Wer Bioprodukte kauft, tut nicht automatisch Gutes für die gesamte Natur. Zwar verzichten Biobauern ganz auf Chemie, doch ausgerechnet die Artenvielfalt ist in den Richtlinien von Bio Suisse – dem Label mit der Knospe – oder anderen Bio-Organisationen kein Thema. Weder müssen die Bauern mehr Flächen für die Natur ausweisen noch mehr Hecken oder Bäume pflanzen.

Auch der grösste Konkurrent des Bio-Suisse-Labels, der IP-Suisse-Marienkäfer, war bis vor kurzem kein Garant, dass Produkte aus artenreicher Kulturlandschaft stammen. Doch nun kommt Bewegung in die Sache: IP-Suisse hat die Richtlinien verschärft und engagiert sich neuerdings für mehr Vielfalt – und zwar flächendeckend.

«Quantensprung für die Natur»

Jeder IP-Suisse-Bauer – in der Schweiz immerhin jeder vierte Landwirt – muss nun Buntbrachen pflegen, Ökowiesen ansäen oder Hecken und Bäume pflanzen. Mit jeder Brache, jedem Steinhaufen bekommt der Landwirt eine gewisse Anzahl Punkte. Wer nicht genügend Punkte aufweist, darf das IP-Label ab 2015 nicht mehr führen.

In der Migros werden IP-Suisse-Produkte unter dem neuen Logo «TerraSuisse» verkauft. Die Richtlinien sind genau dieselben – trotz der unterschiedlichen Logos und Werbekampagnen.

«Wenn sich nun ein Viertel aller Bauern für die Feldlerchen, die Hasen und die Frösche einsetzt, ist das ein Quantensprung für die Natur», sagt Markus Jenny von der Vogelwarte Sempach. «Ein Fortschritt, den die Agrarpolitik trotz milliardenschwerer Direktzahlungen bis jetzt nicht vorzeigen kann.» Der Naturschützer hat das Punktesystem gemeinsam mit anderen Agrarökologen und dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) entwickelt. Auch unabhängige Stimmen loben die Entwicklung. «Das Potential für die Biodiversität ist tatsächlich hoch», sagt etwa Daniela Pauli, Geschäftsleiterin des Forums Biodiversität an der Akademie der Naturwissenschaften in Bern. Selbst Jacqueline Forster-Zigerli von Bio Suisse räumt ein: «Damit macht die Landwirtschaft sicherlich einen ganz grossen Fortschritt.»

Auslöser für die grossflächige Aufwertung der Landschaft war ausgerechnet der Auftritt von Discountern wie Aldi oder Lidl. Sowohl IP-Suisse als auch Migros – mit 70 Prozent grösster Abnehmer von IP-Produkten – standen durch die günstigere Konkurrenz unter Druck und waren gezwungen, neue Marketingideen zu entwickeln: Man wollte den Konsumenten einen zusätzlichen Grund für die Bevorzugung von Schweizer Produkten bieten. So entstanden das neue IP-Konzept und das Label «TerraSuisse». Denn im Bereich Ökologie konnte man noch punkten.

Seltene Vögel kehren zurück

Damit konnte man gleich ein zweites Problem angehen: «Der ökologische Mehrwert unserer Produkte war bis jetzt nur schwer kommunizierbar», sagt «TerraSuisse»-Projektleiter Peter Althaus. Die Folge: Die Konsumenten nahmen das IP-Label bislang nicht als besonders ökologisch wahr. «Dank der Neuausrichtung kann sich IP-Suisse besser als Ökolabel positionieren und Kunden einen deutlicheren Mehrwert gegen-über Billigprodukten bieten», so Althaus.

Ob reine Marketingstrategie oder nicht: Die Naturschützer freuen sich über das neue Engagement von über 17'000 Bauern für die Natur. Wie die Landschaft profitiert, wenn die Bauern auch an die Feldlerchen oder Hasen denken, sieht man laut Markus Jenny bereits im schaffhausischen Klettgau: Im Rahmen eines Aufwertungsprogramms legen die Landwirte dort seit vielen Jahren Hecken oder Brachen an. Der Feldhasenbestand ist in der Folge rapide angewachsen, viele seltene Vögel wie zum Beispiel die Feldlerche oder die Goldammer sind zurückgekehrt, Schmetterlinge schaukeln wieder über die Wiesen.

Doch es gibt auch kritische Einwände. «Ob die Anstrengungen wirklich genügen, muss erst noch getestet werden», sagt Lukas Pfiffner, Projektleiter beim FiBL. Eine entsprechende Studie läuft derzeit. «Entscheidend ist das minimale Punkte-niveau, das die Bauern erreichen müssen», so Daniela Pauli. Das müsse zunächst evaluiert werden. Einen anderen Einwand hat Jacqueline Forster-Zigerli: «Was mich stört, ist die Tatsache, dass man schon jetzt kräftig die Werbetrommel rührt, obwohl die Massnahmen noch gar nicht überall umgesetzt, geschweige denn geprüft sind.»

Viele IP-Bauern könnten kneifen

In der Tat müssen die IP-Landwirte die erforderliche Punktezahl erst im Jahr 2015 erreichen. Wie viele bis dahin abspringen werden, ist offen. «Es könnte sein, dass bis zu einem Drittel der Bauern nicht bereit ist, die geforderte Leistung für die Artenvielfalt umzusetzen», sagt Markus Jenny.

Trotzdem gerät das Konkurrenzlabel Bio Suisse unter Druck, denn IP-Bauern müssen sich nun stärker für den Erhalt der Artenvielfalt engagieren als Biobauern. Und der vorgeschriebene Anteil unbewirtschafteter Ausgleichsflächen ist bis jetzt auch bei Bio Suisse mit sieben Prozent gleich klein wie bei «Otto Normallandwirt».

«Bei der Förderung der Biodiversität haben wir nun gegenüber den anderen Labels sicher einen Vorsprung», ist Peter Althaus von IP-Suisse überzeugt. Für FiBL-Mitarbeiter Lukas Pfiffner ein voreiliger Schluss: «Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass die Artenvielfalt auf Biohöfen höher ist als auf IP-Betrieben.» Dass IP wegen des neuen Punktesystems die Biobetriebe übertrumpfe, sei unwahrscheinlich. «IP-Bauern setzen ja weiterhin Pestizide und Mineraldünger ein. Das hat auf die Artenvielfalt nachweislich einen negativen Effekt.» Auf Wiesen und Weiden sei die Differenz aber eher gering.

Für Jenny ist die Diskussion darüber, welches Label für die Natur besser sei, müssig: «Es sind unterschiedliche Systeme mit ähnlichen Zielen. Beide haben Vor- und Nachteile», sagt er. «Aus ökologischer Sicht wäre der Optimalbauer ein Biobauer, der sich wie die IP-Suisse-Bauern noch stärker für Biodiversität engagiert.»

Dieser Ansatz erhält nun Zuspruch: «Wir überlegen uns, ob wir das Punkte-system übernehmen und für uns anpassen könnten», sagt Jacqueline Forster-Zigerli von Bio Suisse. Zudem hat Bio Suisse kürzlich ein eigenes Projekt für Biodiversität lanciert. Bauern, die freiwillig aktiv werden möchten, können sich gratis beraten lassen. Das ökologische Wettrüsten zwischen den beiden Konkurrenten hat also begonnen – Aldi, Lidl und Co. sei Dank.