Als ich die Hölzer erblickte, befand ich mich mit einem Anfänger auf einem Übungstauchgang in einer ­Tiefe von etwa fünf Metern. Auf Hölzer stösst man häufig. Aber diese vor Kehrsiten im Vierwaldstättersee waren anders. Sie ragten aus dem Grund und waren gleichmässig zugespitzt, wie von Menschenhand bearbeitet. Später zeigte sich, dass es sich nicht um ein paar Dutzend ­handelte, sondern um rund 2000 Pfähle.

Ein Freund von mir untersuchte zu jener Zeit vor sieben Jahren in Stansstad die Hunderte ­Jahre alten Befestigungsanlagen. Aufgrund der Fotos der Palisadenreste, die er mir einmal gezeigt hatte, war mir sofort klar, dass es sich bei den Hölzern um einen archäologisch relevanten Fund handelte und nicht um einen versenkten Gartenzaun.

Die Archäologen wollten sich aber meine Entdeckung zunächst nicht ansehen. Sie hielten einen bedeutenden Fund am Fuss des Bürgenstocks für unwahrscheinlich. Ich liess nicht ­locker, und schliesslich konnten wir uns darauf einigen, eine C14-Kohlenstoffanalyse vorzunehmen, um das Alter des Holzes zu bestimmen. Die Holzstücke für die Probe besorgte ich mir aus dem See. Drei Tage später folgte der ­Befund: «Es tut uns leid, aber die Probe gehört nicht zu den Palisaden von Stansstad», hiess es. «Die Proben sind nicht 800 Jahre alt. Sondern 6000.»

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Die Unterwasserarchäologen der Stadt Zürich fanden später auch Hauswände, Lagerstätten, Reusen und etwas, was für mich wie eine An­legestelle aussah. Es stellte sich heraus, dass ich nichts ­weniger entdeckt hatte als Bestandteile einer jungsteinzeitlichen Seeufersiedlung. Bislang war man immer davon ausgegangen, dass in dieser Region mit ihren steil ansteigenden Seeufern keine Pfahlbauer lebten, sondern nur in der ­flachen Mittellandzone. Nun aber war ich nur gerade 70 Meter von meinem Gartentor ­entfernt auf die bis heute einzige ­bekannte vor­alpine Pfahlbausiedlung in der Schweiz gestossen. Und somit auf das wahrscheinlich älteste Dorf in den Alpen.

Es war nie mein Ziel, beim Tauchen etwas zu finden. Wenn ich im Vierwaldstättersee auf etwas stiess, dann auf Dinge, die die Leute im See entsorgt hatten: Getränkedosen, Bügeleisen, Grabkreuze. Aber selbstverständlich bin ich stolz auf meinen historisch einzigartigen Fund.

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Bis vor sieben Jahren war mein historisches Wissen gleich null. Durch meinen Fund wuchs mein Interesse an der Geschichte, und dank et­lichen Gesprächen mit tauchenden Archäologen könnte ich heute wohl eher einschätzen, ob ich etwas von historischer Bedeutung vor mir habe.

Bevor ich die Siedlung vor Kehrsiten entdeckte, machte ich 50 Tauchgänge pro Jahr, die Hälfte davon im Vierwaldstättersee. Im Winter ist das am schönsten. Weil die Flüsse weniger Wasser führen, bringen sie weniger Geschiebe mit, und der See ist klarer.

Der Vierwaldstättersee ist unbestritten der schönste See weltweit. Warum das so ist, versuche ich schon lange herauszufinden. Vielleicht weil er von Bergen umfriedet ist und der Blick trotzdem in die Weite schweifen kann. Vielleicht aber auch, weil er einer der saubersten Seen ­Europas ist. Man muss nur einmal von hier ­weggehen, um sich vor Augen zu führen, wie wertvoll unser Wasser ist.

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Als Zwölfjähriger habe ich mit Tauchen ­an­gefangen. Seit jenem Tag im Jahr 2003 tauche ich anders. Meine Neugier ist gewachsen. Wenn ­irgendetwas aus dem Seegrund oder aus dem Meeresgrund ragt, sehe ich es mir genauer an. Später einmal möchte ich mich pro­fessionell ausrüsten und mit einem Schiff nach weiteren Siedlungen suchen. Ich bin überzeugt: Im Vierwaldstättersee liegen noch mehr Pfahlbaudörfer.

Thomas Christen, 51, Kehrsiten NW, Qualitätsmanager bei den Pilatus-Flugzeugwerken und Tauchlehrer.