In einem gross angelegten Forschungsprojekt auf Madagaskar sammelten Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern beinahe 3000 Frösche und deren Kaulquappen ein. Anhand von molekulargenetischen Methoden zeigte sich, dass unter den gefundenen Tieren auch etliche bislang unbekannte Arten sein mussten. «Wir dachten, dass wir die meisten Arten kennen. Doch die neue Inventur zeigt, dass auf Madagaskar noch viel mehr Arten leben, als wir bisher vermutet hatten», schreiben die Forscher in einer Medienmitteilung.

Nach weiterführenden Untersuchungen stand fest, dass die Amphibienspezialisten mindestens 130 neue Arten entdeckt hatten, für die es bisher keinen Namen gab. Hinzu kommen 90 weitere Kandidaten, die wahrscheinlich ebenfalls neue Arten sind, von denen es aber ausser ihrer abweichenden DNA-Sequenz bislang keine weiteren Daten gibt.

Professor Miguel Vences, in dessen Arbeitsgruppe an der Technischen Universität Braunschweig die Untersuchungen durchgeführt wurden, meint dazu: «Viele Menschen glauben, dass wir schon längst wissen, welche Tier- und Pflanzenarten auf unserer Erde leben. Dabei hat das Jahrhundert der Entdeckungen gerade erst begonnen – die meisten Arten warten noch darauf, beschrieben und wissenschaftlich benannt zu werden.»

Die Ergebnisse aus Madagaskar, die in der renommierten Zeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA) veröffentlicht werden, sind auch für den Naturschutz von hoher Bedeutung: Viele der neuen Arten wurden in sehr kleinen Waldgebieten gefunden, die bislang nicht unter Schutz stehen.

Die Lebensräume brauchen sofortigen Schutz

Laut den Wissenschaftern hatte Madagaskar, eines der ärmsten Länder der Welt, in den letzten Jahren vorbildliche Anstrengungen unternommen, seine einzigartige Natur zu schützen. Anfang dieses Jahres jedoch wurde der gewählte Präsident Madagaskars, Marc Ravalomanana, durch einen Militärputsch aus dem Amt vertrieben. «Im dadurch entstandenen Machtvakuum ist der Schutz der letzten Regenwälder derzeit nicht gewährleistet», schreiben die Forscher. «Selbst aus Nationalparks werden grossflächige Abholzungen vermeldet.» Zudem sei der Ökotourismus, eine wichtige Einnahmequelle für das Land, auf Grund der Unruhen weitgehend eingebrochen, und geschützte Gebiete seien nun wieder steigendem Druck durch Tierschmuggel und Brandrodung ausgesetzt.

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Die Wissenschafter glauben daher, dass viele der gerade erst entdeckten Froscharten aussterben werden, noch bevor sie überhaupt einen Namen bekommen haben – ausser es gelingt, ihre Lebensräume sofort zu schützen. «Es bleibt zu hoffen, dass eine baldige Lösung der gegenwärtigen politischen Konflikte gefunden werden kann, um eine ökonomische und ökologische Katastrophe in Madagaskar zu verhindern», meint Dr. Jörn Köhler vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt. (sb)