Während der Wettkampfzeit habe ich fast keine Haare am linken Arm. Ich rasiere sie ständig mit einer Axt ab, um zu prüfen, wie scharf die Klinge ist. Ich habe mehrere Äxte, alle schleife ich selbst. Tja, das kostet viele Haare. Wenn ich am Arm keine mehr habe, sind die Beine dran. Der Schneidewinkel einer Wettkampfaxt beträgt 14 Grad - sie ist damit praktisch so scharf wie eine Rasierklinge.

Doch die Schärfe ist nicht alles: Beim Sportholzfällen entscheidet zu 85 Prozent die Hacktechnik, und nur 15 Prozent sind Kraft. Es gilt, der Axt im letzten Augenblick den richtigen Zwick zu geben, damit es richtig «chläpft». Die Stahlklinge muss präzis in die Kerbe des vorherigen Schlags treffen, sonst schneide ich doppelt, und wertvolle Zeit verstreicht.

29 Sekunden habe ich Mitte September im deutschen Oberstdorf an den Weltmeisterschaften der Stihl Timbersports Series im Sportholzfällen gebraucht, um einen 32 Zentimeter dicken Pappelstamm entzweizuschlagen. Ich belegte den vierten Platz. Über Sieg oder Niederlage entscheidet oft der Bruchteil einer Sekunde. Der Sport hat sich in Australien vor 120 Jahren aus der Szene der professionellen Holzfäller entwickelt. Seit sechs Jahren finden auch in Europa Wettkämpfe statt.

Höllenmaschinen und Gehörschutz
In der Disziplin «Single Buck» - eine von sechs - rücken wir den Baumstämmen mit zwei Meter langen und fünf Kilo schweren Handsägen zu Leibe. Richtig spektakulär wirds, wenn wir in der Disziplin «Hot Saw» zur Motorsäge greifen. Damit schneide ich in gerade mal sieben Sekunden von einem 46 Zentimeter dicken Stamm drei Holzscheiben ab, die höchstens 15 Zentimeter breit sein dürfen. Diese Sägen sind Höllenmaschinen, manche über 30 Kilo schwer, ausgerüstet mit 70-PS-Motoren und damit so stark wie ein Kleinwagen. Ohne Gehörschutz geht da nichts.

An Wettkämpfen sind Schnittschutzhosen, Kettenstrümpfe und Überziehstiefel aus Stahl Vorschrift. Geht ein Schlag mit der Axt daneben, bricht vielleicht ein Knochen, aber sie verursacht dank den Kettenstrümpfen keine Fleischwunde. Viele Leute denken, es handle sich um einen gefährlichen Sport. Aber wir gehen mit unseren Werkzeugen verantwortungsvoll um. Deshalb passiert kaum je etwas. Es ist wohl gefährlicher, einem 18-Jährigen, der in der Freizeit nur Videogames spielt, ein Messer in die Hand zu geben.

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Einen Fitnessraum brauchts nicht
Verunfallt bin ich zum Glück noch nie. Ausser in meinem Beruf als Holzfäller. Dort geriet ich vor 14 Jahren einmal unter einen abrollenden Buchenstamm. Ich brach mir den Oberarm. Der Stamm wog etwa fünf Tonnen, er hätte mich auswallen können wie Kuchenteig. 

Vor wichtigen Wettkämpfen trainiere ich dreimal die Woche bis zu vier Stunden. Oben im Wald bei Biel in Richtung Magglingen. Fitnessraum oder Eiweiss-Shakes brauche ich nicht. Ich esse mehr als der Durchschnitt. Am liebsten habe ich Teigwaren, und wenn ich in Alaska bei meinen Freunden bin, darf es auch mal ein Elchrippli sein. Die nötige Portion Fitness gibt mir mein Beruf.

Heute bin ich 40 und zweifacher Schweizer Meister im Sportholzfällen. In diesem und im letzten Jahr wurde ich zudem Eurojack-Europameister. Das ist quasi der Zehnkampf der Sportholzfäller. Wir werfen mit Äxten auf Ziele und klettern mit Steigeisen auf Bäume. Geschicklichkeit, Kraft und Ausdauer sind für den Sieg entscheidend. Obwohl es immer ein grosses Spektakel ist, nehmen uns die Medien nicht richtig wahr. Das ist ein Frust, denn wäre der Sport populärer, würde sicher auch mehr Preisgeld fliessen. Vom Sport allein kann ich meine Frau und meine 15 Monate alte Tochter nicht ernähren.

Eine wichtige Einnahmequelle ist der Handel mit Forstartikeln sowie Wettkampfwerkzeug, den ich im Internet aufgezogen habe. Ich kaufe Axtrohlinge ein und schleife sie zu Wettkampf- oder Trainingsäxten. Und ich arbeite häufig in Privatgärten, wenn es Bäume zu schneiden oder zu fällen gibt, oder für Forstunternehmer. Zudem säge ich Holzskulpturen, die ich verkaufe: Pilze, Reiher und Bären.

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Das erste Beil mit vier Jahren
Ich stamme aus einer Holzdynastie: Mein Urgrossvater war Holzer, der Grossvater Zimmermann, mein Vater hat ab und zu im Wald gearbeitet, und ich habe mit 25 Jahren die Ausbildung zum Förster abgeschlossen. Geboren bin ich in Wengi bei Büren, gross geworden auf einem Bauernhof im Bernbiet. Mein erstes Beil hatte ich mit vier Jahren. Ich begleitete jeweils meinen Vater und den Onkel, wenn sie Brennholz für den Winter schlugen. Ich schlich mit der Axt im Wald herum und schaute, dass das Feuer nicht ausging, das die beiden angezündet hatten. Mit sechs fällte ich den ersten Baum. Ich erinnere mich noch gut: Es war eine Erle. Ich verarbeitete sie mit der Axt zu einer Holzbeige.