Einzelschicksale brauchen Namen

Wissenschaftliche Rohdaten reichen natürlich nicht aus, um das Tier zu einem Du aus Fleisch und Blut werden zu lassen. Die Daten müssen bearbeitet und gebündelt werden. Es gilt, die Lebensgeschichte des konkreten Tieres zu erzählen. Dazu muss man es taufen. «Erst mit der Namensgebung wird das Leben eines Wildtieres zu einem Schicksal, an dem wir Anteil nehmen», sagt Reichholf.

Bis gestern traute man sich nicht, ­einen Blumenstrauss am Wegrand zu pflücken – und heute soll man See-­Elefanten duzen? Führt das nicht schnurstracks zu dem menschenzentrierten Weltentwurf, aus dem uns das ökologische Bewusstsein der Moderne eigentlich befreien sollte? Das bis heute vorherrschende Denken in Biotopen, die ­eine Trennlinie ziehen zwischen Mensch und Natur, galt jahrzehntelang als rundum fortschrittliche Überwindung der unwissenschaftlichen, weil vermensch­lichen­den «Flipper»-Ideologie. Wer mit Delfinen reden wollte, zeigte sich als hoffnungsloser Romantiker.

Josef Reichholf hält dagegen. Er plädiert für eine Einbettung der Wildtiere in die Realität der Gesellschaft: «Wir sollten die Personalisierung von Tieren, wie wir sie in den sozialen Medien erleben können, nicht einfach als Vermenschlichung abtun. Sehr vielen Tieren käme es doch sehr zugute, wenn sie tatsächlich emotional vermenschlicht würden.»

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So profitiert mein Freund Shorty vom Internet. Kaum ein Tier hat menschliche Anteilnahme so nötig wie der archaische Ibis. Denn er hat weder ein kuscheliges Fell noch grosse Kulleraugen, kein Kindchenschema weit und breit. Er sieht aus wie ein zerrupfter Truthahn.

Der Zoologe Johannes Fritz liebt die schwarzen Gesellen dennoch über alles. Er leitet das europäische Waldrapp-Projekt. «Der Waldrapp», sagt er, «ist ein Tier, das längst aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden ist.» Er wurde in Mitteleuropa vor gut 400 Jahren ausgerottet und lebt nur noch in wenigen Exemplaren in Krisenregionen des Nahen Ostens. Das Waldrapp-Projekt fördert die Wieder­ansiedlung dieses imposanten Vogels in Euro­pa. Da die Tiere die Routen in die ­europäischen Sommerquartiere verlernt haben, müssen sie vom Menschen mit ­Ultraleichtflugzeugen dorthin geleitet werden. Wenn die Facebook-Fangemeinde dieses schwierige Manöver mitverfolge, entstehe ein ganz neuer Dialog zwischen Mensch und Wildtier, bekräftigt Reichholf: «Die Bedürfnisse und Nöte der glänzend schwarzen Ibisse werden sichtbar und damit nachvollziehbar.»

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Schon im ersten Jahr nach der «menschengeführten Migration» schaffen die Vögel den Weg alleine und nehmen Jungvögel mit auf die Reise – sofern sie das Winterquartier heil überstehen. Denn das ist keineswegs sicher. In Italien schiessen ­Jäger auf alles, was nach einem lohnenden Ziel ausschaut, illegal und unbemerkt. Doch mit den Sendern ist es möglich, eine Öffentlichkeit für den raren Vogel zu schaffen. Facebook wird zur digitalen Echtzeitstrategie gegen Wilderei. Auf der Facebook-Seite des Waldrapp-Projekts lässt sich verfolgen, wie Bima, Julio, Gonzo und Pepe in Tagesetappen von 50 Kilometern ins Winterquartier ziehen und im März wieder zurückkehren. Je mehr Menschen sich mit den schwarzen Gesellen auf Facebook «befreunden», desto grösser werde der Druck auf die Jagdverbände und Behörden, hofft Johannes Fritz.

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Tiere besser verstehen dank Internet

Deshalb soll die soziale Vernetzung Schritt für Schritt ausgebaut werden. Eine Smartphone-App, die die Position der Tiere in Echtzeit angibt, existiert bereits. «Damit kann man sich mit einem Klick die Lebensgeschichte eines Tieres an­zeigen lassen», schwärmt der Waldrapp-­Experte. Biocaching nennt sich die neue Disziplin. Bald schon soll eine Windows-­gestützte Version folgen.

Der Wunsch, Tiere zu verstehen, ja mit ihnen zu sprechen, ist ein uralter Traum der Menschheit. Er beginnt mit König ­Salomo und ist mit den Pferdeflüsterern längst nicht am Ende angelangt. Salomo und die «Horse Whisperer» verfügten über ein Geheimwissen. Das Internet demokratisiert diesen elitären Zugang. Es macht uns alle zu Tierverstehern.

Weitere Infos

www.facebook.com/waldrappteam

Buchtipp: Alexander Pschera: «Das Internet der Tiere»; Verlag Matthes und Seitz, 2014

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Ausgewilderte Waldrappe fliegen in den Süden. Einige der Vögel sind mit GPS-Sendern ausgerüstet.

Quelle: Markus Unsöld

Mein Freund heisst Shorty. Shorty kann fliegen, er ist ein Wald­rapp. Seine Art ist vom Aussterben bedroht, er trägt einen 30 Gramm leichten GPS-Sender am Körper. Wenn Shorty vom Brutrevier im ­bayerischen Burghausen ins italienische Winterquartier wechselt, kann ich ihn auf ­seiner Facebook-Seite verfolgen. Im Herbst 2012 machte ich mir ernsthaft ­Sorgen. Shorty hatte sich verflogen. Statt in der südlichen Toskana war er beim Zugersee in der kalten Schweiz gelandet. Herr B., ein anderer Shorty-Freund, pos­tete: «Nachdem es gestern den ganzen Tag geschneit hat, machte ich mich heute auf die Suche nach Waldrapp Shorty. Meine Sorge war umsonst: Shorty geht es ausgezeichnet. Immer noch ernährt er sich auf der Schafweide Dersbach.» Shorty war ­also wohlauf.

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Wildtiere als Facebook-Freunde? Ist das nicht eine verkehrte Welt? Mehr Natur­nähe ist ein weithin akzeptiertes Ziel. Kaum ein Städter kann heute einen Frosch von einer Kröte unterscheiden. Aber muss das Zurück zur Natur sich auf digitalen Pfaden ereignen? Geht man nicht besser in den Wald und sammelt Pilze? Ist das Internet nicht eher Teil des Problems als Teil der Lösung?

Der Zoologe Josef Reichholf widerspricht. Natürlich sei es besser, die Grasmücke im Wald zirpen zu hören, als ihre Stimme im Internet-Lautarchiv anzu­klicken. Aber vor viele Pflanzen und Tiere habe die Politik den Naturschutz gesetzt, der uns Menschen, so Reichholfs provokante These, systematisch von der Natur abhalte, uns von ihr entfremde. Das Netz ist für ihn ein einziger grosser Befreiungsschlag: «Wenn das Internet uns mehr virtuellen Kontakt zur Natur eröffnet, kann ich eine solche Entwicklung nur begrüssen. Das ist allemal besser als unsere bisherige Vorgehensweise im Naturschutz, der alles daransetzt, den Menschen von der Natur fernzuhalten, und ihn als Störung einstuft.»

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Eine emotionale Beziehung aufbauen

In der Beziehung zur Natur und vor allem zum Tier geht es nicht um abstraktes Verstehen, sondern um den Aufbau einer emotionalen Beziehung. Erst wenn wir Menschen zu einem Tier nicht als Vertreter einer Art, sondern als lebendiges Individuum in Kontakt treten, kommen wir der Natur näher. Reichholf vertritt eine sympathische These: «Tiere, auch solche in freier Wildbahn, müssen zu Individuen mit besonderen Eigenheiten werden. Zu lange wurden sie lediglich als Vertreter ihrer Art betrachtet, sogar von Verhaltensforschern. Sie erklärten das Verhalten der Tiere zur Norm und leiteten daraus die ‹artgerechte Haltung› ab. Das ist falsch, weil es die Tiere austauschbar macht. Erst eine ausgeprägte Individualität erzeugt Nähe.»

Die Verhaltensforscherin Carola Otterstedt, Leiterin der deutschen Stiftung Bündnis Mensch und Tier, geht noch einen Schritt weiter. Für sie ist es essenziell, das Tier wie den Menschen konkret anzureden: «Uns berührt immer eine Persönlichkeit. Auch die eines Tieres. Erst wenn wir ein Tier individuell als Du ansprechen, wird es interessant.» Otterstedt verweist auf Martin Bubers Schrift «Ich und Du» und sagt: «Nur wenn ein Tier einen Namen trägt und ich Du zu ihm sagen kann, ist es für mich relevant.»

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Sie haben gewählt: «Pernille» heisst der Waldrapp

BeobachterNatur übernimmt die Patenschaft für ein Jungtier (Bild) des ­europäischen Waldrapp-Projekts. Im Oktober gaben die Leserinnen und Leser ihre Vorschläge zur Namenstaufe des jungen Waldrapp-Weibchens ab. Die Redaktion stellte anschliessend die schönsten Namen zur Wahl vor, wobei «Pernille» eindeutig das Rennen für sich entschied und der Waldrapp seinen provisorischen Namen «Naturbeob­achter» abgeben konnte.

Quelle: Markus Unsöld

Folgen Sie den Vögeln

Verfolgen Sie mit dem Animal Tracker die Routen der Waldrappe mit der kostenlosen Animal Tracking App. Die Vögel sind mit GPS- Sendern ausgestattet, die regelmäßig in Echtzeit die Positionen auf eine Datenbank übertragen.

Wenn Sie einen der mit winzigen Sendern auf dem Rücken ausgerüsteten Waldrappe in der Natur beobachten, können Sie diese Informationen sowie Fotos direkt in der Datenbank hochladen. Ihre Beobachtungen sind sehr wertvoll für das Projekt. Werden Sie aktiv, werden Sie ein Animal Tracker!

Zur Animal Tracking App

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Das kann ich jeden Abend mit meiner Katze erleben – aber mit einem frei lebenden Waldrapp? Hier kommt das Internet ins Spiel. Es erzeugt durch seine Bilder Empathie, die das Fundament legt für ­eine soziale Beziehung. Josef Reichholf sieht einen emotionalen Fortschritt vom starren Foto zum bewegten Echtzeitbild: «Der Eisbär, der auf eine treibende Eisscholle springt, bewirkt sicherlich mehr als jeder warnende Appell der Klimaforscher mit ihren Grafiken, die keiner versteht.» Tierbilder als Sympathieträger nutzt der Naturschutz seit langem. «Doch selbst mitzuzittern, ob das per Livestream begleitete Tier überlebt, und zu erleben, wer oder was sein Dasein konkret bedroht, entwickelt eine ganz andere Grössenordnung von Empfindungen, als es noch so eindringliche Worte oder Fotos vermögen.»

Doch wie kommen die Tiere ins Internet? Diese Frage führt zur Disziplin der Wildtier-Telemetrie. Immer mehr Wildtiere werden wie Shorty mit leistungsstarken GPS-Sendern ausgerüstet, damit sie in Echtzeit geortet werden können: Thunfische, Wildpferde, Störche, Haie, Meeresschildkröten. Die Sender sind so klein und robust, dass sich selbst Libellen oder Schmetterlinge technisch aufrüsten lassen. Die an eine Empfangsstation gesendeten Daten liefern Informationen über Verhalten und Bewegung der Tiere. Die Aussentemperatur kann ebenso übertragen werden wie Herzschlag, Blutdruck oder Nierenfunktion. Was fühlt ­eine Schwalbe, wenn sie in einen Wir­belsturm gerät? Erlebt sie Stress? Diese Fragen werden wir bald beantworten können.

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