Bereits zum fünften Mal hat der «Verein Deutschschweizerischer und Rätoromanischer Bienenfreunde» unter den Imkern eine Umfrage über die Völkerverluste des vergangenen Winters durchgeführt. Mit Daten von über tausend Bienenstandorten in der ganzen Schweiz dürfe die Umfrage als einigermassen repräsentativ bezeichnet werden, schreibt das Zentrum für Bienenforschung der Forschungsanstalt Agroscope in einer Medienmitteilung. Die Auswertung zeigt ein niederschmetterndes Bild: Beinahe 50 Prozent der Bienenvölker gingen verloren. Sämtliche Kantone waren von diesen Verlusten betroffen.

«50 Prozent entspricht der unvorstellbar hohen Zahl von rund 100'000 Bienenvölkern», schreiben die Forscher. «Es sind dies die schlimmsten Verluste, seitdem diese Zahlen systematisch erfasst werden.» Den Imkern sei damit ein Verlust von rund 25 Millionen Franken entstanden. Der Einfluss auf die Bestäubung von Nutz- und Wildpflanzen könne zur Zeit noch nicht abgeschätzt werden.

Hauptursache ist die Varroamilbe

Als Ursache der Verluste in den letzten Jahren kommen mehrere Faktoren in Frage. Doch wie mehrere internationale Studien nun deutlich zeigen, spielt die parasitische Milbe Varroa destructor eine herausragende Rolle. «Die Milbe ist erwiesenermassen hauptverantwortlich für das nahezu weltweite Bienensterben», so das Zentrum für Bienenforschung. Werden Bienenlarven und -puppen von Varroamilben parasitiert, verkürzt sich die Lebensdauer der Winterbienen von einem halben Jahr auf zwei bis drei Monate, und das Bienenvolk überlebt den Winter nicht. Im letzten Jahr war der Milbenbefall aufgrund verschiedener Faktoren besonders extrem.

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Als weiteres gravierendes Problem kommt hinzu, dass die Wirksamkeit vieler Mittel gegen die Milben durch Resistenzbildung verloren gegangen ist. Und: «Die heute angewendeten organischen Säuren wirken aufgrund der Abhängigkeit von Aussentemperaturen sowie Fehlern in der Anwendung oft ungenügend», so die Forscher.

Aufgrund der dramatischen Situation will eine Arbeitsgruppe nun in einem gross angelegten Feldversuch die Wirksamkeit einer flächendeckend koordinierten Behandlung der Bienenvölker untersuchen. Langfristig zielt die  Forschung auf eine nachhaltige Lösung des Varroa-Problems ab. Einerseits will man den Milben mit speziellen Pilzen zuleibe rücken, andererseits untersuchen die Forscher die Mechanismen, welche die Reproduktion der Milbe steuern – mit dem Ziel, die Vermehrung zu blockieren. Aufgrund der sehr guten Ergebnisse der letzten Forschungssaison sei man zuversichtlich, in ein paar Jahren zu praktischen Lösungen zu kommen.

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Die Rolle der Pestizide

In den letzten Jahren sind insbesondere auch Insektizide aus der Gruppe der Neonikotinoide ins Kreuzfeuer der Diskussion geraten. Einige Substanzen haben eine hohe Toxizität für Bienen und sind daher an Auflagen für die Anwendung gebunden, damit die Bienen nicht mit den Giften in Kontakt kommen sollen. Das Zentrum für Bienenforschung geht jedoch derzeit davon aus, dass diese Insektizide nicht die Ursache für das Bienensterben sind: «Die wenigen aufgetretenen Vergiftungsfälle von Bienen durch diese Produkte können im Allgemeinen auf eine Missachtung der Nutzungsauflagen zurückgeführt werden.»

Weitere Effekte der Insektizide, die man in Laborversuchen oder in Versuchen mit individuellen Bienen nachweisen konnte, hätten sich bisweilen in Feldversuchen mit ganzen Bienenkolonien nicht bestätigt. Allerdings müsse eindeutig zwischen Bienenverlusten während der Bienensaison und den Winterverlusten von Völkern unterschieden werden. «Die aktuellen Studien zeigen jedoch keinen Zusammenhang zwischen den Winterverlusten und Pestiziden.»

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Der Bund wird aktiv

Eine Arbeitsgruppe, zusammengesetzt aus Vertretern des Bundesamtes für Veterinärwesen, des Bundesamtes für Landwirtschaft, der Kantone und Branchenvertretern, erarbeitete in den letzten Jahren ein Konzept, wie die Situation der Bienen nachhaltig verbessert werden könnte. Der Bundesrat wird demnächst über die weiteren Schritte entscheiden.