1. Home
  2. Umwelt
  3. Artenvielfalt: Da warens nur noch vier

ArtenvielfaltDa warens nur noch vier

Die Schweiz wendet 100 Millionen Franken jährlich für Artenschutz auf. Effizientere Massnahmen wären möglich – doch die Bürokratie bremst sie aus.

Gartenrotschwanz

Von

Das Geld ist weg und das Rebhuhn nicht zurück: Die Millionen, die Bund, Kantone und Stiftungen ausgaben, sind offenbar ohne Resultat verpufft. Und das ist kein Einzelfall.

Seit 20 Jahren legen Schweizer Bauern Ökoflächen an. Seit zehn Jahren fördert der Bund mit Subventionen zusätzlich Ökoqualität. Heute ist rund die Hälfte der landwirtschaftlichen Ökofläche «vernetzt», bietet also «Korridore» für Pflanzen und Tiere; ein Drittel hat «Ökoqualität». Trotzdem nehmen die Brutvogelbestände weiter ab. Entweder sind also andere Faktoren am Rückgang der Artenvielfalt schuld, oder die In­strumente zur Ökologisierung bewirken nicht viel. Oder beides zusammen.

Insbesondere die Vernetzungsprojekte stehen im Verdacht, wenig zu bewirken. Sie sollen Lebensräume miteinander verbinden und so die Überlebenschancen selten gewordener Tier- und Pflanzenarten verbessern. Zu jedem Vernetzungsprojekt gehören ein Projektplan und ein Bericht. Darin müssen die Projektleiter, meist Ökobüros, den Ausgangszustand und die «Zielarten» definieren, die vom Projekt profitieren sollen. Dann schreiben sie Bauern vor, wo sie ihre Ökoflächen anlegen und wie sie sie bewirtschaften müssen.

Mehr Massnahmen, weniger Vögel

Trotz Ökoflächenzwang (ab 1993) und Vernetzungs­beiträgen (ab 2001) nehmen die Brutvogelarten ab.

Quelle: F1Online

Erfolgskontrolle nur in Ausnahmefällen

Aber bereits bei der Definition der Ziel­arten hapert es. Von den 1700 gefährdeten Pflanzen- und Tierarten, für die die Landwirtschaft in der Schweiz Verantwortung trägt, wird in den Projekten nur ein Bruchteil erwähnt. Und wenn, sind es die immer gleichen Arten, kritisiert Thomas Walter, Biodiversitätsspezialist der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope. «Mehr als die Hälfte der vorgeschlagenen Einzelfördermassnahmen orientiert sich an den Bedürfnissen von nur 15 Arten.» Viele Berichte gleichen sich. Besonders beliebt ist die Förderung von Feldlerche, Gartenrotschwanz, Feldhase und Zauneidechse.

Doch es ist nicht einmal sicher, ob diese wenigen Arten profitieren. Der Bund gibt zwar jährlich rund 100 Millionen Franken für Vernetzungsprojekte aus, doch er fordert nur Zwischenberichte, keine Erfolgskontrollen. Die werden nur in Ausnahmefällen durchgeführt, und wenn, dann meist von den Projektverantwortlichen selber.

Die Natur lässt sich nicht planen

Im Kanton Zürich etwa waren 2011 nur bei 18 von 84 Vernetzungsprojekten Wirkungskontrollen vorgesehen. Mit ernüchternden Ergebnissen: Die Bestände an Orchideen, Vögeln und Schmetterlingen entwickelten sich ganz unterschiedlich – und völlig unabhängig von den Massnahmen. Eine Analyse der Forschungsanstalt Agroscope zeigt sogar: «Es kann zu Vernetzungsprojekten kommen, die das Geld nicht wert sind, das die öffentliche Hand einsetzt.»

Das dürfte auch auf einige Öko- und Beratungsbüros zutreffen, die pro Vernetzungsprojekt zwischen 30'000 und 100'000 Franken von den Bauern einziehen – ohne Garantie, dass es am Ende etwas bringt.

Mit der neuen Landwirtschaftspolitik, der AP 14–17, fördert der Bund diese Vernetzungsprojekte noch stärker: Die Subven­tionen werden hochgefahren, die Projektdauer wird von sechs auf acht Jahre verlängert, wo immer möglich wird mit Landschaftsqualitätsprojekten kombiniert: Was der Natur nützt, soll auch noch schön anzusehen sein. Dafür wird die Projektarbeit einfacher: Die häufigsten 300 Arten sollen neu von zehn Standardmassnahmen profitieren. Christian Hofer, Vizedirektor des Bundesamts für Landwirtschaft, glaubt, dass sich so die Artenvielfalt noch gezielter fördern lässt. Zumal die Kantone noch Spielraum für weitergehende Massnahmen hätten.

Allerdings ist das mit den Massnahmen auch so eine Sache. Artenvielfalt findet in der Natur statt. Sie zu bewahren ist ein äus­serst komplexes Unterfangen. Anfang der Neunziger lancierte die Schweizerische Vogelwarte etwa Projekte, um das Rebhuhn im schaffhausischen Klettgau und in der Champagne genevoise wieder anzusiedeln. Dafür flossen zuletzt vier Millionen Franken pro Jahr in Form ökologischer Direktzahlungen. Hinzu kamen Millionenbeträge vom Bundesamt für Umwelt, von den betroffenen Kantonen, der Vogelwarte und diversen Stiftungen. Nach zehn Jahren war der Brutpaarbestand im Kanton Genf von 14 auf 4 gesunken, im Klettgau von 4 auf 3.

An den Bauern konnte es nicht liegen. Sie werteten ihre Flächen getreu den Vorgaben der Vogelwarte ökologisch auf. Sie verkleinerten Parzellen, legten Buntbrachen und Hecken an, legten Ackerland still und säten Blumenstreifen. So erfüllten sie das Ziel, den Lebensraum von fünf Prozent wert­vollen ökologischen Ausgleichsflächen auf zehn Pro­zent naturnahe Flächen aufzuwer­ten. Die beliebten Naherholungsgebiete wurden so noch attraktiver. Dummerweise fühlen sich in diesem Landschaftsmosaik auch Mäuse, Mäusebussarde und Füchse wohl; Letztere verschmähen Rebhühner nicht. Die zusätzlich ausgesetzten Rebhühner waren im wahrsten Sinn «für d Füchs». Freilaufende Hunde und strenge Winter setzten den Vögeln zusätzlich zu.

Das erfolglose Projekt ist keine Aus­nahme. Was in der Theorie gut klingt, ist in der Praxis oft wirkungslos. In den letzten 20 Jahren wandelten die Bauern 125000 Hektaren Land – beinahe die Grös­se des Kantons Aargau – in Ökoflächen um. Auf diesen wird heute kaum noch gedüngt, das Gras spät gemäht, und es werden Hecken, Hochstammbäume und Buntbrachen gepflanzt. An einigen Orten nahm die Artenvielfalt zu, an anderen schrumpfte sie.

Fläche ist offenbar nicht alles. Eine ­Studie zeigte sogar, dass 5 oder 50 Prozent Ökofläche für die Artenvielfalt kein Unterschied ist. Dennoch sind die Bauern verpflichtet, mindestens sieben Prozent ihres Landes als Ökofläche zu bewirtschaften, in Vernetzungsprojekten gar 12 bis 15 Prozent. Wegen der neuen Agrarpolitik dürften in Zukunft mehr Ökoflächen ausgeschieden werden. Allerdings vorwiegend dort, wo schon heute kein Mangel daran besteht – in den oberen Zonen des Berggebiets –, und nicht dort, wo Ökoflächen fehlen. Doch mehr Trockenwiesen am Berg nützen den Fröschen unten im Tal herzlich wenig.

Viele Massnahmen wirken mal so, dann wieder anders. Das Düngeverbot für extensive Wiesen etwa kann die Artenvielfalt fördern – oder dafür sorgen, dass die Vielfalt abnimmt, weil gewisse Blumen förmlich verhungern. Der kalendarisch festgelegte Schnittzeitpunkt hilft raren Pflanzen beim Versamen – oder er hilft Schmarotzerpflanzen, seltene Blumen zu verdrängen.

Viele unerwünschte Nebeneffekte lies­sen sich vermeiden, wenn die Bauern nicht für das Einhalten von Massnahmen, sondern für konkrete Ergebnisse honoriert würden. Das geschieht lediglich bei den Qualitätsbeiträgen – und auch da nur ansatzweise: Wenn der Kontrolleur auf einer Wiese 6 von 40 Pflanzenarten einer bestimmten Liste findet, erhält der Bauer höhere Biodiversitätsbeiträge. Die pauschalen Bewirtschaftungsvorschriften muss er trotzdem erfüllen. Ausnahmen gibts nur, wenn ein begründeter Antrag eines aus­gewiesenen Spezialisten vorliegt, der dann von einer Bewilligungsbehörde genehmigt werden muss. Flexible Zeiten für das ­Mähen von Wiesen lehnen angeblich die Kantone ab, weil sich die Kontrollen dann nicht mehr so leicht terminieren liessen.

Bürokratie ist offenbar wichtiger als Ökologie. Und sie wird mit der neuen ­Agrarpolitik noch besser gedeihen.

Veröffentlicht am 26. November 2013