25 Jahre sind seit Tschernobyl, dem bislang schwersten Atomunglück, vergangen. Und noch immer sind in Südengland Wiesen für die Viehhaltung gesperrt, noch immer dürfen in Finnland an manchen Orten keine Fische gezüchtet werden. Zwei Beispiele von vielen, die ein Forscherteam unter der Leitung der Leuphana Universität Lüneburg zusammengetragen hat. Ausgewertet wurden 521 Studien aus ganz Europa. «Sie zeigen, dass die Folgen von Tschernobyl noch längst nicht ausgestanden sind», sagt Studienleiter Henrik von Wehrden.

Ein Grund dafür ist die lange Halbwertszeit der Radionuklide, die beim Super-GAU in Tschernobyl freigesetzt wurden. Dazu zählen Caesium-137 (Halbwertszeit: 31 Jahre) und Strontium-90 (29 Jahre). Die beiden radioaktiven Isotope, die nicht einmal zur Hälfte zerfallen sind, sorgen bis heute für eine erhebliche Strahlenbelastung. In südschwedischen Pilzen etwa wurden 2009 Werte von 180'000 Bequerel pro Kilogramm gemessen – der zulässige Grenzwert liegt bei 600 Bequerel –, und in Deutschland haben Forscher 2009 stark erhöhte Werte in Wildfleisch festgestellt.

Welche Konsequenzen die Strahlenbelastung für die Ökosysteme hat, sei bis heute nur unzureichend bekannt, kritisieren die Lüneburger Forscher. Man weiss, dass selbst geringe Strahlendosen Pflanzen und Tiere schädigen können. Ratten ändern beispielsweise ihr Schlafverhalten, wenn sie radioaktives Wasser trinken, und in Zwiebeln hat man bei ähnlichen Strahlendosen Chromosomen-Schädigungen festgestellt. Bei Tschernobyl ist ein grosses Waldgebiet abgestorben, und die Mutationsraten in Fischen und Vögeln in der Umgebung des Unglückreaktors sind drastisch gestiegen.

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Zusammen mit seinen Co-Autoren regt Henrik von Wehrden an, Lehren aus Tschernobyl zu ziehen. Das betreffe nicht nur die Politik, sondern auch die Forschung: «Wir müssen uns besser koordinieren, um fundierte Erkenntnisse über die langfristige Wirkung von Strahlung auf komplexe Ökosysteme zu gewinnen.» Die Erkenntnisse der Wissenschaftler werden nun in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift «Conservation Letters» veröffentlicht. (sto/Informationsdienst Wissenschaft)