrscheinlich während einer Warmphase nach Westeuropa. Seine Gruppen wuchsen und schrumpften parallel zu denen der ­Neandertaler. Aber sie kamen besser mit den Klimaschwankungen zurecht.

BeobachterNatur: Wie muss man sich ein Treffen zwischen Homo sapiens und Neandertaler vorstellen?
Stringer: Es passierte zwar nur selten, aber sie ­hatten gelegentlich Sex miteinander. Sie sahen sich also gegenseitig als genügend ähnlich an, um sich zu paaren. Genau ­genommen sind die Neandertaler nicht ganz ausgestorben, denn wir Europäer ­tragen etwa ein Prozent Neandertaler-DNA in uns.

BeobachterNatur: Das dürfte den meisten von uns nicht bewusst sein.
Stringer: Überraschenderweise zeigen die neusten Resultate, dass Chinesen sogar noch etwas mehr von dieser DNA haben als ­Europäer. Auf dem Weg nach Asien scheint sich der Neandertaler mehrere Male mit dem Homo sapiens gekreuzt zu ­haben.

BeobachterNatur: Welche Folgen hat die Neandertaler-DNA für uns?
Stringer: Es handelt sich nicht um Erbgutfragmente, sondern um funktionslose DNA-Abschnitte. Hätten wir die grosse Nase von den Neandertalern geerbt, müssten auch Chinesen grosse Nasen haben. Wir bräuchten aber das vollständig re­­konstruierte Erbgut dieser ausgestorbenen Menschenart, um diese Frage zufriedenstellend beantworten zu können.

BeobachterNatur: Existieren denn gar keine Anhaltspunkte bezüglich eines möglichen Erbes des ­Neandertalers?
Stringer: Es gibt Hinweise auf Auswirkungen im ­Immunsystem. Es scheint, dass der Homo sapiens in Asien Gene von Neandertalern aufgenommen hat, die seine Abwehrkräfte ­gestärkt haben. Wenn man sich vorstellt, dass moderne Menschen vor rund 200'000 Jahren aus Afrika in Richtung Asien zogen, wo sie auf Neandertaler und neue Krankheiten trafen, ergibt diese These Sinn. Durch Kreuzung mit dem Neandertaler, der besser an lokale Gegebenheiten angepasst war, konnte der Homo sapiens seine Abwehrkräfte verbessern.

BeobachterNatur: Forscher arbeiten fieberhaft an der ­Wiederherstellung des Neandertalererbguts. Sollten wir einen solchen ­Menschen klonen, wenn wir die ­Möglichkeit hätten?
Stringer: Nein, das halte ich für unethisch und überheblich. Die letzten Neandertaler lebten vor 40'000 Jahren in einer anderen Welt mit ­einer eigenen Kultur. Sie wiederzubeleben wäre das Maximum an Arroganz, das man sich vorstellen kann.

Chris Stringer, 65, ist einer der prominentesten Vertreter der sogenannten Out-of-Africa-Theorie, die besagt, dass der Homo sapiens von Afrika aus die Welt besiedelte. Der Paläoanthropologe leitet die Abteilung zur Erforschung der Herkunft des Menschen am Natural History Museum in London.

Veröffentlicht am 08. April 2013

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3 Kommentare

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H. Urlaub
Ich schätze Dr. Stringer gerade wegen seiner differenzierten Argumentation und auch wegen seiner Mut zur Lücke, statt wilde Theorien wie andere (Un)Wissenschaftler in die Welt zu setzen. Da freuen wir uns natürlich über jeden sachlichen Kommentar und Beitrag wie z.B. von T. Youris.

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Manuel Fricker
Ah ja. Und Tsekas Youris hat natürlich eine Ahnung, so differenziert wie er argumentieren kann.

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Tsekas Youris
Dass ich nicht lache dieser Typ hat keine Ahnung von dem was er redet. Eine riesen Verarschung ist das, für die kleinen Leute mit null Beweisen möchte er uns sagen dass wir uns verändern. glaube diesem Typen kein Wort. Lächerlich. solchen widerspenstigen theorien glauben zu schenken ist bemitleidenswert.

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